Japanische Zentralmatura: Humboldt statt Konfuzius

Essay16. Mai 2015, 14:00
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In Japan gibt es seit 1979 eine zentrale Aufnahmeprüfung für Unis, die von einer halben Million Schüler jährlich absolviert wird

Prüfungsnervosität

Prüfungen, Tests und Schularbeiten habe ich nie gemocht. Ich hatte immer das Gefühl, bei diesen Gelegenheiten nicht wirklich zeigen zu können, was ich kann. Mehr als um Denken, Argumentieren, Sich-Ausdrücken, Knüpfen von Zusammenhängen ging es um Strategien, um die Beherrschung der eigenen Affekte, um Kalküls. Ich hatte Blockaden. Mehr als einmal weigerte ich mich bei solchen Gelegenheiten im Gymnasium, mich überhaupt zu äußern.

Zum Lehren habe ich mich nie berufen gefühlt, aber durch verschieden Umstände bin ich auch in diese Rolle im Lauf der Jahre hineingewachsen. Und habe festgestellt, dass ich Prüfungen als Lehrer genauso wenig mag wie als Schüler. Ich betrachte sie als notwendiges Übel, denn in der Regel weiß ich bei einer Gruppe von Studenten recht bald, welches die Fähigkeiten jedes einzelnen sind und woran es ihm mangelt. Nur wenn ich mit anderen Lehrern einen Test erstellen muss und mich einem äußeren Kontrollprozess unterordne, lege ich dabei jene formale Rigidität an den Tag, die in Japan, wo ich seit 13 Jahren an Universitäten Deutsch als Fremdsprache unterrichte, üblich ist. Meistens geht es dabei um Fragen zum Textverständnis. Wenn ich von den üblichen Schemata, vor allem von der Reihenfolge der im betreffenden Text enthaltenen Informationen abweiche, wird mein Vorschlag zurückgewiesen. Der Prüfling könnte durch meine "zu schwierige" Frage verwirrt werden ... Das möchte ich natürlich nicht. Andererseits sage ich mir, dass durch die Befolgung immer derselben Schemata, die die Erfassung des Gesamtsinns eines Textes eher hintertreiben als fördern, auf Dauer selbstständiges Denken verhindert wird. Und das will ich auch nicht.

Man wird zweierlei einwenden. Erstens ist der Zweck von Tests und Prüfungen nicht das Vergnügen des Prüflings. In der Schule, an der Universität gibt es im täglichen Unterricht genügend Möglichkeiten, um Kreativität, Kommunikation und Freude am Lernen zu entfalten. Zweitens kann man auch Denkfähigkeiten und Sinnerfassung überprüfen, es kommt nur darauf an, geeignete Fragen zu finden. Besonders im zweiten Punkt stimme ich zu. Wenn ich mir Texterschließungsfragen bei Zentralprüfungen im deutschen Schulsystem ansehe, muss ich zugeben, dass viele davon gut durchdacht sind, auf Schematik verzichten und der Individualität des Prüflings beim Antworten Raum lassen.

Konfuzianismus und Humanismus

In einem Interview bezog sich Roland Reichenbach, ein Schweizer Erziehungswissenschafter, auf den ostasiatischen Konfuzianismus, um eine Neubestimmung von "Autorität" im schulischen Zusammenhang einzufordern. Seine Ansichten teile ich; ob uns in Europa aber ausgerechnet Konfuzius bei der Überwindung der pädagogischen Krise helfen kann, wage ich zu bezweifeln. Gewiss, die Wertschätzung der Figur des Lehrers ist in Japan und Südkorea ungebrochen. Das ist im Prinzip positiv und trägt viel dazu bei, dass man in beiden Ländern einen hohen durchschnittlichen Bildungsstandard erreicht hat und halten kann. Doch Konfuzianismus bedeutet nicht nur Wertschätzung des Lehrers, sondern auch strenge Hierarchien, in denen die Älteren die Jüngeren anleiten sollen, wobei es eher um die Einhaltung eines dichten Regelwerks geht als um zwischenmenschliche Hilfestellungen. Dieses System zieht sich von der Volksschule bis zu den Universitäten, und es herrscht ebenso in der Arbeits- wie in der Beamtenwelt (der Konfuzianismus fördert Bürokratisierung auf allen Ebenen). Dass sich davon etwas auf die Erziehungspraxis in Europa übertragen lässt, wage ich zu bezweifeln.

