Android Wear 5.1 und die LG Watch Urbane im Test

18. Mai 2015, 17:37
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Neue Betriebssystemversion gibt ihr Debüt - LG versucht sich an edlem Äußeren

Während Apple gerade erst den Einstieg in den Smartwatch-Mark vorgenommen hat, konnte die Android-Welt bereits einige Erfahrungen in diesem Umfeld sammeln. Einer der frühen Unterstützer von Android Wear ist der südkoreanische Konzern LG, der mit der Watch Urbane mittlerweile seine dritte Smartwatch im Verlauf von knapp einem Jahr auf den Markt gebracht hat.

Design

Gleich der erste Blick offenbart: Das Unternehmen hat aus früheren Fehlern gelernt. Wirkte die LG G Watch noch so, als hätte jemand versucht, ein kleines Smartphone an einem Armband zu befestigen, kann die Watch Urbane auf den ersten Blick durchaus als normale Uhr durchgehen. Wie bei der G Watch R ist auch hier der Bildschirm rund, bei der Wahl der Materialien beschreitet man aber neue Wege. War der Vorgänger noch aus Kunststoff gefertigt, ist das Gehäuse nun aus rostfreiem Edelstahl. Auch das handgenähte Lederarmband kann sich durchaus sehen lassen.

foto: andreas proschofsky / standard
Die LG Watch Urbane: Selbst für Menschen mit großen Armen noch immer recht umfangreich.

All dies ändert allerdings nichts daran, dass die Watch Urbane nicht zuletzt eines ist: Ziemlich groß. Die Abmessungen von 45,5 x 52,2 x 11,0 Millimeter benötigen schon relativ starke Arme, um nicht übertrieben zu wirken. Das macht sich auch beim Tragegefühl negativ bemerkbar, hier ist eine Moto 360 deutlich angenehmer. Und wenn wir schon bei den Vergleichen sind: Die Watch Urbane ist zwar größer als die Smartwatch von Motorola, der Bildschirmdurchmesser von 1,3 Zoll ist trotzdem deutlich kleiner als beim Konkurrenten (1,56 Zoll). Dies liegt am großen Rahmen der Watch Urbane, im Gegenzug ist das Disply dafür wirklich vollständig rund, weist also kein abgeschnittenes Kreissegment am unteren Rand auf.

Bildschirm

Der P-OLED-Screen bietet eine Auflösung von (maximal) 320 x 320 Pixel, was einer Pixeldichte von 245 PPI entspricht. Die Darstellungsqualität ist an sich äußerst gut, einziges Manko ist der fehlende Sensor für Umgebungslicht. Dies führt dazu, dass der Bildschirm im Dunkeln oft zu hell ist, während im Sonnenlicht nur wenig zu erkennen ist, wenn man nicht manuell nachbessert. Hierzu ein kleiner Tipp: Wer den seitlich angebrachten Knopf zweimal drückt, schaltet die Uhr in den Theater Mode, bei dem das Display vollständig aus ist. Und bei dreimaligem Drücken wird die Helligkeit kurzfristig auf den Maximalwert geschraubt. Der Knopf ist übrigens sehr gut verarbeitet, und dient sonst dazu, um manuell zwischen Stromsparmodus und Volldarstellung des Interfaces zu wechseln - für Fälle wo dies nicht ohnehin automatisch passiert.

foto: andreas proschofsky / standard
Die Verarbeitung kann sich durchaus sehen lassen, die von LG selbst gelieferten Watchfaces wurden dem Stil entsprechend gestaltet.

Vor Beschädigung ist der Bildschirm durch Gorilla Glass 3 gesichert, zudem ist die Watch Urbane nach IP67 vor Wasser- und Staubschäden geschützt. Der Stahlrahmen ist hingegen nicht so stabil wie erhofft, im Test bekam dieser recht schnell sichtbare Kratzer ab. Zumindest hat man beim Gehäuse eine Lektion vom Vorgänger gelernt: Zwar ist der Rahmen noch immer etwas höher als das Display, der Unterschied stört aber nicht mehr bei den unter Android Wear viel genutzten Swipe-Gesten

Innereien

Unter der Haube gibt es praktisch keine Veränderung zur G Watch R. Erneut kommt ein mit maximal 1,2 GHz getakteter Snapdragon 400 Prozessor zum Einsatz, es gibt 512 MB RAM und 4 GB lokalen Speicherplatz. Der Akku ist mit 410 mAh angegeben, und soll rund zwei Tage lang durchhalten. Im Test waren es eher rund 36 Stunden dafür mit steter Anzeige der Uhr in der von anderen Android-Wear-Uhren bekannten, reduzierten Ansicht. Leider waren diese Ergebnisse aber nicht vollständig konsistent. An einem Tag war der Akku sogar schon am frühen Abend leer - ohne dass sich die Nutzung sonst groß unterschieden hätte. Insofern ist wohl davon auszugehen, dass es sich hierbei um einen Softwarebug handelt. Aufgeladen wird über eine eigene Ladestation, für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass auch LG auf eine drahtlose, standardisierte Lösung wechselt. Negativ muss zudem vermerkt werden, dass es relativ einfach ist, die Uhr seitenverkehrt in die Ladestation zu stecken, und man dann erst in der Früh bemerkt, dass sie nicht aufgeladen wurde.

