Satire: Polemisieren statt unterscheiden

Kommentar der anderen12. Mai 2015, 17:37
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"Charlie Hebdo" an den Pranger zu stellen ist eine gotterbärmliche Dummheit und endet in Selbstaufgabe. Anmerkungen zur Debatte über den amerikanischen PEN Award für das französische Magazin

Der US-amerikanische PEN hat seinen alljährlichen "Freedom of Expression Courage award" an das Satiremagazin Charlie Hebdo vergeben. Bereits im Vorfeld entstand eine heftige Kontroverse. Ausgerechnet einige Mitglieder einer Vereinigung, die weltweit für das freie Wort kämpfen soll, gehen gegen diese Verleihung auf die Barrikaden. Man muss das Magazin nicht mögen, man kann seine Karikaturen für geschmacklos und wenig lustig halten. Aber reicht das als Anlass, diese Preisverleihung zu kritisieren? Besonders irritierend ist die Wortmeldung von Josef Haslinger, Präsident des deutschen PEN. Vielleicht gibt es gute Gründe, die Verleihung abzulehnen, aber in Haslingers Argumentation habe ich sie nicht gefunden. Ganz im Gegenteil.

Die in den Medien als "scharf" bezeichnete Kritik Haslingers besteht darin, dem Magazin vorzuwerfen, es trage "zur Verschärfung des Klimas zwischen den gesellschaftlichen Gruppen bei". Ein Argument, das nicht konsequent zu Ende gedacht ist. Denn wenn man es ernst nimmt, sind Satire und Karikatur nicht mehr möglich. Irgendjemand ist immer subjektiv beleidigt, insbesondere religiöse Fundamentalisten. Die katholische Kirche hätte unter diesem Aspekt mit gutem Recht gegen das Jesus-Buch (Das Leben des Jesus) von Gerhard Haderer protestiert. Weihbischof Laun erklärte damals, dass dieses Werk "sehr schnell zur Verfolgung der Kirche führen könne". Das ist verdammt nah am Argument "Klimaverschärfung". Auch wenn Haderer selbst beteuert, er habe es "nicht auf Tabubruch angelegt" - die Kirche hat es anders interpretiert. Wessen Interpretation ist gültig?

Wenn wir Haslingers Argument folgen, überlassen wir durchgeknallten Islamisten die Definitionshoheit darüber, was ein Tabu darstellt - ein indirekter Freibrief, Tabubrüche (auf welche Art) immer zu ahnden. Man liefert den verwirrten Hebdo-Attentätern im Nachhinein eine Rechtfertigungslinie und gibt all jenen Fundamentalisten recht, die sich über Religionssatire empören und nicht akzeptieren, dass Religion Privatsache ist und keinen besonderen Schutz (Blasphemieparagrafen!) rechtfertigt. Zeichnungen des Propheten verletzen das Bilderverbot und sind damit eine Beleidigung der Muslime? Was, wenn ich mich von Frauen im Tschador beleidigt fühle? Sobald wir unsere Handlungen an unserem subjektiven Beleidigungsgefühlen orientieren, sind wir mitten im Religionskrieg.

Zu allem Überdruss erhebt Haslingers Argument im Subtext den Vorwurf, der auch Juden gemacht wird: Sie seien durch ihr Wesen und ihre Taten selbst schuld an ihrem Schicksal. So öffnet man argumentativ allen Irren dieser Welt Tür und Tor für verbrecherische Fatwas und deren Umsetzung. Auch der Hinweis mancher US-Autoren, dass in Frankreich die muslimischen Zuwanderer sozial marginalisiert würden, spricht nicht gegen die Preisvergabe. Was kann da Hebdo dafür? Und wer sprach vor dem Attentat (und spricht jetzt danach) von dem Druck, dem französische Juden in einem zunehmend antisemitischen Klima ausgesetzt sind; von deren Ängsten angesichts der durchlittenen Geschichte und der unverhohlen antisemitischen Morde an jüdischen Karikaturisten und in einem jüdischen Supermarkt?

Warum sollten wir die "Traditionen" (Welche eigentlich? Den Antisemitismus?) von Islamisten achten, die ihrerseits unsere Tradition der Aufklärung verachten und uns bis aufs Blut bekämpfen, weil wir "Ungläubige" sind, die man jederzeit massakrieren darf?

Das Argument, die Karikaturen in Charlie Hebdo würden zu einer Klimaverschlechterung beitragen, setzt voraus, dass islamistische Fundamentalisten gesprächsbereit und diskursfähig sind. Diese Leute haben sich aber in Wahrheit niemals mit den Karikaturen auseinandergesetzt - und schon gar nicht mit Fragen von Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Demokratie und freiheitlicher Gesellschaft. Es treibt sie der Wille, sich zu empören. Ein Grund findet sich immer.

Die bloße Abbildung des Propheten ist für diese Leute schlimmste Blasphemie und rechtfertigt in ihrer Lesart des Koran die Tötung solch "Ungläubiger". Wenn hier tatsächlich jemand das Klima verschärft, dann solche Fundamentalisten. Sie drohen der westlichen Gesellschaft, verbreiten Ängste und gleichzeitig Vorurteile gegen den Islam. Das jetzt umgekehrt den Leuten von Charlie Hebdo vorzuwerfen, ist reichlich verwegen und unangemessen.

Vorsichtl und Rücksichtl

Diese Leute würden sich auch von subtilerem Witz, als er in Hebdo betrieben wird, beleidigt fühlen. Darauf kann man mit Selbstbeschränkung und der Schere im Kopf antworten und sich damit dem Bilderverbot und allen Wahnideen dieser Leute unterwerfen. Das wäre für eine aufgeklärte Gesellschaft so ziemlich die schlimmste Konsequenz. Da ziehe ich eindeutig die mitunter geschmacklose Courage von Charlie Hebdo vor. Für den Mut, die Risken auf sich zu nehmen, die diese Haltung nach sich zieht, verdient das Magazin jeden Preis der Welt. Keineswegs aber kleinmütige Bedenken der Marke Vorsichtl und Rücksichtl.

Charlie Hebdo an den Pranger zu stellen ist eine gotterbärmliche Dummheit und endet in Selbstaufgabe. (Michael Amon, 12.5.2015)

Michael Amon (Jahrgang 1954) lebt als freier Schriftsteller in Wien und Gmunden. Zuletzt erschienen von ihm "Nachruf verpflichtet" als Band drei der "Wiener Bibliothek der Vergeblichkeiten", in dem er sich in der Form des Kriminalromans u. a. mit religiösem Fanatismus beschäftigt.

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