Anne Weber: Ein absonderlicher Germanisator

15. Mai 2015, 16:27
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Das Schuldschild: Anne Weber hat mit "Ahnen" ein Zeitreisetagebuch über ihren Urgroßvater, deutsche Geschichte sowie Familie geschrieben

Wer Anne Webers Prosaarbeiten kennt, der weiß, dass sie eine Sprachkünstlerin ist, die gern ironisch mit den Worten jongliert und zuzeiten surreale Bildfolgen aufs Papier setzt. In ihrem neuen Buch Ahnen ist das ganz anders. Realistisch-autobiografisches Erzählen ist angesagt.

Der Titel selbst ist doppeldeutig: Unsere "Ahnen" sind weiter weg als das, was man "Verwandte" oder "Familie" nennt. Die "Ahnen" haben sich aus dem eigenen Blickpunkt entfernt, sodass man fragen kann: Was ahnt man von seinen Ahnen?

Anne Webers Ahne, den sie ins Zentrum ihres Buches rückt, ist ihr Urgroßvater väterlicherseits: Florens Christian Rang. 1864 geboren und 1924 verstorben, war er zu seiner Zeit kein Unbekannter. Er war als Jurist Beamter, dann nach dem Studium der protestantischen Theologie Pfarrer, schließlich politisch aktiv, zuerst deutschnational, dann sich zusehends sozialen Problemstellungen zuwendend.

Hugo von Hofmannsthal schätzte ihn, Walter Benjamin bezeichnete Rang gar als "tiefsten Kritiker des Deutschtums seit Nietzsche". Heute sind Rang und seine Schriften so gut wie vergessen. Anne Weber will diesen Ahnen aus dem Schattenreich herausholen, aber sie betreibt dabei keine reine autobiografische Ahnen- und Familienforschung. Ihr Buch soll nicht nur erzählen "von Menschen und Ereignissen, von Bewegungen der Gedanken und des Gemüts, sondern auch vom Dickicht der Zeit. Es soll das Journal einer Erkundungsreise sein."

"Ein Zeitreisetagebuch" lautet daher folgerichtig der Untertitel von Webers Ahnen. Während ihrer umfangreichen Recherchen gibt sie dem Urgroßvater einen persönlichen Decknamen: "Sanderling". Das ist zwar die Bezeichnung für einen kleinen Watvogel aus der Familie der Strandläufer, aber in "Sanderling" liest und hört man den "Sonderling" heraus - und das war Florens Christian Rang mit seinem verwinkelten Lebensweg ohne Zweifel. Er war als Pastor in dem von Preußen annektierten Polen tätig. Der Schriftsteller Franz Servaes bemerkte, dass Rang dort als "Germanisator" aktiv gewesen sein soll.

Das lässt nichts Gutes ahnen. Und so stellt sich bei den Recherchen der autobiografischen Erzählerin heraus, dass Rangs Sohn, also Webers Großvater, für den Sicherheitsdienst der SS gearbeitet hat. Rang selbst war zu Beginn des Ersten Weltkriegs glühender Patriot mit Hurra, Blut und Kampf und Deutschtümelei gewesen.

Ist das das deutsche Wesen, fragt sich Weber und antwortet: "In gleich welcher Nationalitätenrunde steht ein Deutscher immer für das und die anderen für nichts. Kein Russe steht für Gulag, kein Franzose für Französische Revolution oder Kolonisation. Sie haben zwar ihre jeweiligen Landesgeschichten, aber im Rücken, als Lehne. Wir tragen die unsere als Schild (Schuldschild) vor der Brust. Wie wir uns auch drehen und verrenken, das Schild hängt immer vorne."

Gegen Schluss des Buchs liest die Autorin das letzte Werk von Florens Christian Rang: Deutsche Bauhütte von 1924. In diesem Buch geht es einerseits um das friedliche Zusammenleben aller Nationen nach dem Ersten Weltkrieg, aber noch mehr um die Betonung der subjektiven Agitation: Nicht Klassenrevolution ist gefragt, sondern Revolte des Einzelnen innerhalb rechtsstaatlicher Strukturen.

Albert Camus' L'homme révolté (Der Mensch in der Revolte) ist da nicht fern. Und die Erzählerin kann so Frieden schließen mit ihrem Ahnen: "Endlich glaube ich zu verstehen, was das Deutschtum einmal war, das Benjamin in Sanderling verkörpert sah. Was es hätte sein können. Und ich verneige mich vor dem verrückten Mann mit dem rötlichen Haar, der ihm seine Menschengestalt lieh, obwohl er selbst am besten wusste, wie unvollkommen diese war."

Anne Webers "Zeitreisetagebuch" ist weder einfache autobiografische Erzählung, noch reiht sie sich nahtlos ein in die Literatur deutscher Vergangenheitsbewältigung. Die Autorin spielt gekonnt mit subjektiven Vorstellungen und dem historischen Material, das sie bearbeitet. Geschichte wird so personalisiert, darf subjektive Ahnenforschung sein. Dass sie dabei auch Klischees bedient, vor allem die über die Deutschen und ihr "Schuldschild", mag man als literarische Strategie deuten oder es schlicht hinnehmen.

Eine Schriftstellerin ersten Ranges ist sie ohne Zweifel. Ein persönliches Urteil sei aber auch erlaubt: Anne Weber als Wortkünstlerin mit Esprit und als Erschafferin surrealer Bildfolgen ist mir lieber als die Autorin realistisch verfasster Ahnenforschung. (Andreas Puff-Trojan, Album, 15.5.2015)

Anne Weber, "Ahnen. Ein Zeitreisetagebuch." € 20,30 / 286 Seiten. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015

  • "Endlich glaube ich zu verstehen, was das Deutschtum war, das Benjamin in Sanderling verkörpert sah": Anne Weber.
    foto: hermance triay

    "Endlich glaube ich zu verstehen, was das Deutschtum war, das Benjamin in Sanderling verkörpert sah": Anne Weber.


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