In Wahrheit mangelt es uns nicht an historischen Leitfiguren. Konrad Paul Liessmann beruft sich, um der um sich greifenden "Unbildung" etwas entgegenzusetzen, auf Wilhelm von Humboldt, und das mit sehr guten Gründen. Wir haben in Europa eine breite Tradition des Humanismus, eine ganze Reihe von Denkern und Erziehern, die Wege zur Vermenschlichung des Menschen aufgezeigt haben. Und darum sollte es immer noch gehen, um die Persönlichkeitsentfaltung möglichst vieler, möglichst aller jungen Menschen aufgrund der Anlagen, die sie mitbringen und die es zu wecken gilt.

Prüfungsparanoia

In Japan gibt es seit 1979 eine zentrale Aufnahmeprüfung für Universitäten, die derzeit von mehr als einer halben Million von zumeist achtzehnjährigen Schülern jährlich absolviert wird. Diese Prüfung, die so ziemlich alle Wissensfächer umfasst, hat in etwa denselben Stellenwert wie das Abitur, die Matura, das Baccalauréat in Europa. Der zweitägige Frage-Antwort-Stress findet ausnahmslos in Multiple-Choice-Form statt. Als ich an der Universität Hiroshima zu unterrichten begann, wurde ich an einem Tag im Jänner durch den Ausfall einer Unterrichtsstunde überrascht: Center-Shiken, der Raum wurde für die Zentralprüfung gebraucht, er war schon am Vorabend geschlossen, versiegelt. Während der beiden Prüfungstage herrscht eine unglaubliche Testparanoia, über die ich innerlich lächle. Im vergangenen Jänner ging ich an einem großen, im Erdgeschoß gelegenen Unterrichtsraum vorbei - das heißt, ich hätte eigentlich gar nicht vorbeigehen dürfen, denn der Weg war mit Planken und Verbotszeichen wie im Straßenverkehr gesperrt. Warum? Ich hätte ja einem der Jugendlichen - in Japan wird man offiziell mit zwanzig erwachsen - ein Papier durchs Fenster reichen oder mit Zeichen eine Antwort auf eine Frage geben können.

Seit einigen Jahren werden auch an den Grund- und Mittelschulen zentrale "Leistungstests" (jeweils am selben Tag und zur selben Zeit) durchgeführt, die zwar an den Schulen von den Klassenlehrern ausgewertet werden, die Ergebnisse müssen aber an die Zentralstelle beim Erziehungsministerium übermittelt werden. Bei meiner Tochter, derzeit dritte Klasse Volksschule, stelle ich fest, dass es ihr egal ist, ob diese Tests zentral sind oder nicht. Sie mag sie nicht besonders, bewältigt sie aber in der Regel ohne Schwierigkeiten. Diese Praxis führt dazu, dass die Schulen landesweit hierarchisiert sind. Eltern überlegen sich noch genauer, an welche Schule sie ihr Kind schicken, an welche nicht. Den Verantwortlichen zufolge sollen die Zentraltests dazu dienen, die Leistung der Lehrer auszuwerten und zu "verbessern". De facto erhöhen sie den ohnehin schon gewaltigen Schulstress und den Konformitätsdruck, sie verschärft die Kontrolle und die stets lauernde Paranoia.

Freunderlwirtschaft

Hierarchien, schematische Welt- und Textwahrnehmung, gedankenlose Wissensreproduktion, heutzutage mehr und mehr durch die Bedienung digitaler Maschinen, begünstigen sich wechselseitig. Der Grund, weshalb man Zentralprüfungen nun auch in den letzten Winkeln der globalisierten Welt - ein Pleonasmus, ich weiß - einführt, ist die Vergleichbarkeit. Die Welt, die globalisierte, wird von Rankings, das heißt von Rankingfirmen bestimmt. Nach abstrakten Kriterien bestimmt man die Platzierung des Schülers in der Klasse, der Schule in einer Stadt, der Universität in einem Land, des Landes in der Welt. Der längst vorherrschende, in die Köpfe der Durchschnittsbürgerschaft eingesickerte Vergleichswahn kann die Hierarchien nur befestigen.

