Das Phantom des Deutschen Bundestags

Blog14. Mai 2015, 09:00
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Der Sozialdemokrat Jakob Maria Mierscheid ist einer der beliebtesten Politiker in Deutschland. Er engagiert sich für die Pflege der geringelten Haubentaube, nach ihm ist sogar ein Gesetz benannt. Allerdings: Es gibt Mierscheid gar nicht wirklich

"Ob diese Regierung das Wochenende übersteht?", fragt (sich) der Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid (SPD) ein wenig bange. Schließlich tauchen fast täglich neue Ungereimtheiten im Verhältnis zwischen dem BND und der NSA auf. Also twittert Mierscheid seine Sorgen in die Welt hinaus. Dort nimmt er sich manchmal gar kein Blatt vor den Mund. Einmal erwog er kurz, in die FDP einzutreten, und lieferte die Begründung via Twitter: "In meinem Alter mag man Dinge, die muffelig riechen."

Dass deutsche Bundestagsabgeordnete twittern, ist an und für noch nichts Besonderes. Es gibt wahre Twitter-Kaiser. Mierscheid aber sticht doch aus ihrer Menge heraus. Erstens ist er jetzt schon 82 Jahre alt. Und zweitens gibt es ihn gar nicht. Mierscheid ist ein Phantompolitiker, der seit mehr als drei Jahrzehnten durch die deutsche Politik mitgeschleppt wird. Er wird sogar auf der offiziellen Website des Deutschen Bundestags erwähnt.

Der ideale Abgeordnete

Begonnen hat seine Geschichte im Jahr 1979. Damals starb der renommierte Staatsrechtler und Sozialdemokrat Carlo Schmid, einer der Väter des Deutschen Grundgesetzes. Seine sozialdemokratischen Abgeordneten-Kollegen Peter Würtz und Karl Haehser trauerten so sehr um den beliebten SPD-Mann, dass sie in Bierlaune beschlossen, einen idealen Bundestagsabgeordneten zu schaffen, um Schmid zu ehren und die anderen Mitglieder daran zu erinnern, dass es in der Politik durchaus auch mal lustig zugehen darf. Flugs war die Biografie von Karl Maria Mierscheid geschaffen.

Der gute Mann – so will es die Legende – wurde am 1. März 1933 in Morbach (Rheinland-Pfalz) geboren. Er lernte das Schneiderhandwerk, ist verwitwet und hat vier Kinder. 1979 trat er in den Bundestag ein, und da sitzt er bis heute – wenngleich ihn noch niemand gesehen hat. Ein Schwarz-Weiß-Foto auf der Homepage des Bundestags gibt es allerdings.

Liebevolle Pflege

Dass Mierscheid nicht nach ein, zwei Jahren als abgenutzter Gag in der Versenkung verschwand oder gar mangels Wahlerfolg aus dem deutschen Parlament flog, ist zunächst der SPD-Fraktion zu verdanken. In dieser wird die Figur Mierscheid seit Jahrzehnten liebevoll gepflegt. So brachte es der Prototyp des Hinterbänklers zu einiger Bekanntheit. Nicht viele Abgeordnete können behaupten, dass ein Gesetz nach ihnen benannt ist. Mierscheid schaffte es mit einem (satirischen) Wahlprognose-Verfahren, das 1983 sogar in der SPD-Zeitung Vorwärts veröffentlicht wurde. Es lautet: "Der Stimmenanteil der SPD (in Prozent, Anm.) richtet sich nach dem Index der deutschen Rohstahlproduktion der alten Bundesländer – gemessen in Millionen Tonnen – im jeweiligen Jahr der Bundestagswahl."

Und ob man es glaubt oder nicht: Manchmal traf das wirklich zu. 2002 etwa betrug die Rohstahlproduktion 38,6 Millionen Tonnen, die SPD kam bei der Bundestagswahl auf 38,5 Prozent der Stimmen. Manchmal, wie im Wahljahr 2005, stimmte es halt nicht. Da hätten 40 Millionen Tonnen Rohstahl eigentlich 40 Prozent Stimmenanteil ergeben müssen. Es wurden aber nur 34,2 Prozent. Aber das macht ja nichts…

Engagement für die geringelte Haubentaube

Mierscheid hat wenig Zeit, sich mit der Verfeinerung des Gesetzes zu beschäftigen. Er kümmert sich schließlich auch noch um die Aufzucht und Pflege der geringelten Haubentaube in Mitteleuropa sowie Untersuchungen des Nord-Süd-Gefälles in der Bundesrepublik Deutschland. Zudem ist er Mitglied der Gewerkschaft Landwirtschaft und Forsten und des Kleintierzüchtervereins Morbach.

Über sich selbst sagt er: "Ich bin weder eine Erfindung, noch ein Patent, ich bin die Lösung." Einmal hat er einen revolutionären Vorschlag gemacht: Man möge doch alle Stühle im Bundestag in die erste Reihe stellen, um das Dasein der Hinterbänkler abzuschaffen. Doch die Idee wurde dann doch nicht aufgegriffen. 2005, als sie die Linkspartei gründete, tauchte in deutschen Medien die Meldung auf, der Sozialdemokrat wechsle die Partei und trete zu den Linken über. Das hat Mierscheid dann aber schnell dementieren lassen.

Es sind also nicht nur Sozialdemokraten, die Mierscheid Leben einhauchen. Am 1. März 2013 gratulierte ihm Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) bei einer live im TV übertragenen Debatte zum Gaudium der Abgeordneten zum 80. Geburtstag. Leider war der Jubilar wieder einmal nicht persönlich anwesend, er hatte sich, so Lammert, "aus zwingenden Grünen entschuldigen lassen". In Mierscheids Heimat Morbach wurde im Vorjahr ein (echter!) Wanderweg nach ihm benannt, zur Einweihung kamen tatsächlich 200 Menschen, nur Mierscheid fehlte bedauerlicherweise wieder. Dabei ist er unglaublich beliebt. Bei allen inhaltlichen Differenzen zwischen den Bundestagsfraktionen: Alle wünschen sich, dass Mierscheid noch lange politisch aktiv ist. (Birgit Baumann, 14.5.2015)

  • Im Bundestag in Berlin spukt es quasi.
    foto: rainer jensen/dpa

    Im Bundestag in Berlin spukt es quasi.

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