Sick-Building-Syndrom: Krank durchs Büro

17. Mai 2015, 10:00
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Ist man im Job ständig müde, hat Erkältungsbeschwerden und kann sich nicht konzentrieren, könnte ein Sick-Building-Syndrom dahinter stecken

Sie hat das Gefühl, mit dem Kopf gleich vornüber auf die Tastatur zu fallen, so müde ist sie. Seit der Zeitumstellung ist es noch schlimmer geworden. Die Präsentation für den Chef muss heute Abend fertig sein, sie hat keine Ahnung, wie sie das schaffen soll. Ihr Immunsystem scheint auch nicht mehr mitzumachen, die Erkältung neulich hat sie immer noch nicht überwunden. Sie hüstelt immer wieder, ihre Nase juckt als müsse sie ständig niesen und die Augen sind rot.

Die Frau hat Glück: Ohne ihren aufmerksamen Büroleiter dächte sie vermutlich noch jetzt, sie leide unter Wintersmüdigkeit und Abwehrschwäche. Als sie ihm nämlich in einer Kaffeepause von ihren Problemen erzählt, schaut er sie grübelnd an: "Das scheint eine merkwürdige saisonale Müdigkeit zu sein – sie ist ansteckend!" Mehrere Kollegen hatten ihm nämlich von ähnlichen Beschwerden erzählt. Hat das vielleicht etwas mit dem Büro zu tun?

Gebäude können krank machen

Volker Mersch-Sundermann, Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene an der Uni Freiburg, erinnert sich noch genau an den Anruf des Büroleiters. "Der war total engagiert und hatte gleich schon einen Verdacht: Die neuen Laserdrucker."

Mersch-Sundermann schickte sein Team zum Messen ins Büro und stellte kurz danach die Diagnose: Sick-Building-Syndrom, hervorgerufen durch eine Kombination von mehreren Faktoren: Zu viele winzige Staubpartikel in der Luft, zu hohe Temperatur und damit verbunden zu geringe Luftfeuchtigkeit, sowie Luftzug durch offene Türen.

"Gebäude können tatsächlich krank machen", sagt Gerhard Wiesmüller, Professor für Hygiene und Umweltmedizin am Uniklinikum Aachen. "Es gibt keine Statistiken, wie häufig das ist. Wir bekommen aber regelmäßig Anfragen von Betrieben."

Diffuse Symptome

In den 1970er Jahren begannen Leute, sich über gesundheitliche Probleme zu beschweren, die sie mit ihrem Arbeitsplatz in Verbindung brachten. 1983 fasste die Weltgesundheitsorganisation die Beschwerden unter dem Begriff "Sick-Building- Syndrom" (SBS) zusammen. Die Betroffenen leiden am häufigsten unter Symptomen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Husten, manche auch unter trockener, geschuppter oder geröteter Haut, Unwohlsein, Schwindel oder Geschmacks- und Geruchsstörungen.

"Solche Symptome können natürlich auch bei vielen anderen Krankheiten vorkommen", sagt Wiesmüller. "Wegweisend für ein SBS ist, dass die Beschwerden auftreten, wenn man am Arbeitsplatz ist und sich während des Feierabends, am Wochenende oder in den Ferien bessern oder verschwinden. Deshalb ist es auch so wichtig, dass ich detailliert frage und mit entsprechenden Untersuchungen andere Krankheiten ausschließe."

Klimatisierte Büros machen häufiger krank

Ein SBS kann aus vielen Gründen auftreten: Zu wenig Lüftung, zu hohe oder zu geringe Temperatur, zu viel oder zu wenig Luftfeuchtigkeit, daneben chemische Ausdünstungen von Teppich, Möbeln oder Wänden (flüchtige organische Verbindungen, VOC), Schimmelpilzbefall oder eben kleinste Staubpartikel.

Die Stoffe führen auf unterschiedliche Weise zu den Symptomen: Chemische Stoffe zum Beispiel reizen vor allem die Atemwege, und Schimmelpilze lösen Irritationen und Entzündungen an den Schleimhäuten der Atemwege aus, was zu Husten und einem trockenen Gefühl im Rachen führen kann. Die kleinen Staubpartikel dringen tief in die Lunge und führen dort und in Nase und Augen ebenfalls zu Reizerscheinungen.