Den Blick auf ihre Monitoren geheftet, reden alle von Gleichheit, aber was die Vergleiche hervortreiben, sind pyramidale Unterschiede. Jeder will besser sein als der andere. Noch eine kleine Anstrengung, noch eine ... Noch eine Stufe im Ranking nach oben! Diese Alltagsmoral kenne ich aus Japan. Es ist ein vorbildliches Land, viel westlicher, als die meisten denken.

Je deutlicher die besondere Ausprägung eines Individuums, desto weniger lässt es sich mit anderen vergleichen, sofern der Vergleich quantifizierend ist wie in all diesen zentralisierten, zentralisierenden Tests. Bildung im humanistischen Sinn kann aber nur die Individualisierung des Individuums zum Ziel haben, nicht seine Reduktion auf die Ziffern eines Schemas. Die Befürworter der österreichischen Zentralmatura kritisieren an der bisherigen, dezentralen Praxis die "semiamikale" Art, wie die Prüfungsaufgaben zustande kamen.

Die Formulierung hat etwas Verquastes, die Kommentatorin drückt herum: Warum redet sie nicht gleich von "Freunderlwirtschaft"? Das ist nämlich die Angst weiter Bevölkerungsteile in Österreich und in anderen Ländern, dass sich eine Handvoll Privilegierter Macht, Einfluss und Honorierung ausschnapsen. Wer sich mit dem Professor gut stellt, gewinnt. Die berechtigte, aber oft blinde Kritik an Korruption hat etwas anderes aus dem Blickfeld gedrängt, die Tatsache nämlich, dass pädagogische - übrigens auch wirtschaftliche und politische - Strukturen von Menschen gemacht und gelebt werden und dass folglich die persönliche Kenntnis, das Umgehen miteinander und Rücksichtnehmen aufeinander, dabei unabdingbar ist. Was spricht gegen das Lernen unter Freunden? Was gegen das Wirtschaften mit Freunden? Schlecht ist doch nur, dass die Freunde im gegenwärtigen System zu "Freunderln" geworden sind. Wenn ich nur mit dem verkehre, von dem ich mir "etwas" erwarten kann. Und wenn eine Hand die andere wäscht.

Demgegenüber sollte in den Schulen echte Freundschaft gefördert und entwickelt werden. Dann gäbe es wieder mehr Autoritätsbeziehungen in dem Sinn, den Roland Reichenbach meint. Lehrer, die Interesse wecken, Neugier anstacheln, Wege zeigen können. Sie müssen nicht unbedingt Freunde, können auch Gegner sein. Ein Teil der Entwicklung verläuft gegen Autoritätspersonen, nicht mit ihnen. Und eine der Haltungen, die man in der Schule lernen sollte, ist die Achtung vor dem Andersdenkenden, dem Anderen, selbst dann, wenn er mir zuwider ist. Das eigentliche Problem ist nicht die zentrale oder dezentrale Maturitätsprüfung, sondern der Mangel an schulischen Autoritätspersonen, die diesen Namen verdienen. Denn soweit ich es beurteilen kann, herrscht ein großer Mangel an Lehrern, die ihre eigene Persönlichkeit entwickelt haben, nicht nur im Wissensbereich, sondern auch im zwischenmenschlichen, emotionalen, kommunikativen. Ich meine das, was man früher einmal "Herzensbildung" nannte. Wem solche Entwicklung aber ein Fremdwort ist, wie soll der sie bei seinen Schülern fördern?

