Donezk: Ringen um ein wenig Normalität

Reportage17. Mai 2015, 12:00
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"Volksrepublik Donezk": Menschen kämpfen die ums Überleben, Viertel liegen in Trümmern, Bankensystem zusammengebrochen

Still und vom frischen Maigrün der Bäume beschirmt liegt die Artema-Straße im Zentrum der früheren Millionenstadt Donezk. Auch an Wochentagen fahren nur wenige Autos durch die Hauptstadt der selbsternannten "Volksrepublik Donezk", im Zentrum sind die meisten Geschäfte und Cafés geschlossen. Vereinzelt haben kleine Lebensmittelhändler geöffnet. Die Preise sind hoch, die Auswahl ist übersichtlich.

Auch in den Läden der neuen Lebensmittelkette "Erster Republikanischer Supermarkt" müssen die Bewohner für Grundnahrungsmittel tief in die Tasche greifen. Zum ersten Jahrestag des Referendums über die Unabhängigkeit der Region Donezk startet die Regierung von Anführer Alexander Sachartschenko die "Zurück-an-den-Staat-Kampagne". Neben der Schwerindustrie sollen auch das Transportsystem sowie der Dienstleistungssektor verstaatlicht werden.

Die "Republikanischen Supermärkte" sind die ersten Vorboten dieses Programms. Das Warenangebot erinnert an DDR-Zeiten vor 1989. Im Kühlregal finden sich zwei Käsesorten, der Rest der Fläche ist mit russischer Mayonnaise in Plastiksäcken bestückt. In den Regalen finden sich meterweise Sodawasser-Angebote oder Sardinen in Konserven. Außer Orangen gibt es kein frisches Obst. Ein Kopf Weißkohl kostet umgerechnet fast zwei Euro. Preise, die für die meisten Menschen unbezahlbar sind - so sie überhaupt an Geld kommen. Denn der Bargeldverkehr ist zum Erliegen gekommen. Banken arbeiten nicht, Geldautomaten sind stillgelegt.

Neue Zentralbank

Die Regierung hat angekündigt, einen eigenen Bankensektor aufzubauen. Die neugegründete Zentralbank hat ihren Sitz in einem Büroturm am Friedensboulevard bezogen, doch Fragen, wieweit der Aufbau des Bankensektors der "Volksrepublik Donezk" fortgeschritten sei und welche Währung der neue Staat einmal haben solle, bleiben unbeantwortet.

Für Leute wie Walentina ist die Bankenkrise existenzgefährdend. Die Pensionistin ist verwitwet, ihre Familie lebt in Russland. "Als die Banken noch geöffnet hatten, haben sie mir Unterstützung überwiesen, doch das ist vorbei", klagt die alte Frau. Sie spricht Ausländer vor dem früheren Amtssitz des Gouverneurs an und bittet um Bargeld. "Können Sie mir 300 Griwna oder 30 Euro geben?", fragt sie. Walentina ist auf bestimmte Medikamente angewiesen, die es in der "Volksrepublik Donezk" nur gegen Bargeld gibt.

Abhängig von Spenden

Mittlerweile muss sich ein Großteil der Einwohner mit Lebensmittelspenden versorgen. Auch Tatjana erhält seit Oktober Hilfspakete. Die 55-Jährige arbeitet als Freiwillige bei der Nahrungsmittelausgabe der Rinat-Achmetow-Stiftung. "Von Montag bis Freitag zwischen zehn und 15 Uhr verteile ich Nudeln, Haferflocken und Dosenfleisch", sagt die blonde Frau.

Vor dem modernen Bürogebäude in der Artema-Straße 100 hat sich auch an diesem regnerischen Vormittag eine Menschenschlange gebildet. Zwei Männer lassen immer nur fünf Personen auf einmal in das Gebäude. Vor dem Krieg hatten dort mehrere Firmen ihre Büroräume. Die großzügige Ausstattung - unterschiedliche Blautöne an den Wänden und stattliche Panoramafenster - lässt erahnen, dass hier einmal die Arbeitsplätze gut ausgebildeter Leute gewesen sind.

Die Kämpfe der vergangenen Monate haben in Donezk erhebliche Schäden an der Infrastruktur angerichtet. Acht Stadtviertel sind teilweise so zerstört, dass sie unbewohnbar sind. Eines von ihnen ist der "Kiewer Bezirk", dort haben bis vor einem Jahr rund 84.000 Menschen gelebt. Nun ist das Viertel in der Nähe des ehemaligen Großflughafens von Donezk ohne Strom- und Gasversorgung. Es gibt kein einziges Gebäude, das unbeschädigt geblieben wäre. Aus manchen Fenstern wehen Gardinen, Balkontüren stehen offen, überall sind zersplitterte Fenster zu sehen, bei einer Reihe von Häusern fehlt das komplette Dach.

