Rekordbilanz der New Yorker Auktionsszene: Markenware für Milliardäre

15. Mai 2015, 17:04
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Rekordbilanz der New Yorker Auktionsszene: Kunstwerke der Sparten Impressionist & Modern, Post-War & Contemporary spielten mehr als zwei Milliarden Dollar ein

Surreal, das ist jene Einschätzung, die dieser Tage angesichts der in New Yorks Auktionssälen erzielten Werte am häufigsten getroffen wird. Ausgelöst durch den für viele als absurd eingestuften Preis, den Pablo Picassos Gemälde Les femmes d'Alger Anfang der Woche erzielte: 179,36 Millionen Dollar, mit denen ein unbekannter Telefonbieter bei Christie's seinen letzten Rivalen aus dem Feld schlug. Dem Verlauf der Auktion folgend, waren beim Stand von 120 Millionen Dollar noch fünf Bieter im Spiel, lag das fiktive Einsatzvolumen demnach kurzfristig bei 600 Millionen.

Bei Alberto Giacometti, dessen Bronze L'homme au doigt kurz darauf 141,28 Millionen Dollar generierte, war es bei einem Duell geblieben. Ein Weltrekord: für den Künstler und, gemessen am Reingewinn, auch für den Verkäufer. Eine Summe im unteren sechsstelligen Bereich, so sagt man, habe der US-amerikanische Immobilienmagnat Sheldon Solow dafür im Mai 1970 bezahlt. Solche Gewinnspannen nähren unabhängig vom Wahrheitsgehalt den Verdacht reinster Profitgier.

Millionengräber

Den neuen Besitzern dieser Werke kann man derlei kaum unterstellen, denn ein "return on investment" ist in dieser Liga unmöglich. Solche Rekordwerte sind Millionengräber. Sie sollen die Psyche der neuen Eigentümer berauschen, nicht deren Kontostand. Wirft man einen Blick auf die aktuell von den Auktionshäusern publizierten Listen mit den zehn höchsten Zuschlägen der mit Qualitätsware bestückten Abendauktionen, dann wird die Veränderung in den vergangenen Jahren deutlich: Am unteren Ende liegen die für einzelne Kunstwerke erzielten Werte bei zehn bis 16 Millionen Dollar, am oberen reicht die Bandbreite von 46,45 (Mark Rothko, Untitled Yellow and Blue, Sotheby's) über 81,92 (Mark Rothko, No. 10, Christie's) bis zu den genannten 179,36 Millionen Dollar.

Das zugehörige "Spielkapital" kommt von Profiteuren der Finanzkrise, von europäischen, russischen und insbesondere von chinesischen Milliardären, die derlei aus der redensartlichen Portokasse berappen. Und: Es sind zumeist Trophäenjäger, keine klassischen Sammler mit einer langjährigen Passion für Kunst. Der Wiedererkennungswert von Picasso, Giacometti, Rothko, Warhol, van Gogh oder Monet ist erwiesen, und im Universum der Milliardäre sind diese Künstler Marken mit besonders hohem Prestigewert.

Das erklärt einiges, wenn auch nicht alles. Dazu kommen unabhängig vom Verlauf der Versteigerung den Verkäufern gewährte Garantien, die vor allem bei Gegenwartskunst das Preisniveau in die Höhe schrauben: Sotheby's mit 16 aktuell in vergleichsweise zurückhaltender Manier, Christie's kam dagegen auf 64 mit einem Wertvolumen von fast 380 Millionen Dollar. Die innert weniger Tage erwirtschafteten Umsätze: Zusammen mit dem Rekordtotal aus der Genfer Juwelenauktion (rund 161 Mio.) belief sich das Total bei Sotheby's auf 1,05 Milliarden, und Kontrahent Christie's hält (zu Redaktionsschluss) bei 1,67 Milliarden Dollar.

Eine andere Welt

Die Preise seien verrückt, resümierte auch Miamis bekanntester Sammler Martin Margulies. "Ich hatte die Möglichkeit, eine Kollektion aufzubauen, heute wäre das unmöglich". "Das ist eine andere Welt", argumentierte sein New Yorker Kollege Jerome Stern laut Bloomberg. Nun, "ich mag die alte Welt", entgegnete Margulies fast trotzig. (Olga Kronsteiner, 15.5.2015)

  • Szenen wie diese im Zuge der Sotheby's-Auktion vergangene Woche repräsentieren die "neue Welt": 66,33 Millionen Dollar bewilligte ein asiatischer Milliardär für eine Landschaft van Goghs.
    foto: sotheby's

    Szenen wie diese im Zuge der Sotheby's-Auktion vergangene Woche repräsentieren die "neue Welt": 66,33 Millionen Dollar bewilligte ein asiatischer Milliardär für eine Landschaft van Goghs.

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