Filmfestival Cannes: Wirre Gefühle, gefährliche Wünsche

15. Mai 2015, 07:40
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Philippe Garrels "L'ombre des femmes" und erste Wettbewerbsfilme in Cannes

"Warum haben Sie diesen Film in Schwarz-Weiß gedreht?" Bei solchen Fragen an einen arrivierten Regisseur wie Philippe Garrel darf man sich eigentlich keine ausführlichen Antworten erhoffen. "Weil es billiger war", lautete nach dem ersten Screening von L'ombre des femmes (In the Shadow of Women) dann die knappe Auskunft. Garrel kam aber nochmals darauf zurück: Das Budget sei so gering gewesen, dass man sich nicht einmal Make-up leisten konnte. Es sei ihm wichtig, auf diese finanzielle Lage hinzuweisen, zumal auf einem Festival wie Cannes.

Prekär ist auch die Arbeitssituation von Pierre und Manon, den Protagonisten des Films. Gleich zu Beginn wird sie von ihrem unwirschen Vermieter bedrängt, der sich über den schlechten Zustand der Wohnung beklagt. Das Ehepaar hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Aus Passion dreht es unbezahlte Dokumentarfilme, der jüngste wird das Porträt eines alten Résistance-Kämpfers.

Das mag wie die Einleitung zu einem Sozialdrama zu klingen. Doch Garrel will auf eine Ökonomie der Gefühle hinaus, auf Krisen, die sich durch Abnützungen und unerwartete Wendungen einstellen. Die Beziehung gerät aus dem Gleichgewicht, als sich zuerst Pierre mit einer anderen Frau einlässt und sich schließlich auch Manon einen Liebhaber nimmt.

Für körperliches Begehren interessiert sich Garrel jedoch erstaunlich wenig, der Liebesakt vollzieht sich zwischen einem Schnitt. Umso genauer lotet er die Verschiebungen aus, die das Fremdgehen in der wechselseitigen Betrachtung der Partner auslöst. In lakonischen Szenen verdichtet er Gesten und Haltungen zu rauer Poesie: Welche unterschiedlichen Konsequenzen ziehen ein Mann und eine Frau aus der Entdeckung von Untreue?

Mit Clotilde Courau und Stanislas Merhar steht Garrel dafür ein Darstellerpaar zur Verfügung, dem man die Erfahrung ansieht. Seinen Charme bezieht es aus der Zurückhaltung, mit der es Herausforderungen der Liebe begegnet.

L'ombre des femmes ist der Eröffnungsfilm der "Quinzaine des réalisateurs", der Nebenschiene zum offiziellen Programm. Vom Wettbewerb hieß es im Vorfeld, man wolle mit der Auswahl neue Akzente setzen. Das erfüllten die ersten Arbeiten, Matteo Garrones Il racconti dei racconti (Tales of tales) und Umimachi Diary (Our Little Sisters) vom Japaner Hirokazu Kore-eda, ein nuanciertes, aber auch etwas zwangloses Familiendrama um vier Schwestern, allerdings noch nicht.

Garrone hat drei Episoden aus Giambattista Basiles Pentameron, einer Märchensammlung aus dem 17. Jahrhundert, zu einem Film verwoben. Es ist die erste internationale Arbeit des Italieners, in der US-Stars wie Selma Hayek und John C. Reilly spielen.

Das wirkt sich allerdings in einem unverbindlichen Universalismus aus, nur phasenweise gelingt Garrone hier das Zusammenspiel von Groteskem und Dramatischem früherer Filme. Die beste Episode handelt von zwei alten Schwestern, die sich nach jugendlicher Frische sehnen und dafür dann auch bereit sind, Hand am faltigen Busen anlegen zu lassen. Das passt dann doch wieder zum Schönheitskult von Cannes. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes, 15.5.2015)

  • Stanislas Merhar als Pierre in "L'ombre des femmes".
    foto: filmfestival cannes

    Stanislas Merhar als Pierre in "L'ombre des femmes".

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