Als der Kongress auf Wien abgefahren ist

18. Mai 2015, 16:41
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Der Wiener Kongress 1814/15 tagte und tanzte nicht nur: Die internationalen Repräsentanten wollten auch ihrem Stand entsprechend kutschiert werden

Wien - Es war ein Ereignis der Superlative, in dessen Verlauf die Weichen für die Zukunft Europas gestellt wurden. Ursprünglich war dieses "Fürstentreffen" auf sechs bis acht Wochen anberaumt. Die Hoffnung auf ein rasches, einvernehmliches Übereinkommen zerschlug sich jedoch bald, da über die zukünftigen territorialen Ansprüche und Einflusssphären der einzelnen Großmächte keine Einigkeit bestand.

Gastgeber Kaiser Franz I. und die von Mauern umschlossene Reichshauptstadt mit ihren insgesamt 250.000 Einwohnern standen folglich vor logistisch völlig neuen Herausforderungen. Mit 400 Reisekutschen waren die Kongressteilnehmer nach Wien gekommen; diese waren jedoch in der Stadt zu schwerfällig und zudem nicht standesgemäß. Für die Dauer des Friedenskongresses erfolgte die Unterstellung in einem für diesen Zweck adaptierten Gebäude des Hofbauamtes.

Durchdachte Planung

Obersthofmeister Ferdinand Fürst Trauttmansdorff hatte sich vorausblickend rechtzeitig um Quartiere für die internationalen Gäste gekümmert. Den kaiserlichen Fuhrpark nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren wieder in Schuss zu bringen war weit schwieriger; diesen ersten internationalen Kongress transportlogistisch vorzubereiten und zu organisieren erforderte außer erheblichem Aufwand enorme Kosten.

Trauttmansdorff brachte es zustande, dass in nur vier Wochen 167 elegante, im dunkelgrünen Farbton des Wiener Hofes lackierte Kutschen gebaut wurden. Sie standen den internationalen Gästen während des Kongresses zur Verfügung. Die Koordination der Fahrten der hohen Herrschaften war durchdacht geplant: Für die in der Hofburg untergebrachten Fürsten standen Equipagen und Kutscher rund um die Uhr zur Verfügung.

Alle anderen konnten auf einem Bestellformular Ort und Zeitpunkt angeben, nur 15 Minuten später stand die bestellte Kutsche für Stadtfahrten parat. Trotzdem gab es immer wieder Engpässe; das hohe Transportaufkommen - bis zu viermal täglich - setzte den Pferden erheblich zu. Die Federung der Kutschen war komfortabel, um die Fahrt über die gepflasterten Straßen möglichst angenehm zu gestalten. Man schätzte Eleganz und Komfort, was sich im Inneren dieser "rollenden Salons" widerspiegelte.

Die edlen Gefährte beanspruchten generell die Vorfahrt, die gewerblichen Fuhrwerker hatten Nachrang. Bei aller Bequemlichkeit für die Insassen hatten es die Kutscher auf dem Kutschbock weit weniger angenehm. Man war Wind und Wetter sowie den Launen der Fahrgäste ausgesetzt. Für die Dauer des Wiener Kongresses wurden zusätzlich 200 Kutscher engagiert.

Für diese und die Pferdeknechte, die etwa 700 Kutschpferde zu versorgen hatten, bot der Kongress über Monate hinweg eine gute Einnahmequelle. Insgesamt 38.000 reservierte Kutschenfahrten sind für die Dauer des Wiener Kongresses belegt. Dieser war auf diplomatischer und gesellschaftlicher Ebene ein Ausnahmeereignis und setzte internationale Maßstäbe.

Das endgültige Fazit fiel trotz Budgetüberschreitung sehr positiv aus. Keine andere europäische Residenzstadt konnte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit diesem repräsentativen Ereignis messen. (Thomas Kahler)

  • Ein Landauer des Wiener Hofes: Diesen ersten internationalen Kongress vorzubereiten erforderte einen erheblichen Aufwand.
    foto: khm

    Ein Landauer des Wiener Hofes: Diesen ersten internationalen Kongress vorzubereiten erforderte einen erheblichen Aufwand.

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