Die deutschlandweite ProKlimA-Studie fand mit Messungen in 14 großen Bürogebäuden und Untersuchungen von 4.596 Beschäftigten heraus, dass Menschen in klimatisierten Büros häufiger über SBS-Beschwerden klagen – das zeigen auch große Studien aus anderen Ländern. Interessant an der Untersuchung war, dass die Luft in klimatisierten Räumen nach objektiven Kriterien meist sogar besser war.

Gesunde Heimarbeit

Die Belastung der Luft mit Schadstoffen wie VOC oder der Befall mit Mikroorganismen war nur in Einzelfällen eine mögliche Ursache für die SBS-Beschwerden. "Die persönliche Anfälligkeit - etwa durch eine vorbestehende Allergie - sowie die Art der Tätigkeit und der Arbeitsplatz sind oft entscheidender für das Auftreten eines SBS als die Einflüsse des Bürogebäudes", sagt Wiesmüller.

SBS sei komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheine, sagt Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin. "Herzprobleme können wir zum Beispiel rasch auf eine Ursache zurückführen. Bei SBS kommen aber viele Faktoren zusammen, etwa chemische, biologische, physikalische und psychologische Ursachen."

Eine große Rolle spiele, dass die Betroffenen ihre Umgebung nicht kontrollieren könnten. "Kann ich selbst nicht bestimmen, wie warm oder wie kalt es ist oder das Fenster nicht öffnen, fühle ich mich auch unwohl", sagt Drexler. Dies sei vermutlich einer der Gründe, warum bei Leuten, die zu Hause arbeiten, SBS-Symptome selten auftreten.

Burn-Out oder Bore-Out

Auch wenn Stuhl oder Schreibtisch ergonomisch unpassend gestaltet sind, kann das Kopfschmerzen oder Unwohlsein verursachen, weil man ständig verkrampft sitzt. Und stundenlanges Arbeiten am Computer verursacht früher oder später trockene Augen. Trotzdem glauben manche als erstes, ihre Beschwerden seien eher auf chemische Stoffe oder Schimmel zurückzuführen. "Oft ist SBS aber auch ein Zeichen dafür, dass man zu viel Stress bei der Arbeit hat oder die Arbeit zu langweilig findet, sich unterbezahlt oder wenig wertgeschätzt fühlt oder gemobbt wird."

Erfahrene Ärzte könnten schnell herausfinden, was wirklich hinter den Beschwerden stecke. "Als erstes würde ich zum Hausarzt gehen, denn vielleicht steckt hinter den Beschwerden eine andere Krankheit", rät Drexler. "Wenn sich der Verdacht auf ein SBS erhärtet, geht man am besten zu einem Umwelt- oder Arbeitsmediziner. Denn man darf nicht übersehen, wenn das SBS wirklich durch Schadstoffe oder eine kaputte Klimaanlage hervorgerufen wird."

Mit einer Raumluftanalyse lassen sich diverse Werte messen, etwa Luftfeuchtigkeit, Kohlendioxidgehalt, Schadstoffe oder Schimmelpilzsporen. Drexler warnt jedoch davor, zu viele Tests durchzuführen. "Ich erlebe immer wieder, dass viele Werte gemessen werden, die nichts aussagen. Die Kunst sei, die Werte zu interpretieren.

Sieben Umweltgeschwister sorgen für Harmonie

Betroffene mit SBS müsse man ernst nehmen und den Ursachen auf die Spur gehen, sagt Umweltmediziner Wiesmüller. "Wir werden in den kommenden Jahren vielleicht mehr Menschen mit SBS haben." Aus Energiespargründen werde nämlich immer luftdichter gebaut. Es findet zu wenig Luftzirkulation statt – das erhöht das Risiko, dass sich Schimmelpilze bilden und Schadstoffe anreichern.

