Expo in Mailand: Chronischer Hunger und wachsende Gier

15. Mai 2015, 05:30
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Der europäische Expo-Pavillon hätte im Zeichen der Nahrungsmittelforschung stehen sollen - zumindest Nebenevents richten den Blick auf globale Probleme

Putzkräfte kehren den Balkon, Techniker versuchen, das Multimedia-Equipment zum Laufen zu bringen. Wenige Minuten vor der Eröffnung des Pavillons der Europäischen Union bei der Weltausstellung in Mailand wird noch an seiner Fertigstellung gearbeitet. Letzten Freitag konnten ihn die ersten Besucher betreten - eine Woche nach der Expo-Eröffnung, früher war er schlicht nicht fertig.

Zum ersten Mal ist die EU mit einem eigenen Pavillon bei der Expo vertreten. Mit der Absicht, den europäischen Beitrag zum Thema "Feeding the Planet. Energy for Life" ganz der Forschung über Nahrung zu widmen, wurde der hausinterne wissenschaftliche Dienst der Europäischen Kommission, das Joint Research Center (JRC), mit der Konzeption beauftragt.

Geht man durch die in EU-Dunkelblau gehaltenen Räume des 12,2 Millionen teuren Pavillons, fällt es schwer zu glauben, dass hier Wissenschafter am Werk gewesen sind. Die Aufmachung wirkt bemüht kindgerecht, wie die als Bananen und Erdbeeren verkleideten Menschen, die davor tanzen. Das Herzstück sind zwei Kinosäle, in denen die Besucher in sechsminütigen Filmsequenzen die Liebesgeschichte zwischen der Wissenschafterin Sylvia und dem Bauer Alex zu sehen bekommen - inklusive Wassersprüh- und Heizstrahlereffekten. Und mit dem unmissverständlichen Subtext: Nur in der Zusammenarbeit von Forschung und Landwirtschaft kann die Zukunft liegen.

Was den EU-Auftritt jedoch wissenschaftlich interessant macht, sind die Nebenaktivitäten des JRC anlässlich der Expo. Im rund 60 Kilometer entfernten Ispra befindet sich der größte Standort des JRC. Über 2000 Wissenschafter sind auf dem 167 Hektar großen Areal in malerischer Lage am Lago di Maggiore tätig. Das macht Ispra zu dem Ort, wo nach Brüssel und Straßburg am dritthäufigsten EU-Bedienstete ihren Arbeitsplatz haben.

Abgelegene Lage

Die abgelegene Lage in Ispra verdankt die JRC-Zweigstelle seiner früheren Ausrichtung als Nuklearforschungszentrum - ein solches wollte man nicht in unmittelbarer Nähe einer Großstadt haben. Heute wird dort vor allem über nachhaltige Energiequellen wie Solartechnologie, Gesundheitsthemen und Sicherheitsfragen geforscht - in vielen Projekten geht es vor allem um Lebensmittelsicherheit und Versorgung.

Während der Expo können Besucher bis Ende Oktober an Exkursionen nach Ispra teilnehmen. Ebenfalls gerade rechtzeitig wurde das dortige Besucherzentrum runderneuert. In einem eigens anlässlich derExpo errichteten Teil - genannt Sylvia's Lab - sind mehrere Schau-Bienenstöcke, Erdproben aus aller Welt und verschiedene Multimedia-Stationen zu sehen, bei denen JRC-Forschungstätigkeiten im Bereich Essen und Ernährung gezeigt werden. Auch in Österreich hat das JRC einige wissenschaftliche Partner, darunter die Universitäten Wien und Salzburg, die Montanuniversität Leoben, die Universität für Bodenkultur, das Austrian Institute of Technology, das Umweltbundesamt, Joanneum Research sowie das Landwirtschafts- und das Wissenschaftsministerium.