Das Millionenspiel

Hört und liest man österreichische Kommentare zur Zentralmatura, so scheint die Alternative zu Konzepten einer persönlichen Pädagogik, worin der Lehrer nicht nur "Lernbegleiter" ist, sondern jemand, der Erfahrungen und Erkenntnisse gemacht hat und sie weiterzugeben versteht, das Millionenspiel zu sein. Jeder kennt es, Fernsehanstalten auf der ganzen Welt beglücken die Zuseher mit der Spannung, die Wissensfragen hervorbringen können. Das Millionenspiel läuft nach dem Multiple-Choice-Prinzip ab, es inszeniert erkenntnisfreies Wissen und enthebt die Beteiligten aller Sinnfragen. Das Millionenspiel ist somit ein perfektes Abbild des postindustriellen Finanzkapitalismus, wo mit allem und jedem spekuliert wird und psychische, irrationale Faktoren eine viel größere Rolle spielen, als rationalistische Wirtschaftswissenschafter zugeben wollen. Der Finanzkapitalismus funktioniert nicht anders als die (meist digitalisierten) Wettspiele, denen die Bürger des 21. Jahrhunderts so gern frönen. Und genau darauf sollen die Schüler vorbereitet werden. Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir. Wenn du eine Frage nicht beantworten kannst, brauchst du einen Joker. Aber nein, bei der Zentralmatura soll das verboten sein. Die Schule ist ernster als das Leben.

Nachhilfebusiness

In Japan gibt es eine Unzahl von Nachhilfe- und Vorbereitungsschulen. Schon Sechs-, Siebenjährige werden in Nachhilfeschulen gesteckt, obwohl sie oft erst am späten Nachmittag von der Schule nach Hause kommen. (Nebenbei bemerkt: Schon die Kinder gewöhnen sich an chronischen Schlafmangel, der die japanische Gesellschaft kennzeichnet.) Diese Schulen machen riesige Umsätze, sie sind ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor im Land. In Österreich freuen sich die - vergleichsweise noch wenigen - Nachhilfeinstitute über die Zentralmatura, diesen großen neuen Brocken, auf den man die Schüler vorbereiten kann. Bei Prüfungen solcher Art geht es in erster Linie um formale Strategien, nicht um inhaltliche Auseinandersetzung. Zum Beispiel ist da der einfache Trick, dass man bei Multiple-Choice-Fragen irgendein Kästchen ankreuzt, auch wenn man keine Ahnung von der Sache hat. Wie im Millionenspiel, der Test gleicht einer Lotterie. Um auf diesen Trick zu kommen, muss niemand Nachhilfestunden bezahlen. Aber es gibt tiefere Geheimnisse der Fragenbeantwortungstechnik, die die Schüler kennen sollten, um im Wettbewerb zu bestehen.

Einer der schlechtesten Studenten, die ich je hatte, jobbte als Nachhilfelehrer. Er sagte, er wolle Englischlehrer werden, hatte aber nicht die geringsten Voraussetzungen, um Vokabel zu memorieren. Dennoch hatte er die Aufnahmeprüfung für die Universität geschafft und gab Englischlernenden an einem der zahllosen Institute Nachhilfe. Im Unterricht bemerkte ich eines Tages, dass er recht gut war, wenn es um die Darstellung von Sachverhalten und ums Argumentieren ging. Aber das wird an den Nachhilfeschulen nicht gelernt und bei der zentralen Universitätseintrittsprüfung nicht verlangt. Dabei gebe ich zu, dass es möglich ist, die Kompetenz sinnorientierten Denkens landesweit zu überprüfen. Aber ob es auch notwendig ist? Und ob der Teststress solches Denken fördert?

Die Einführung des selbstständigen Denkens

Kürzlich las ich in der "Japan Times" vom Vorschlag einer Kommission des Erziehungsministeriums, die universitären Eintrittsprüfungen radikal zu reformieren. Überprüft werden soll nicht mehr ausschließlich bloßes Wissen nach Millionenspielart, sondern die Fähigkeit der Anwendung von Wissen, des Urteilens und der Problemlösung. Prüfungsformen sind dabei vor allem Zweiergespräche und Gruppendiskussionen. Offensichtlich ist einigen Personen in Regierungskreisen aufgefallen, dass selbstständiges Denken eine Schwäche unter japanischen Schülern und Studenten ist. Die Kommission meint, die Änderungen könnten ab 2020 eingeführt werden. Dass es dazu kommen wird, ist zu bezweifeln.

