Im wunderbaren Waschsalon der Bahn

Reportage mit Video13. Mai 2015, 05:30
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Die neue Zug-Waschanlage der ÖBB am Wiener Hauptbahnhof spielt alle Stückln. Bezahlt wird nach Metern

Wien - Die Augen schweifen prüfend über die Sitzreihen, dann wird die Miene ernst und Erich Forster greift zur Rückenlehne zu seiner Rechten. "Ah, da hat jemand vergessen", sagt der Westbahn-Chef, und kippt das an der Lehne des Vordersitzes befestigte Klappboard herunter. "Wenn das Reinigungspersonal jedes einzelne Tischchen erst entriegeln muss, dann hält das auf beim Saubermachen." Daher sind die Zugbegleiter der Westbahn angehalten, alle Tischchen quasi gebrauchsfertig zu hinterlassen, ehe sie den Zug verlassen.

fischer

Es ist Montagabend, Zug 929 aus Salzburg ist planmäßig um 20.22 Uhr am Wiener Westbahnhof angekommen. Es war für diesen Tag die letzte Fahrt. Nun ist für den zehnteiligen, blau-grün-weiß lackierten Zug eine Dusche angesagt. Die Waschung erfolgt nicht wie bisher auf dem Westbahnhof, sondern auf dem Hauptbahnhof-Gelände. Dort hat die ÖBB-Infrastruktur um zehn Millionen Euro eine neue Waschanlage errichtet, in der Rollmaterial gewaschen, gepflegt und getrocknet wird.

Teurer ist es als in der alten Anlage, die laut ÖBB wahrscheinlich noch heuer außer Betrieb genommen wird. Aber die ausgerechnet unten bei Türen und Einstiegsblech weiß lackierten Westbahn-Garnituren, werden am Hauptbahnhof sauberer, sagt Forster und zeigt auf graue Schlieren, die einer besonderen Behandlung bedürfen. Bei den neuen Zügen, die Westbahn soeben in der Schweiz bestellt hat, hat man sich - auch deshalb - vor allem im unteren Bereich für mehr blau und grün entschieden.

Waschen geht auch ins Geld. Bezahlt wird nach Metern.

Denn auch Waschen geht ins Geld. Bezahlt wird nach Metern, sagt ÖBB-Sprecher Michael Braun. Ein Meter kostet 2,40 Euro, 25 Meter des Schnellzugs Railjet also 60 Euro. Ein Doppelstockzug der Westbahn schlägt mit 349,50 Euro zu Buche. In der Westbahnhof-Waschanlage sind es nur 1,42 Euro pro Triebfahrzeugmeter, rechnet der Vize-Betriebsleiter der Westbahn Management GmbH, Thomas Daxer vor. Aber die Bügel der Lok müssen am Hauptbahnhof beim Waschen nicht vom Stromnetz abgekoppelt werden, ein entscheidender Vorteil. Und es wird am Westbahnhof eben nicht alles so sauber, weil die Bürsten nicht bis zum Boden reichen. Auch sei dort eine Außenreinigung bei Temperaturen unter drei Grad Celsius nicht möglich.

Inzwischen hat der Zug den Westbahnhof mit Verspätung verlassen und zuckelt vorbei an der Station Penzing. Ehe er in Speising eintrifft, muss er warten, weil keine Trasse da ist - so heißt die Fahrwegkapazität, die einem Zug auf den Gleisen zugewiesen wird, im Bahnjargon. Ist ein Slot verpasst, weil die Streckenleitung kein grünes Licht gegeben hat, muss der Lokführer wie bei einem Flugzeug auf eine neue Trasse warten.