Bei den Exkursionen nach Ispra haben die Expo-Besucher die Möglichkeit, mit Forschern in Kontakt zu kommen. Jede Gruppe wird von Wissenschaftern empfangen, die über ihre Forschung erzählen. Eine von ihnen ist Catherine Simoneau. Die Leiterin des European Reference Laboratory for Food Contact Materials liefert mit ihrem Team die Hintergrundforschung, wenn in der EU etwa potenziell gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe von Babyflaschen, Lebensmittelverpackungen oder Kochutensilien zur Diskussion stehen. In Simoneaus Labor stapeln sich Babyflaschen verschiedenster Fabrikate, die sie auf gesundheitsgefährdende Absonderungen getestet hat - etwa 400 Stück waren es bisher. Die Chemikerin lieferte damit entscheidende Daten zur Diskussion um Bisphenol A in Babyflaschen.

Ebenfalls wichtige Beiträge leistete sie mit ihren Studien zu Kochlöffeln. Mehrere zerstörte Exemplare in ihrem Labor zeugen davon, dass sie Simoneaus Versuchsanordnung - 30 Minuten in kochender Flüssigkeit - nicht überstanden haben.

Forschung und Hausverstand

"Manchmal geht es dabei weniger um Wissenschaft als um den Hausverstand" , sagt Simoneau. Bei manchen Kochlöffeln hat sich die Beschichtung in kochendem Wasser aufgelöst, anderen hat heiße Tomatensauce sichtlich zugesetzt. Aktuell hat es Simoneau auf Salatschüsseln abgesehen, die beim Kontakt mit Essig möglicherweise gesundheitsgefährdende Substanzen abgeben.

Ein weiteres und noch wichtigeres Problemfeld, das von Wissenschaftern am JRC bearbeitet wird, ist die Frage, wie die stetig wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann. Dabei geht es vor allem um Verteilung, die Frage ist damit Sache der Politik. Aktuell leiden 805 Millionen Menschen an chronischem Hunger, zwei Milliarden sind eingeschränkt durch Folgen von Unterernährung - hauptsächlich aufgrund von mangelnder Verteilung von und schlechtem Zugang zu Nahrungsmitteln; nicht weil nicht genug produziert wird.

Eine Studie, die bei einer Konferenz anlässlich der Expo-Eröffnung letzten Freitag, präsentiert wurde, zeigt, dass die Nahrungsmittelproduktion um 60 Prozent gesteigert werden muss, um eine voraussichtlich 9,2 Milliarden große Weltbevölkerung 2050 ernähren zu können. Um diesen Zuwachs erzielen zu können, sind - neben politischen - auch wissenschaftliche Lösungen gefragt. "Dadurch, dass immer mehr Menschen auch Fleisch und nicht nur Getreide essen wollen, steigen die Anforderungen an den Planeten", sagt Alan Belvard. "Wir werden nicht nur mehr, sondern auch gieriger."

Der Biologe leitet die Land Resource Management Unit in Ispra, die Informationen für die Landnutzung sammelt und aufbereitet. Die nachhaltige Nutzung sei besonders wichtig angesichts der Tatsache, dass Land eine kaum erneuerbare Ressource ist. "Für die Entstehung von einem Zentimeter Erde braucht es 100 Jahre", sagt Belvard. Den meisten Menschen sei das aber kaum bewusst, "wir behandeln Erde oft wie Schmutz" - nur ein weiterer Aspekt, bei dem ein Umdenkprozess bei Ernährung und Lebensmittelproduktion notwendig ist, um globale Nahrungssicherheit zu erreichen. Schade, dass diese Botschaft im Expo-Pavillon nicht betont wird. (Tanja Traxler aus Mailand, DER STANDARD, 15.5.2015)


Diese Reise erfolgte auf Einladung der Europäischen Kommission.

  • Unter dem Titel "Feeding the Planet. Energy for Life" sind verschiedene Facetten von Ernährung und Nahrungsmittelproduktion das Thema der diesjährigenExpo in Mailand.
    foto: ap / antonio calanni

    Unter dem Titel "Feeding the Planet. Energy for Life" sind verschiedene Facetten von Ernährung und Nahrungsmittelproduktion das Thema der diesjährigenExpo in Mailand.

  • In Kleingruppen können Besucher des EU-Pavillons bei der Expo eine Liebesgeschichte zwischen Forschung und Landwirtschaft sehen.
    foto: joint research center

    In Kleingruppen können Besucher des EU-Pavillons bei der Expo eine Liebesgeschichte zwischen Forschung und Landwirtschaft sehen.

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