"Fairy Queen" im Konzerthaus: Halbe Oper, doppelter Zirkus

15. Mai 2015, 08:47
1 Posting

Henry Purcells Semi-Opera mit dem New London Consort in Wien

Wien - "Voller Selbstvertrauen macht sich der Bankangestellte an die Verkäuferin heran. Die ist aufgrund ihrer strengen Erziehung aber so verklemmt, dass sie sich vor der Hochzeit nicht einmal einen Kuss vorstellen kann!" Wenn mit einer solchen Szenenbeschreibung heutzutage ein Stück aus dem 17. Jahrhundert aktualisiert wird, ließe sich darauf schließen, dass sich der englische Puritanismus seither kaum verändert hat - oder zumindest die Klischees davon.

Reise nach Arkadien

Henry Purcells The Fairy Queen mit seinen originalen Handlungselementen aufzuführen, wäre dennoch schwierig. Entstanden war das Werk nach den Opern Dioclesian (1690) und King Arthur (1691). Nach Purcells Tod galt die Partitur als verloren. Die Semi-Opera, die ursprünglich im Zusammenhang mit Shakespeares Sommernachtstraum aufgeführt wurde, wurde lange Zeit als Unding angesehen - vor allem weil die fünf Masques, aus denen sie besteht, lose und unverbunden wirken, zumindest wenn man Shakespeares Stück nicht in allen Details auswendig kennt.

Die szenische Aufführung einer Bearbeitung von Mauricio García Lozano, mit der das Ensemble New London Consort im Wiener Konzerthaus gastierte, bildet demgegenüber den Versuch, eine durchgehende Handlung zu erfinden: eine Reise von Menschen von heute in ein Arkadien, in dem sie ihre Lebensfreude und Liebesfähigkeit wiederfinden.

Instrumental geht es unter der Leitung von David Roblou sehr musikantisch und mit schönem Geschmack, aber auch recht gesittet zu - jedenfalls nicht mit jener Verve, die der große Konzerthaussaal verlangen würde. Die neun Sängerinnen und Sänger - allesamt exzellent - sind auf der Bühne ebenfalls ein wenig verloren, vor allem wenn sie mit den einfachen Mitteln wie jenen einer Schultheateraufführung agieren und im Grunde nur sehr wenig darzustellen haben.

Reminiszenz an früher

Vielleicht deshalb hat sich der Bearbeiter, der seine Version auch in Szene setzte, entschlossen, dem Spiel der Sänger ein fünfköpfiges Artistenensemble zur Seite zu stellen, das teils schwindelerregende Kunststücke absolviert, ohne dass ein engerer Zusammenhang mit dem Geschehen bestehen würde.

Womöglich sollte dies eine Reminiszenz an den aufsehenerregenden Bühnenaufwand der Uraufführung von 1692 sein. Doch das Derbe und Wilde des Originals - etwa das heftige Werben der eingangs erwähnten Szene oder manch obszöne Metapher - kamen sowohl szenisch als auch musikalisch eher handzahm und kreuzbrav daher. Das Publikum freilich fand Grund genug, um die Gäste mit stürmischem Jubel zu feiern. (Daniel Ender, DER STANDARD, 15.5.2015)

Share if you care.