Zentralmatura: Zu eng, zu krampfhaft, zu spießig

Kommentar der anderen12. Mai 2015, 17:40
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Die Deutschaufgaben wurden brav exekutiert. Kreativ allerdings geht anders

Wir haben sie hinter uns, die erste flächendeckende Deutschmatura mit zentral erstellten Aufgaben. Im Unterschied zum Probedurchgang im Vorjahr gab es diesmal wenig Kritik, geschweige denn große Aufregungen. Dafür darf man dem Bifie, das von einem Übermaß an Lob nicht gerade verwöhnt ist, ruhig einmal Anerkennung aussprechen. Im Rahmen der Vorgaben wurde solide Arbeit geleistet. Betonen sollte man aber: im Rahmen der Vorgaben. Denn die wären sehr wohl einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Ludwig Laher hat im STANDARD vom 6. Mai seine Kritik am derzeit üblichen Format der literarischen Aufgabe erörtert ("Zentralmatura: Oberflächlich tief"). Dem ist wenig hinzuzufügen. Viele Deutschlehrer halten es für wünschenswert, dass eines der drei Wahlthemen ausschließlich aus einer Literaturaufgabe besteht und die geforderte Textsorte nichts anderes ist als ein klassischer Interpretationsaufsatz. Wer den beherrscht, ist kompetent genug. Darüber, ob für die Bewältigung dieser Aufgabe literaturhistorisches Kontextwissen notwendig ist, kann man geteilter Meinung sein. Wenn man das will, dann käme man um einen verbindlichen Kanon wohl nicht herum.

Was ich auf alle Fälle für zweckdienlich halte, ist ein methodischer "Kanon", also ein verbindliches methodisches Handwerkszeug der Interpretation, vor allem Termini, mit denen man ästhetische und sprachliche Textmerkmale bezeichnen kann, angefangen von der "Metapher" über den "Kreuzreim" bis zur "Erzählperspektive". Über diese Anforderung müsste allerdings bei Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern Klarheit herrschen. Zum Beispiel könnte man einen methodischen Kanon in Lehrpläne schreiben.

Formales Korsett

Es geht aber nicht nur um die Literatur. Das gedankliche und formale Korsett, das die Themenstellung den Kandidatinnen und Kandidaten anlegt, ist generell zu eng, zu starr, zu künstlich. Der Grund dafür liegt einerseits darin, dass bei jeder Aufgabe eine (angeblich reale) Schreibsituation vorgegeben werden muss. Das kann sinnvoll sein, zum Beispiel bei den Textsorten Rede und Empfehlung, aber dort und da führt dieser Zwang zu krampfhaften Konstrukten - oder zu redundanten, da sie ohnedies schon durch die Textsorte vorgegeben sind. Dass ein Leserbrief für ein bestimmtes Medium geschrieben wird und nicht für die Nachtkästchenlade, versteht sich von selbst.

Ein wahres Prokrustesbett für die Themensteller ist der dreiteilige Operatoren-Kanon. Unter Operatoren versteht man Verben, die Anweisungen zu Schreibhandlungen geben, z. B. beschreibe, erörtere, interpretiere usw. Die Themensteller müssen bei jedem Einzelthema aus jeder der drei Gruppen wenigstens einen Operator verwenden. Während früher die Formulierung dem inhaltlichen Anliegen folgte, ist es jetzt umgekehrt. Am Anfang stehen Formulierungsnormen. Diese Kuriosität kommt nicht aus der Sprachdidaktik, sondern aus der Psychometrie, das ist jene bedauernswerte Wissenschaft, deren einzige Obsession die Vermessung der Welt ist. Die Qualität von Texten kann aber nicht quantitativ bestimmt, sondern nur qualitativ diskutiert werden, denn Sprache ist etwas Lebendiges und Sinnliches.

Der Folgeschaden des Operatoren-Dogmas besteht nicht nur darin, dass die Themenstellungen sperrig wirken, sondern auch darin, dass die Schülerinnen und Schüler - sogar die überdurchschnittlich begabten - fast nur mehr darum bemüht sind, den mittels Operatoren gestellten Teilaufgaben gerecht zu werden.

Der sprachliche "Output" einer Deutschmatura besteht daher meist aus brav gefertigter Massenware, gefällig, gediegen, irgendwie brauchbar, aber gedanklich schlicht und farblos, zumal oft nur die Inhalte jener Textvorlagen (meist Zeitungsartikel) variiert werden, die den Aufgaben zugrunde liegen. Kreativ ist jedenfalls anders.

Ähnlich beckmesserisch wie das Aufgabenformat ist auch der Beurteilungsraster gestaltet. Er ist zu kompliziert, zu aufwendig, zu unflexibel und nur bedingt sachdienlich. Die Beurteilungskriterien sind nicht auf alle neun Textsorten anwendbar. Und apropos Textsorten: Manche, zum Beispiel die Zusammenfassung, eignen sich nicht als eigenständige Aufgabe für die Matura. Auch darüber wäre nachzudenken. (Christian Schacherreiter, 12.5.2015)

Christian Schacherreiter (Jahrgang 1954) ist Germanist, Schulbuchautor und Direktor des Georg-von-Peuerbach-Gymnasiums in Linz.

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