Man fragt sich mit Recht, ob die japanische, in der Tiefenstruktur immer noch konfuzianische Gesellschaft einen solchen Wandel überhaupt vertragen kann. Bis jetzt kommt man mit der wirtschaftlichen und sozialen Krise, die das Land seit einem Vierteljahrhundert beherrscht, doch irgendwie zurande. Die Schwächen des Systems zeigen sich in Ausnahmesituationen wie beim Erdbeben in Tohoku 2011 und dem Reaktorunfall in Fukushima. Aber auch das hat man überstanden, und die Bürger sind im Vergessen geübt. "Wissen und Vergessen" - ein guter Slogan für unsere Zeit!

International Communication

Eines der Prüfungsinstrumente, mit denen hunderttausende japanische Studenten terrorisiert werden, ist TOEIC, der Test of English for International Communication. Es handelt sich um einen global zentralisierten, von einer privaten US-amerikanischen Firma erstellten Test (fast nur Multiple Choice), der in Südkorea und Japan, wie es heißt, "sehr beliebt" ist. Die meisten japanischen Kinder lernen heute ab den ersten Grundschulklassen Englisch, und viele Eltern geben ihre Sprösslinge in Kindergärten mit Englischunterricht. Die japanischen Firmen verlangen ein gutes TOEIC-Ergebnis, aber nicht, dass sich die Mitarbeiter auf Englisch auch unterhalten können. Die Universitäten empfehlen TOEIC-Prüfungen "mit Nachdruck" allen Studenten. Tatsächlich lernt kaum ein Schüler in den vielen Jahren, in denen er mehrmals wöchentlich Englisch hat (von den Nachhilfestunden zu schweigen), sich in dieser Sprache auszudrücken und sie hörend zu verstehen, und die auf TOEIC ausgerichteten universitären Kurse nützen da auch nicht viel. Für die Firmen und für die Universitäten ist TOEIC nichts anderes als ein weiteres Disziplinierungsmittel.

Der dressierte Mensch

Als ich vor etwa zehn Jahren, lange vor Fukushima, einen Artikel über den Umgang der Japaner mit ihrer Wirtschaftskrise veröffentlichte, in dem ich auch die Fernwirkungen des alten Konfuzianismus erwähnte, meinte ein Leser in einem Kommentar, der typische Japaner sei dann also der dressierte Mensch. An diese sorgenvolle Anmerkung (oder diesen vorwurfsvollen Einwand) habe ich oft denken müssen. Stimmt es wirklich, kann man das so sagen? Braucht und erzeugt das japanische, zugleich kommunitäre und kapitalistische System mit seinem Erbe des Konfuzianismus und, gerade in den Schulen, des kaisertreuen Militarismus, der gut ein halbes Jahrhundert herrschte - braucht dieses System, um fortzubestehen, den dressierten Menschen?

Lange Zeit war ich daran gewöhnt, Dinge, die mir in Japan besonders auffielen, als lokale, kulturelle, fernöstliche Besonderheit zu sehen. Inzwischen frage ich mich, ob ich da nicht einer Täuschung aufgesessen bin. Vielleicht habe ich keine räumlichen Besonderheiten, sondern neue Entwicklungen beobachtet, die in Japan nur etwas früher als in Europa auftraten? Sind auch wir, in Österreich, in Europa, auf dem Weg zum dressierten Menschen? Hat seine Epoche nicht schon begonnen? Mit all den Rankings, dem monetarisierten Einheitsdenken, dem Kult von Transparenz und Vergleichbarkeit? Lange haben wir der Vielfalt und dem Föderalismus gehuldigt. Die digitale Gesellschaft scheint die Pluralisierung grenzenlos zu machen. Aber dahinter verbirgt sich eine gleichmacherische Tendenz, die drauf und dran ist, totalitär zu werden. (Leopold Federmair, 16.5.2015)

Leopold Federmair, 1957 in Oberösterreich geboren, Schriftsteller und Übersetzer, lehrt an der Universität Hiroshima. Zuletzt erschien: "Wandlungen des Prinzen Genji", Otto-Müller-Verlag, 2014. Foto: Otto-Müller-Verlag

  • Konfuzianische Disziplin: Sind auch wir in Europa auf dem Weg zum dressierten Menschen?
    foto: epa/kazuhiro nogi

    Konfuzianische Disziplin: Sind auch wir in Europa auf dem Weg zum dressierten Menschen?

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