Cannes-Eröffnungsfilm: Wie Wohlfahrt gegen Wut kämpft

13. Mai 2015, 18:26
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Die Filmfestspiele von Cannes eröffnen mit einem französischen Coming-of-Age-Drama: Emmanuelle Bercots "La tête haute"

Eröffnungsfilme lässt man am besten einfach gelassen über sich ergehen. Als Auftakt eines Filmfestivals sollen sie Aufmerksamkeit sichern: Hauptsache, Stars stolzieren über den roten Teppich. Das gefällt Sponsoren und Bilderjägern. Das Qualitätsprogramm beginnt meist erst mit Tag zwei.

In diesem Jahr wollte es Cannes-Direktor Thierry Fremaux jedoch anders machen. Zum einen programmierte er mit La tête haute (Standing Tall) den Film einer Regisseurin – ein symbolischer Schachzug, nachdem ihm in den letzten Jahren wiederholt die geringe Zahl an Filmemacherinnen im Wettbewerb vorgehalten wurde.

Untypische Wahl

Zum anderen ist Emmanuelle Bercots Sozialdrama um einen delinquenten Jugendlichen, der in die Mühlen der Justiz gerät, auch als Gattung eine untypische Wahl. Denn statt die eskapistischen Seite des Kinos zu bedienen, richtet der Film den Blick auf ein Stück französische Realität. Mit Catherine Deneuve, Benoît Magimel, Sara Forestier und dem jungen Rod Paradot bietet er darüber hinaus einen eindrucksvollen Cast auf, der drei Schauspielergenerationen vereint. Das garantiert dann eben auch Schauwerte.

Damit ist allerdings auch schon ein Problem von La tête haute umrissen: Das druckvolle Spiel soll Authentizität vermitteln, in der Verkörperung des Unterschichtsmilieus schimmert allerdings auch der schauspielerische Kraftakt durch. Vor allem Forestier als Mutter von Malony gerät mit ihren unfrisierten Haaren, den gelben Zähnen und ihrer ostentativen Einfalt nahe an die Karikatur. Den schwierigsten Part hat allerdings Paradot zu bewältigen, und er macht seine Sache gut: Mit unglaublich eruptiven Wutausbrüchen zerstört er sich die von einer gutmütigen Richterin (Deneuve) verordneten Chancen, zu Regelmäßigkeit und Ruhe im Leben zu finden. Der Moment, wo diese ihm ihre Hand reicht, ist der symbolträchtigste des Films.

Institutionen als Sisyphos-System

Bercot durchläuft mit ihrem Helden viele Stationen: ein Sozialprojekt auf dem Land, ein Jugendheim, schließlich sogar das Gefängnis. Doch der eigensinnige, nicht unsensible Bursche landet immer wieder dort, wo er schon einmal war. In der Art, wie der Film den Staat und seine Institutionen als Sisyphos-System beschreibt, das auf ein wildes Individuum zugreift, es zähmen will, ist La tête haute sehr französisch. Der Etatismus wird von Bercot niemals infrage gestellt, sondern von Menschen, die nur das Wohl des Jugendlichen wollen, eher bruchlos personifiziert. Das ist in einem Land, wo etwa unter migrantischen Jugendlichen vieles im Argen liegt, ein doch etwas einseitiges Bild – ein Aspekt, den der Film nur ganz am Rande streift, wenn einmal von den Privilegien des weißen Burschen gegenüber farbigen Altersgenossen die Rede ist.

Diese etwas mangelhafte Sensibilität für Widersprüche, für die Grauzonen der Justiz, macht Bercots Arbeit dann indirekt doch zum geeigneten Eröffnungsfilm: zu einem, der ein Hohelied auf die soziale Wohlfahrt singt. (Dominik Kamalzadeh, 13.5.2015)

  • Hat in Emmanuelle Bercots "La tête haute" einen schwierigen Part zu bewältigen: Rod Paradot.
    foto: luc roux

    Hat in Emmanuelle Bercots "La tête haute" einen schwierigen Part zu bewältigen: Rod Paradot.

  • Catherine Deneuve verkörpert eine gutmütige Richterin.
    foto: luc roux

    Catherine Deneuve verkörpert eine gutmütige Richterin.

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