"Es gibt nicht genug Baumaterial, um die Schäden auszubessern", sagt Wiktor. Der alte Mann lebt bis heute in dem Bezirk, die gesamte Straße ist verwüstet, Strom und Wasser sind seit Monaten abgestellt. Auf dem Hof einer ausgebombten Schule hat Wiktor sich einen provisorischen Ofen gebaut, dort kocht er Wasser auf und bereitet sich sein Essen zu. Auch er ist auf Lebensmittelspenden angewiesen.

"Ohne diesen Krieg wäre unsere junge Republik schon viel weiter", sagt Tatjana trotzig. Diese Meinung ist in Donezk sehr verbreitet. Viele Bewohner schieben die Verantwortung für die Misere auf die Kiewer Zentralregierung. Doch auch Russlands Stern ist gesunken. Ein Mann, der sich ebenfalls von der Achmetow-Stiftung seine Lebensmittelration abholt, klagt: "Wir sind komplett auf uns allein gestellt. In Kiew sitzen Verräter, die mit uns nichts zu tun haben wollen, und Russland hilft auch nur halbherzig."

Parallelen zum Kriegsende

In diesen Tagen werden oft Parallelen zum Jahr 1945 gezogen. Wie in Moskau fand auch in Donezk am vergangenen Wochenende eine Truppenparade zum 70. Jahrestag des Sieges der Roten Armee über Nazideutschland statt. Bei strömendem Regen hatten sich mehrere Tausend Menschen versammelt, um den einstündigen Militäraufmarsch zu sehen. Panzer und andere schwere Waffen, dazu mehrere Hundert Soldaten, zogen am Lenin-Denkmal im Stadtzentrum vorbei. Damals im Krieg, sagt Tatjana, habe man sich "mit eigener Kraft aus großer Not befreit. So wird es dieses Mal wieder werden."

Es gibt aber auch andere Stimmen. Wadim Opoprijenko ist Vizedirektor der Klinik für Traumatologie - eines der wenigen Krankenhäuser, die ihren Betrieb noch nicht eingestellt haben. Die Klinik ist voll belegt. Täglich werden weitere Verletzte eingeliefert. "Seitdem der Waffenstillstand vereinbart wurde, ist es zwar ruhiger geworden, aber ich sehe jeden Tag Schussverletzungen", sagt Dmitri Medwedew, der Leiter der Akutabteilung des Krankenhauses. Die meisten seiner Patienten sind Soldaten, aber es trifft auch Zivilisten.

Gestänge im Oberarm

Viele von ihnen besuchen die Sprechstunde Medwedews. Der 46 Jahre alte Dmitri trägt ein Eisengestänge am linken Oberarm. An einem Sonntag im vergangenen September schlug ein Geschoß im Hof seiner Wohnung ein. "Mein Sohn, mein Schwager und ich waren gerade im Garten, als es plötzlich einen ohrenbetäubenden Knall gab", sagt Dmitri. Plötzlich fühlte er, wie sein linker Arm "wegrutschte", wie Dmitri es beschreibt. Er habe instinktiv seine rechte Hand unter den Ellenbogen gedrückt. Heute sind mehrere Narben auf Oberarm und Brust sichtbar. Das Geschoß hatte das Eisengitter im Garten getroffen - mehrere Splitter durchbohrten Dmitris linken Oberarm und Oberkörper. "Meinem Schwager hat es die Lunge zerrissen, er hat den Angriff nicht überlebt", sagt der grauhaarige Mann und blickt zu Boden.

Auch heute noch ist die Wohngegend, in der seine Familie lebt, unsicher. Selbst in der Innenstadt sind die Schüsse zu hören. Sobald es dunkel wird, beginnt das Grollen der schweren Waffen.

Plötzlich fahren mehrere schwarze Geländewagen vor die Klinik. Soldaten mit Kalaschnikow-Gewehren und blauen Baretten springen aus den Fahrzeugen und sichern die Umgebung. Alexander Sachartschenko, der Anführer der "Volksrepublik Donezk", bahnt sich auf Krücken gestützt den Weg zum gepanzerten Geländewagen. Er hat eine Verletzung am Fuß, die er sich im Februar beim Kampf um die Stadt Debalzewe zugezogen haben soll. Auf die Frage, wie er sich fühlt, gibt er zur Antwort: "Wir werden siegen." (Nina Jeglinski aus Donezk, 16.5.2015)

  • Bewohnerinnen des Donezker Bezirks Petrowski harren in einem Unterschlupf aus. Die meisten Einwohner der Stadt sind mittlerweile auf Lebensmittelspenden angewiesen.
    foto: epa/nikolai gontar

    Bewohnerinnen des Donezker Bezirks Petrowski harren in einem Unterschlupf aus. Die meisten Einwohner der Stadt sind mittlerweile auf Lebensmittelspenden angewiesen.

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