Gerrards Abschied von der Anfield Road

15. Mai 2015, 11:22
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Gegen Crystal Palace wird der legendäre Liverpool-Kapitän zum letzten Mal in "seinem Stadion antreten

Liverpool - Wenn Steven Gerrard am Samstag an die altehrwürdige Anfield Road fährt, wird zunächst alles sein wie immer. Der Kapitän des FC Liverpool steigt wie vor jedem Heimspiel am Mahnmal für die Opfer der Hillsborough-Katastrophe aus seinem Auto und liest die Namen derjenigen, "die nie mehr nach Hause kommen", wie er in seiner Autobiografie schrieb. Er hält dann wie jedes Mal inne, wenn er bei Jon-Paul Gilhooley, "zehn Jahre alt", angekommen ist - seinem Cousin.

Und trotzdem wird nichts so sein wie in den 17 Jahren zuvor. Denn Gerrard wird sich zum letzten Mal als Profi der Reds auf den Weg zu "seinem" Stadion machen. Das Spiel gegen Crystal Palace am Samstag (17.30 Uhr/Sky) ist sein letztes an der Anfield Road, ehe er sich im Juni für 18 Monate LA Galaxy anschließt. Nach 27 Jahren im roten Trikot, davon 17 in der ersten Mannschaft. "Ich denke, es wird emotional", sagt Gerrard. Und das ist eine typisch englische Untertreibung.

Wer verstehen will, warum an der Merseyside nicht einfach nur ein verdienter Fußball-Profi verabschiedet wird, muss zurück zu den Anfängen. Es war im Jahr 1989, als der glühende Liverpool-Fan Gerrard, der aus dem Vorort Huyton stammt, zur Nachwuchsakademie des Klubs stieß. Seit dem 15. April 1989, als beim FA-Cup-Halbfinale in Sheffield zwischen Liverpool und Nottingham Forest 96 Menschen starben, ist für die Anhänger der Reds nichts mehr wie zuvor. Das gilt auch für Gerrard, für den Liverpool immer viel mehr war als ein Fußballklub. Als sich die Tragödie 2014 zum 25. Mal jährte, weinte er bei der Gedenkfeier bittere Tränen.

Unerfüllter Meistertraum

"Am schlimmsten", meint er jetzt, werde es am Samstag "gegen Ende der Partie werden. Dann, wenn es an der Zeit ist, mich von den Fans zu verabschieden, werden die Gefühle richtig hochschießen." Viele Erinnerungen werden hochkommen: An das verrückteste Champions-League-Endspiel der Geschichte, das Liverpool gegen den AC Mailand nach 0:3-Rückstand noch gewann. Oder an den UEFA-Cup-Sieg 2001 nach dem irrwitzigen 5:4 nach Golden Goal gegen CD Alavés. An zwei FA-Cup-Erfolge und drei Siege im englischen Ligapokal, aber auch an die so knapp verpasste Meisterschaft 2014.

Dass er nie den Titel in der Premier League gewinnen konnte, "ist nicht das Einzige, dem ich nachtrauere", sagt Gerrard, "aber das Wichtigste. Es wäre die Kirsche auf dem Kuchen gewesen." Doch im entscheidenden Spiel der vergangenen Saison gegen Chelsea rutschte ausgerechnet Gerrard aus und ermöglichte den Blues so das Tor, das Manchester City den Titel brachte. "Es gab einige Tiefpunkte, aber das gehört dazu", sagt er, "ich gehe erhobenen Hauptes." Er freut sich jetzt auf etwas Neues. "In Liverpool", sagt Gerrard, ist es manchmal nicht ganz einfach, Steven Gerrard zu sein." (sid - 15.5. 2015)

  • Champion wurde Steven Gerrard mit Liverpool auch diesmal nicht. An der Stamford Bridge zu Chelsea spendeten ihm letzte Woche die Fans der Blues einen fairen Abgangsapplaus.
    foto: reuters/sibley

    Champion wurde Steven Gerrard mit Liverpool auch diesmal nicht. An der Stamford Bridge zu Chelsea spendeten ihm letzte Woche die Fans der Blues einen fairen Abgangsapplaus.

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