Wiesmüller kennt eine einfache Maßnahme, SBS zu vermeiden: "Die sieben Umweltgeschwister müssen in einem harmonischen Gleichgewicht stehen." Damit meint er die ästhetische Umwelt, die aktinische, akustische, atmosphärische, mechanische, psychosoziale und thermische Umwelt.

Was theoretisch klingt, erklärt er an Beispielen und es scheint vernünftig: Die Büromitarbeiter sollten in die architektonische Gestaltung eingebunden werden, der Raum sollte nicht hallen und adäquat beleuchtet sein, die Luftfeuchtigkeit sollte stimmen und der Raum gut lüftbar sein. "Außerdem nicht zu kalt, nicht zu warm, ein an den Körper angepasster Arbeitsplatz und ein harmonisches Miteinander – da haben es SBS-Symptome schwer, aufzutreten", sagt Wiesmüller.

Eine Herausforderung sind Großraumbüros

Ganz so einfach, gibt er zu, sei es jedoch nicht. "Vor allem bei der Wohlfühltemperatur kommt man an Grenzen. Aus Innenraumstudien wissen wir, dass es in Gruppen kaum gelingt, dass sich mehr als 90 Prozent der Leute wohlfühlen. Es gibt immer einen, der fröstelt oder schwitzt."

Dem Büroleiter riet Mersch-Sundermann, gründlich zu "entstauben": Vollgestopfte, verstaubte Regale wurden ausgemistet, Teppiche entfernt und die Drucker in einen anderen Raum gestellt, der besser belüftet wurde. Schon nach wenigen Tagen ging es der Frau und ihren Kollegen besser. "Ob dabei aber auch psychologische Faktoren eine Rolle spielten, bleibt offen." (Felicitas Witte, 17.5.2015)

Multiple Chemical Sensitivity (MCS): Eine tatsächliche Krankheit?

Manche Menschen meinen, auf geringste Spuren von Chemikalien überempfindlich zu reagieren. Die Symptome ähneln denen eines SBS: Kopfschmerzen, Augenbrennen, Naselaufen, Müdigkeit oder Konzentrationsstörungen. "Wissenschaftlich ist aber nicht bewiesen, dass es Multiple Chemical Sensitivity (MCS) im Sinne einer Chemikalien-Überempfindlichkeit wirklich gibt", sagt Volker Mersch-Sundermann, Chef-Umweltmediziner an der Uniklinik in Freiburg.

"Nur bei Allergien ist das belegt: Gegen bestimmte Stoffe reagieren manche Leute allergisch, was dann vor allem Beschwerden an Augen, Nase und Atemwegen hervorruft." Wer glaubt, unter MCS zu leiden, wendet sich am besten an einen erfahrenen Umwelt- oder Arbeitsmediziner.

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  • "Oft ist das 'Sick-Building-Syndrom' auch ein Zeichen dafür, dass man zu viel Stress bei der Arbeit hat. – Oder Betroffene finden die Arbeit zu langweilig, fühlen sich unterbezahlt, zu wenig wertgeschätzt oder gemobbt", sagt Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin.
    foto: apa/dpa/jens schierenbeck

    "Oft ist das 'Sick-Building-Syndrom' auch ein Zeichen dafür, dass man zu viel Stress bei der Arbeit hat. – Oder Betroffene finden die Arbeit zu langweilig, fühlen sich unterbezahlt, zu wenig wertgeschätzt oder gemobbt", sagt Hans Drexler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin.

  • "Wir werden in den kommenden Jahren vielleicht mehr Menschen mit SBS haben", warnt Umweltmediziner Gerhard Wiesmüller vom Uniklinikum Aachen. Aus Energiespargründen werde nämlich immer luftdichter gebaut. Dadurch erhöht sich das Risiko, dass sich Schimmelpilze bilden und Schadstoffe anreichern.
    foto: apa/herbert neubauer

    "Wir werden in den kommenden Jahren vielleicht mehr Menschen mit SBS haben", warnt Umweltmediziner Gerhard Wiesmüller vom Uniklinikum Aachen. Aus Energiespargründen werde nämlich immer luftdichter gebaut. Dadurch erhöht sich das Risiko, dass sich Schimmelpilze bilden und Schadstoffe anreichern.

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