Diabetes: "Rundum"-Therapie notwendig

15. Mai 2015, 13:13
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Experten haben neue Empfehlungen formuliert. – Demnach sind Übergewicht, Blutzucker, Blutfettwerte und Bluthochdruck gleich relevant

Berlin - In der Behandlung des Typ-2-Diabetes stehen mittlerweile viele unterschiedlich wirkende Medikamente zur Verfügung. Insgesamt geht es laut den europäischen und US-Fachgesellschaften um eine "Rundum"-Therapie der Patienten, bei der Blutzucker, Übergewicht, Blutfettwerte und Bluthochdruck etwa gleich wichtig sind, wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) betont.

90 Prozent der Zuckerkranken leiden an Typ-2-Diabetes. Insgesamt eröffnet die Vielfalt der Arzneimittel die Möglichkeit, bei der Auswahl der Mittel stärker als bisher auf die Bedürfnisse der einzelnen Patienten einzugehen.

Die führenden Fachgesellschaften aus den USA und Europa haben sich deshalb auf eine neue gemeinsame Empfehlung geeinigt, die auch von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) mitgetragen wird. Jetzt zählt nicht mehr nur die Senkung des erhöhten Blutzuckerspiegels, sondern auch die Vermeidung von Übergewicht, Bluthochdruck und schweren Unterzuckerungen zu den wichtigsten Therapiezielen.

Multimodale Therapie

Die Senkung des hohen Blutzuckers zur Vermeidung mikrovaskulärer Komplikationen (Langzeitschäden an den kleinen Blutgefäßen; Anm.), die häufig Ursache für Erblindung, Verlust der Nierenfunktion und schwere Nervenschädigungen sind, bei gleichzeitiger Herz-Kreislauf-Sicherheit (die sogenannten makrovaskulären Folgen von Diabetes; Anm.) ist das vornehmliche Ziel in der Behandlung des Typ-2-Diabetes.

"Es ist aber nicht das einzige Ziel", betonte Dirk Müller-Wieland von der DDG. "Denn zur Senkung des kardiovaskulären Risikos muss eine multimodale Therapie auch den Blutdruck und die Blutfette berücksichtigen", ergänzt der Experte.

Darüber hinaus sind die meisten Patienten mit Typ-2-Diabetes übergewichtig. "Zudem hat sich in vielen neuen Studien gezeigt", sagt Baptist Gallwitz, Vizepräsident der DDG, "dass eine Blutzucker senkende Therapie auch bei Patienten mit Typ-2-Diabetes sicher vor Hypoglykämien (Phasen von Unterzuckerung; Anm.) sein sollte, da sie mit gefährlichen, eventuell sogar tödlichen Komplikationen für den Betroffenen verbunden sein können."

Individuellere Therapie

Diese Erkenntnisse haben jetzt Einzug in das neue Positionspapier der American Diabetes Association (ADA) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) zur Diabetestherapie gefunden. "Die Therapie ist insgesamt individueller geworden", meint Erhard Siegel, Präsident der DDG. "Wir erstellen zunächst einen kompletten Gesundheitsstatus des Patienten und wählen danach die Medikamente aus."

Die Vermeidung von Übergewicht und Hypoglykämien zählt damit heute ebenfalls zu den wichtigsten Therapieprinzipien. Metformin, ein älterer und kostengünstiger Wirkstoff, erfüllt im Gegensatz zu den Sulfonylharnstoffen diese Bedingungen. Neuere Medikamente kommen erst zum Einsatz, wenn die Substanz den Blutzucker nicht ausreichend senkt. Meistens werden sie mit Metformin kombiniert. "Nicht wenige Patienten benötigen drei Medikamente, um den Blutzucker einzustellen", sagt Siegel.

Medikamente nicht für alle geeignet

Zu den neu eingeführten Medikamenten zählen SGLT2-Inhibitoren, welche die Zuckerausscheidung über die Nieren fördern. "Zu den günstigen Begleiteffekten gehören eine Gewichtsabnahme und eine Senkung des Blutdrucks", so Müller-Wieland.

Dennoch sind diese Wirkstoffe nicht für alle Patienten geeignet. Eine gute Nierenfunktion ist Voraussetzung der Medikamentenwirkung. Die erhöhte Zuckerkonzentration im Urin dient außerdem Bakterien und Hefen als Nährstoff. Menschen mit einer Anfälligkeit für Genital- und Harnwegsinfektionen sollten deshalb gegebenenfalls auf andere Mittel ausweichen.

Medikamente heilen nicht

Die sogenannten DPP4-Inhibitoren (Gliptine; Anm.) sind gewichtsneutral und auch aufgrund ihres Wirkmechanismus hypoglykämiesicher. Sicher sind sie bezüglich potenzieller Nebenwirkung auf das Herz-Kreislauf-Risiko.

Eine weitere Option ist laut Gallwitz auch die Behandlung mit den sogenannten GLP-1-Agonisten, die zwar gespritzt werden, aber auch zu einer Reduktion des Körpergewichts führen. "Die medikamentöse Differential-Therapie des Typ-2-Diabetes ist damit zwar patientenzentriert, aber auch komplex geworden", wurde DDG-Präsident Siegel zitiert.

Trotz der vielen Medikamente kommen viele Patienten aber auf lange Sicht nicht um die Injektion von Insulin herum. "Der-Typ 2-Diabetes ist eine fortschreitende Erkrankung, die keines der Medikamente heilen kann", betont Müller-Wieland. Eine gesunde Lebensführung mit Bewegung und gesunderErnährung kann ihr Fortschreiten jedoch verlangsamen. "Kein Patient mit Typ-2-Diabetes sollte sich deshalb allein auf die Medikamente verlassen." (APA, 15.5.2015)

  • "Die Senkung des hohen Blutzuckers zur Vermeidung mikrovaskulärer Komplikationen ist nicht das einzige Ziel im Kampf gegen Typ-2-Diabetes, denn zur Senkung des kardiovaskulären Risikos müssen auch der Blutdruck und die Blutfette berücksichtig werden", sagt Dirk Müller-Wieland von der Deutsche Diabetes Gesellschaft.
    foto: apa/helmut fohringer

    "Die Senkung des hohen Blutzuckers zur Vermeidung mikrovaskulärer Komplikationen ist nicht das einzige Ziel im Kampf gegen Typ-2-Diabetes, denn zur Senkung des kardiovaskulären Risikos müssen auch der Blutdruck und die Blutfette berücksichtig werden", sagt Dirk Müller-Wieland von der Deutsche Diabetes Gesellschaft.

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