foto: andreas proschofsky / standard
Auf der Rückseite ist der Pulssensor deutlich zu erkennen. Die fünf Pins stellen die Verbindung mit der Ladestation her.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die Watch Urbane im Gegensatz zu früheren LG-Uhren einen WLAN-Chip mitliefert, der hier erstmals bei Android Wear auch aktiv genutzt wird - aber dazu später noch mehr. GPS ist hingegen keines mit dabei, dieses bleibt vorerst der Sony Smartwatch 3 als Alleinstellungsmerkmal erhalten.

Android Wear 5.1

Als Software kommt Android Wear 5.1 zum Einsatz, das hier sein Debüt gibt. Und auch wenn dieses nur einige ausgewählte Verbesserungen gegenüber früheren Versionen bringt, so stellt es doch in Summe einen signifikanten Fortschritt dar, da Google einige zentrale Kritikpunkte beseitigt hat.

Benachrichtigung

Kern des Systems bleiben weiterhin die von einem verbundenen Smartphone kommenden Benachrichtigungen. Mit der neuen Version stellt Google nun aber auch auf der Uhr laufende Apps deutlich stärker in den Vordergrund. Anstatt sie wie bisher in einem Untermenü zu verstecken sind sie über ein Antippen der Uhrenanzeige zentral positioniert - ein deutlicher Fortschritt. Ein Swipe nach links bringt ein weitere Verbesserung zu Tage: Eine Liste der meist genutzten oder am Smartphone als Favoriten gespeicherten Kontakte. Über diese kann mit den jeweiligen Personen Kontakt aufgenommen werden, und zwar per Mail, SMS oder Anruf. Die Erstellung einer Textnachricht erfolgt per Spracheingabe, mangels einer eigenen SIM-Karte sowie eines Lautsprechers werden Anrufe hingegen auf dem verbundenen Smartphone initiiert. Trotzdem könnte dies in einzelnen Fällen durchaus nützlich sein, etwa bei der Verwendung eines Bluetooth-Headsets und einem gerade in der Tasche vergrabenen Smartphones.

foto: andreas proschofsky / standard
Benachrichtigungen bilden den Kern von Android Wear, optisch ist das ganze in Googles gewohntem Kartendesign gehalten.

Eine weitere Neuerung von Android Wear 5.1 ist die zuvor schon kurz erwähnte WLAN-Unterstützung. Dies bedeutet, dass die Uhr ein Stück Unabhängigkeit vom Smartphone gewinnt, muss sie doch nicht mehr länger in der üblicherweise recht kleinen Bluetooth-Reichweite bleiben, um eine Datenverbindung zu haben. Die WLAN-Passwörter werden automatisch vom Smartphone übernommen, dort werden auch die Passwörter für neue WLAN-Verbindungen eingegeben. Das Interessante an all dem: Das Smartphone und die Uhr müssen zwar beide in einem WLAN sein, um die laufende Kommunikation zu ermöglichen aber nicht notwendigerweise im gleichen. Wer also etwa einmal mit dem WLAN im Fitness-Center verbunden ist, braucht künftig nicht mehr das Smartphone mithaben, um alle Funktionen der Uhr nutzen zu können.

Vergleich

Klar muss allerdings auch sein, dass WLAN-Support deutlich mehr Strom verbraucht als Bluetooth Low Energy. Im Testverlauf konnten dadurch allerdings keine signifikanten Unterschiede bei der Akku-Laufzeit festgestellt werden, da das WLAN ohnehin nur dann aktiviert wird, wenn die Bluetooth-Verbindung nicht aktiv ist. Allerdings ist dies einer der Punkte, die stark vom eigenen Nutzungsverhalten abhängen.

Gesten

Eine der weniger kommunizierten Realitäten des Smartwatch-Alltags ist, dass für viel Aktionen zwei Hände benötigt werden. Mit Android Wear 5.1 bietet Google nun zumindest für einfach Aufgaben eine Alternative: Gestenunterstützung. Über das Drehen des Armgelenks kann durch den Stapel an verfügbaren Benachrichtigungen geblättert werden. Dies funktioniert im Test überraschend gut, zieht aber aufgrund der ungewohnten Bewegung natürlich auch schnell das Interessen von Umstehenden auf sich. Trotzdem: Ein durchaus nettes Extra.

foto: andreas proschofsky / standard
In den Einstellungen sind mit Android Wear 5.1 auch einige neue Einträge hinzugekommen.

