Rundschau: Creature Feature

Ansichtssache21. Juni 2015, 14:06
57 Postings
Bild 1 von 13

Stephen Baxter: "Steinfrühling"

Klappenbroschur, 632 Seiten, € 17,30, Cross Cult 2015 (Original: "Stone Spring", 2010)

Was sieht haargenau so aus wie ein Buch von Heyne, ist fett wie ein SF-Wälzer von Heyne und stammt auch noch von einem Heyne-typischen Autor? Das muss dann wohl eine Neuerscheinung bei Cross Cult sein, das ich hiermit endgültig nicht mehr "nur" als Comic-Verlag wahrnehme. Cross Cult gibt mittlerweile eine beachtliche Zahl an Romanen heraus. Die meisten davon gehören zu dem einen oder anderen Franchise – etwa das famose "Planet der Affen"-Paket von 2014, das derzeit mit der Comic-Reihe "Zeitenwende" fortgesetzt wird.

Aber es gibt auch alleinstehende Werke im Programm. Und dazu gehört erfreulicherweise auch Stephen Baxters "Northland"-Trilogie, von der ich mir seit Jahren eine deutsche Veröffentlichung erhofft habe. Endlich ist es so weit!

Das Szenario

In "Steinfrühling" begeben wir uns gut 9.000 Jahre zurück in die Mittelsteinzeit. Dort, wo heute die Erhebung der Doggerbank teilweise nur 13 Meter tief unter der Nordsee liegt, befand sich damals, als der Meeresspiegel in den Nachwehen der Eiszeit noch deutlich tiefer lag, trockenes Land. Nordland, wie es in dieser Trilogie heißt. Vor etwa 8.500 Jahren wurde dieser letzte Abschnitt der einstigen Landverbindung zwischen den Britischen Inseln und Kontinentaleuropa überflutet. Aber was, wenn die BewohnerInnen des Nordlands beschlossen hätten, ihre Heimat mit Deichen vor der Überflutung zu schützen? Die Geschichte hätte vermutlich einen völlig anderen Verlauf genommen – und genau den exerziert Baxter in seiner Trilogie durch.

Im Eröffnungsband lernen wir erst einmal den bunten Reigen an steinzeitlichen Jäger- und Sammlerkulturen kennen, die das Nordland und die daran angrenzenden Regionen bevölkern: Etwa die Schneckenköpfe, die ihr Schädelwachstum vom Kindesalter an zu einer künstlich verlängerten Form manipulieren, wie es später die Hunnen und deren Vasallenvölker taten. Oder die Blätterjungen, die sich so stark an den ganz Europa überwuchernden Wald angepasst haben, dass sie kaum jemals mehr aus dem Geäst herabsteigen. All diese Kulturen sind natürlich von Baxter frei erfunden – sie liegen aber im Bereich des Möglichen.

Der Nabel der Welt

Im Mittelpunkt steht das Volk von Etxelur, das am äußersten Ausläufer Nordlands vom Fischfang lebt. Dass dies mittlerweile eine Frontlage ist, wird ihnen spätestens bewusst, als mehrfach Tsunamis über ihre Siedlung hinwegschwappen. Und sie müssen erkennen, dass vor ihnen schon andere zurückweichen mussten: Sie finden Überreste aus einer Zeit, als sich Etxelur noch auf Gebiete erstreckt hatte, die nun längst unter Wasser liegen. Bei dieser Gelegenheit lässt Baxter es sich übrigens nicht nehmen, eine Atlantis-Anspielung einzubauen. Das heilige Symbol von Etxelur sind drei konzentrische Kreise, die von einer geraden Linie durchbrochen werden: Ganz der Beschreibung Platos vom Hafen von Atlantis entsprechend – aber keine Angst, Baxter serviert uns hier keinen Esoterik-Kram von versunkenen Hochkulturen, wir bleiben auf Steinzeit-Level.

In Etxelur lebt Ana, die Hauptfigur des Romans. Zu Beginn soll sie, nach dem Einsetzen ihrer ersten Periode gerade offiziell zur Frau geworden, in einer feierlichen Zeremonie ihr Totemtier erfahren. Zu ihrem Entsetzen ist es die Unheil verheißende Eule – aber Ana beschließt, die Herausforderung ihres Schicksals anzunehmen. Und sie wird die Welt verändern. Weitere Hauptfiguren sind Anas statusbewusste Schwester Zesi – ein wahrer Unglücksmagnet -, der Schamane Jurgi, Anas und Zesis beim Fischfang verschwundener Vater Kirike sowie der junge Krieger Schatten aus dem benachbarten Volk der Pretani aus Albia (ja, sie leben im heutigen England ... man kann's wirklich nicht übersehen).