"Hier hast immer Vorsicht", erklärt Triebfahrzeugführer Markus C, ehe der Zug im Schneckentempo durch die Nacht zur sogenannten Verbindungsbahn Richtung Bahnhof Wien-Meidling fährt. "Vorsicht" steht für auf Sicht Fahren, was aufgrund der zahlreichen Baustellen im Zuge diverser Bahnhofsumbauten notwendig ist. Ein dumpfer Schlag lässt aufhorchen, das Fahrzeug hat eine "Trennstelle" passiert. Letzteres steht für einen Niveauunterschied in der Spannung, "dann fällt der Hauptschalter im Unterbau".

foto: standard/fischer
Waschen ist Millimeter-Arbeit.

Um 21 Uhr passiert der Westbahn-Zug den Bahnhof Meidling und rollt Richtung Hauptbahnhofgelände, wo er gewendet werden muss. "Alle Aussteigen", sagt der Lokführer und lotst seine Fahrgäste ans andere Ende des Zuges. Zwanzig Minuten später beginnt die Millimeterarbeit. Zentimeter für Zentimeter schiebt sich die Lok zum Bildschirm vor dem Eingangstor der Waschanlage, wo die technischen Kenndaten des Fahrzeugs eingegeben werden müssen. Drei Sensoren vermessen nun den Zug. "Fährst Du zu schnell durch, verpasst du die Frontwäsche", warnt Triebfahrzeugführer Markus C.

Nun geht alles vollautomatisch - wie in einer Pkw-Waschanlage in einer Tankstelle, nur viel größer. Ein Roboterarm mit einer riesigen Bürste fährt in Respektabstand über die Windschutzscheibe und misst Profil und Entfernung, dann beginnt die Frontwäsche. Im Innenraum vermitteln die riesigen kreisenden Bürsten ein wohliges Gefühl, fast als würden sie die Karosserie streicheln. So sanft sind sie in Wahrheit nicht, in der Nachbetrachtung werden - wie bei den Autofetischisten - Kratzer im Lack begutachtet. Sie sind unvermeidlich.

foto: öbb/marek knopp
Hier wird heftig gebürstet. Ein Zug wird allerdings nicht getrocknet.

Anders als bei Pkw-Waschanlagen wird ein Zug nicht mit Heißluft getrocknet. Die Verdrängung der Feuchtigkeit soll eine spezielle Flüssigkeit übernehmen, was mitunter Schlieren hinterlässt. Aber händisches Putzen ist keine Alternative. Als Marktbeherrscher ÖBB der 2011 gestarteten Westbahn den Zutritt zu Waschanlagen vorübergehend verwehrte, wurden die Garnituren des Herausforderers "von Hand gereinigt". Der Aufwand war dann aber doch zu groß, pro Nacht schaffte der Putztrupp in der auf dem Voestalpine-Gelände in Linz eingerichteten "Westbox" nur ein bis zwei Züge, sagt Forster. Nach einem Beschwerdebrief an den Regulator war das Problem gelöst. Die Benützung der Waschstraße wurde für Westbahn zwar nicht billiger, aber für den ÖBB-Personenverkehr teurer. Nun will die Anlage auf dem Hauptbahnhof, die zehn Millionen Euro gekostet hat, gut ausgelastet werden.

Je nach Witterung wird jeder Zug zwei bis dreimal pro Woche blitzblank geschrubbt. Im Winter und bei Nässe sammeln sich auf einem Zug locker fünf Kilo Schmutz. Die müssen nicht nur weggewaschen, sondern auch ordnungsgemäß entsorgt werden, können sie doch öl- und silikonverschmutzt sein. Um Wasser zu sparen, sammelt die ÖBB in einem Auffangbecken bis zu 1500 Kubikmeter Regenwasser, das unter anderem zum Waschen der Züge verwendet wird. Wieder aufbereitet, steht es für den neuerlichen Einsatz zur Verfügung.

Millimeterarbeit: Zentimeter um Zentimeter schiebt sich das Triebfahrzeug vor die Sensoren in der neuen Waschanlage auf dem Wiener Hauptbahnhof. Drinnen geht es zu wie auf der Tankstelle, nur einen Föhn gibt es nicht für die Eisenbahnen. ( Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 14.5.2015)

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