Etwas ratlos lässt hingegen eine weitere Neuerung zurück: Die Möglichkeit Emojis mit der Hand zu zeichnen, um sie anschließend an andere zu verschicken. Dies ist wohl ein Versuch eine persönlichere Komponente in das System zu bringen - ähnlich wie es die Konkurrenz von Apple tut - ob das irgendjemand dauerhaft nutzen wird, ist freilich eine andere Frage.

Feinschliff

Nicht zuletzt ist Android Wear 5.1 von vielen kleinen Verbesserungen am User Interface gekennzeichnet. Es wird nun öfters fette Schrift verwendet, um zentrale Punkte herauszustreichen. Auch ist es jetzt möglich, die Schriftgröße zu verändern, und die Watch Urbane hat sich hier gleich für "klein" entschieden, womit mehr Text auf den Bildschirm passt. In den Einstellungen sind auch sonst noch einige Punkte hinzugekommen, neben den WLAN-Einstellungen ist das etwa die Möglichkeit einen Sperrcode für die Uhr festzulegen - wenn man so etwas wirklich wünscht.

Reduziert

Sehr nett ist auch, dass Apps nun auch die reduzierte Stromsparansicht der Uhr nutzen können. Konkret bedienen sich bisher nur wenige Apps dieser Möglichkeit, mittels Google Keep lässt sich so aber z.B. eine Nachricht oder Einkaufsliste laufend auf dem Bildschirm halten. Auch Google Maps soll dieses Feature mit einem kommenden Update einsetzen.

grafik: google
Mit Android Wear 5.1 können Apps nun ebenfalls die stromsparende Minimalansicht nutzen. Bislang war dies der Uhrendarstellung vorbehalten.

Entgegen dem Smartphone-Android behält Google bei Android Wear übrigens weiterhin die volle Kontrolle über das Kernsystem. Erweiterungen dürfen die Hersteller nur in Form eigener Apps oder Watchfaces vornehmen. Die Uhrendesigns von LG selbst geben sich sehr klassisch, sind aber fraglos Geschmackssache. Das diesbezügliche Angebot ist im Android-Wear-Umfeld aber mittlerweile ohnehin äußerst umfangreich.

LG-spezifisch

An eigenen Anwendungen liefert der Hersteller unter anderem LG Pulse mit, also eine Anwendung um den Puls zu erfassen. Positiv ist dabei zu erwähnen, dass diese einen Modus kennt, bei dem kontinuierlich gemessen wird, und der Puls sogar im reduzierten Darstellungsmodus laufend aktualisiert wird. Weniger erfreulich ist, dass die App die Daten separat speichert und nicht an Google Fit weiterreicht.

screenshot: andreas proschofsky / standard
Die Akku-Laufzeit war im Testverlauf nicht immer konsistent.

Als zweite Erweiterung gibt es eine Telefonieapp, mit der von der Uhr aus Anrufe am Smartphone initiiert werden können. Damit dies klappt muss zuvor auch noch die LG Call-App am Smartphone installiert werden. Angesichts dessen, dass Android Wear dies jetzt ohnehin schon über die eigene Kontaktliste abwickeln kann, ist dies ein Extra von begrenztem Wert.

Verfügbarkeit

Die LG Watch Urbane ist in silber im österreichischen Fachhandel erhältlich. Der Listenpreis liegt bei 349 Euro, zum Teil wird die Uhr aber bereits um rund 310 Euro verkauft.

Fazit

Bei jedem Fazit über eine Smartwatch muss klar sein: Hier spielt der persönliche Geschmack noch eine wesentlich größere Rolle als er es etwa bei Smartphones tut. Nicht zuletzt ist so eine Uhr - ob "smart" oder nicht - ein Modeaccessoire. Insofern ist natürlich auch der Preis immer sehr relativ. Rein von der Hardware her ist es jedenfalls nur schwer zu rechtfertigen, dass die Watch Urbane gut 100 Euro teurer ist als die meisten anderen Android-Wear-Smartwatches. An Funktionalität bietet sie auch nichts, was andere Mitbewerber nicht bereits können, oder spätestens nach dem Update auf Android Wear 5.1 bald können werden. Trotzdem: Wenn man bereit ist, etwas mehr zu zahlen, bekommt man hier definitiv eine der besser gestalteten Uhren mit Googles Wearable-Betriebssystem.

Android Wear

Android Wear selbst macht mit der neuen Versionen durchaus erfreuliche Schritte. Vor allem der WLAN-Support und die bessere App-Einbindung weisen in die Zukunft. Trotzdem bleibt das System derzeit vor allem für jene nützlich, die auf diese Weise ihre Benachrichtigungen abwickeln wollen. "Die" Killer-App sucht hingegen die ganze Branche bisher vergeblich. (Andreas Proschofsky, 18.5.2015)

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