USA: Tödliches Zugsunglück aus Geldmangel

14. Mai 2015, 19:14
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Weil er viel zu schnell unterwegs war, entgleiste bei Philadelphia ein Zug, sieben Menschen starben. Ein Tempokontrollsystem hätte das wahrscheinlich verhindert

Washington - Es ist eine bittere Wahrheit: Das Bahnunglück, bei dem in der Nähe von Philadelphia acht Menschen ums Leben kamen und mehr als 200 verletzt wurden, hätte verhindert werden können, wäre rechtzeitig moderne Technik auf dem Streckenabschnitt installiert worden. Der Zug sprang aus den Gleisen, weil er mit 170 km/h in einer Kurve unterwegs war, durch die er nur halb so schnell hätte fahren dürfen.

Wäre ein lange geplantes - und aus Spargründen bis heute nicht vollendetes - System zur Geschwindigkeitskontrolle in Betrieb gewesen, hätte sich die Katastrophe wohl vermeiden lassen. Nach einem 2008 verabschiedeten Gesetz muss es bis Dezember alle wichtigen Bahnrouten abdecken, doch akuter Geldmangel lässt bezweifeln, dass sich der Fahrplan einhalten lässt.

Stark befahrene Strecke

Der Gleisabschnitt bei Philadelphia ist einer der meistbefahrenen des Landes, Teil des Korridors zwischen Washington und Boston, der eigentlich eine regionale Renaissance der Bahn symbolisiert. Während Züge in weiten Teilen der USA als Relikte eines verflossenen Zeitalters gelten, geht der Trend an der Ostküste in die andere Richtung. Seit 2000 ist die Zahl der Zugreisenden im "Northeast Corridor" um fast 50 Prozent gestiegen, auf elf Millionen pro Jahr.

Umso unverständlicher, dass auch dort mit Investitionen gegeizt werde, findet der New Yorker Kongressabgeordnete Steve Israel. Ein Witz sei das im Vergleich zu China, wettert der Demokrat, woraufhin ihm die Republikaner vorwerfen, eine Tragödie politisch auszuschlachten.

Sozialismus auf Schienen

So bizarr es klingen mag, Zugfahren in Amerika ist ein Politikum. An Amtrak, der halbstaatlichen Bahngesellschaft, scheiden sich seit jeher die Geister. "Amtrak schreibt sogar noch im Speisewagen Verluste", spottet der Republikaner Jeb Bush, typische Stimme einer Partei, die in der Eisenbahn eine Art chronisch defizitäres Zuschussunternehmen sieht, eine Art Sozialismus auf Schienen.

Am Mittwoch, wenige Stunden nach dem Unglück, stimmte das republikanisch dominierte Repräsentantenhaus für eine Kürzung des Amtrak-Budgets. Im Vorjahr hatte man noch 1,4 Milliarden Dollar bewilligt, diesmal nur 1,1 Milliarden.

Vizepräsident als Bahnkunde

Damit sind sie Makulatur, die schönen Pläne des Kabinetts. In dessen Reihen sitzt mit dem Vizepräsidenten Joe Biden ein erprobter Bahnkunde, der als Senator ein halbes Berufsleben lang zwischen Wohnort Wilmington (Delaware) und Arbeitsplatz Washington pendelte. Mit ihm schien sich das Blatt zu wenden.

Angetrieben vom Weißen Haus, gab Amtrak das Ziel aus, die Reisezeit von Washington nach New York auf 96 Minuten zu drücken. Momentan braucht man zwei Stunden und fünfzig Minuten für die 360 Kilometer, vorausgesetzt, man nimmt den Express, der nach einer Wortkombination aus "acceleration" ("Beschleunigung") und "excellence" Acela heißt.

Seit der Millenniumswende in Betrieb, ist der Acela an sich hochmodern. Nur die Trasse nicht: Bei Baltimore etwa geht es durch einen Tunnel, der noch aus Bürgerkriegszeiten stammt - und seitdem, behaupten spitze Zungen, kaum modernisiert wurde. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, 15.5.2015)

  • Mit fast 170 km/h fuhr der Lokführer in  die Kurve, erlaubt sind dort 80 Kilometer pro Stunde. Eine Notbremsung  nutzte nichts mehr.
    foto: ap / mel evans

    Mit fast 170 km/h fuhr der Lokführer in die Kurve, erlaubt sind dort 80 Kilometer pro Stunde. Eine Notbremsung nutzte nichts mehr.

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