Apropos Kirikes Reisen: Zwischen den Etxelur-Kapiteln wird auch auf andere, weit entfernte Schauplätze umgeblendet. In Nordamerika etwa wird Eisträumerin vom Rest ihres Volks getrennt, nachdem neueingewanderte Menschen sie aus ihrer Heimat vertrieben haben. Und im fernen Südosten liegt das gerne als die älteste Stadt der Welt bezeichnete Jericho, wo man sich durch Sesshaftigkeit und Landwirtschaft bereits auf ein jungsteinzeitliches Niveau emporgeschwungen hat. Dort lebt der nichtsnutzige Kaufmannssohn Novu, der von seinem Vater kurzerhand an einen wandernden Händler abgegeben wird. Und Novu wird noch ebenso wie Eisträumerin seinen Weg nach Nordland finden. Nicht schlecht, dieser interkontinentale Reiseverkehr – so mancher Steinzeitler kommt hier mehr herum als unsereins!

Nüchternheit rules

Novu ist es, der Ana mit dem Konzept des Mauerbaus bekanntmacht. Und warum nicht eine Mauer gegen das ansteigende Wasser errichten? Schließlich ist jeder seines eigenen Glückes Steinmetz. Es wird der Beginn einer hydraulischen Gesellschaft sein – anders als die historisch bekannten Beispiele in Mesopotamien und Ägypten will diese allerdings das Wasser nicht herbeischaffen, sondern ableiten: eine reizvolle Umkehrung. Doch wird der Wandel auch hier nicht ohne Folgen für die Gesellschaft bleiben. Anfangs ist Etxelur eine freie Gemeinschaft, in der weitgehend Gleichheit – auch zwischen den Geschlechtern – herrscht: Keine Utopie Baxters, das entspricht durchaus dem, was man von real existierenden Jäger-und-Sammler-Kulturen kennt. Mit dem Wandel werden sich jedoch Hierarchien und Zwänge herausbilden.

Einmal mehr demonstriert Baxter damit seine nüchterne – manche sagen auch: unmenschliche – Herangehensweise. Ökologische und schließlich auch politische Faktoren bestimmen das Schicksal der Figuren. Hier müssen vermeintlich eindeutige Love Interests keineswegs zusammenfinden (und wenn sie's doch tun, werden sie wieder getrennt). Heldentaten können zu einem ungedankten Tod führen, Bösewichte müssen nicht notwendigerweise ihre verdiente Strafe erhalten. Realität geht über herkömmliche Storytelling-Zwänge (bei einer Verfilmung würden Studiobosse hier wohl heftigst intervenieren). Und diese Haltung spiegelt sich auch in den Hauptfiguren wider – sei es die in ihrem Pragmatismus immer kälter werdende Ana, sei es Jurgi, der mit seinem Skeptizismus eher einem heutigen Wissenschafter als einem Schamanen entspricht. Überhaupt denken alle Figuren ausgesprochen modern.

Die Baxter-Matrix

Man könnte Stephen Baxters enorm umfangreiches Schaffen in eine Matrix einfügen – und ich frage mich echt, ob er nicht selbst ein Modell davon daheim hat, das er vor dem Schreiben der "Nordland"-Trilogie nach Lücken absuchte: Ah ja, hier könnte man noch ein Puzzleteil einbauen – in einer Reihe mit den prähistorischen Romanen "Evolution" und der leider nie ins Deutsche übersetzten "Mammut"-Trilogie, direkt über dem "Flut"-Zweiteiler und unterhalb der Alternativweltenszenarien à la "Zeit-Verschwörung". Die ihrerseits in den jüngsten Romanen "Proxima" und "Ultima" gerade eine Brücke zu Baxters Space Operas zu schlagen scheinen. Da weidet jemand die Themenpalette aber mal so richtig methodisch ab.

Kurz zusammengefasst: "Steinfrühling" bietet ein typisch Baxtersches Schmökererlebnis mit Hard-SF-Haltung, wenn auch auf Low-Tech- bzw. No-Tech-Level. Anfang September erscheint mit "Bronzesommer" der zweite Teil, in dem sich die Historie dieser Erde schon etwas deutlicher von der unseren unterscheiden wird. Ich freu mich jetzt schon drauf.

weiter ›
Share if you care.