Marterbauer: "Jammern ist des Kaufmanns Gruß"

Interview14. Mai 2015, 14:00
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Die Schwäche bei Produktivität und Wachstum ist aus Sicht von Arbeiterkammer-Ökonom Markus Marterbauer primär ein Problem der Nachfrage

STANDARD: Österreich fällt nach Einschätzung internationaler und nationaler Experten bei der Wettbewerbsfähigkeit zurück. Auch das Wachstum hinkt hinterher. Sandelt Österreich ab?

Marterbauer: Zunächst ist es einmal die Frage, welche zeitliche Perspektive man heranzieht. Wenn man es länger, über einige Jahre hinweg, etwa seit Beginn der Krise, betrachtet, haben wir uns viel besser entwickelt als der EU-Durchschnitt. Wir haben beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf den vierthöchsten Wert nach Luxemburg, den Niederlanden und Irland und haben uns eigentlich seit Beginn der Krise verbessert. Wir waren 2007 um 23 Prozent über dem EU-Durchschnitt, jetzt sind wir 28 Prozent darüber, das heißt Österreich steht eigentlich sehr gut da.

STANDARD: Der Rückfall bei Wachstum und am Arbeitsmarkt lässt sich doch nicht wegdiskutieren.

Marterbauer: Wir haben seit 2014 eine schwächere wirtschaftliche Entwicklung gegenüber Deutschland, heuer und letztes Jahr entwickelt sich das Wachstum um rund einen Prozentpunkt schwächer. Es handelt sich also um ein kurzfristigeres Phänomen, und ich glaube, dass man sich das schon genau anschauen muss. Und wenn man das tut, dann kommt man drauf, dass der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich primär in der Binnennachfrage liegt. Die Deutschen haben ein Konsumwachstum 2014 von 1,2 Prozent, wir 0,2 Prozent. Und bei den Bauinvestitionen hat Deutschland 3,6 Prozent reales Wachstum, wir haben 0,4 Prozent. Diese Diskrepanz in der Binnennachfrage ist sehr wohl besorgniserregend. Für den Unterschied sind die höheren real verfügbaren Einkommen, höhere Lohnabschlüsse und die niedrigere Inflation in Deutschland verantwortlich. Und ich würde glauben, dass eigentlich die Wirtschaftspolitik mit der Steuerreform in der Frage richtig reagiert hat, weil sie 2016 eine Erholung der Konsumnachfrage in Österreich bringen wird.

STANDARD: Neben dem Konsum steht es auch um die Produktivität mäßig, zumindest in den letzten Jahren sackten wir ab.

Marterbauer: Wir haben das Problem, dass in Österreich die Pro-Kopf-Produktivität im negativen Bereich ist. Ich glaube allerdings, dass das mit der Arbeitsmarktentwicklung zusammenhängt. Warum? Wir haben einen enormen Zustrom an Arbeitskräften, und die sind primär im Teilzeitbereich tätig. Vier Fünftel des Beschäftigungswachstums sind auf Teilzeit zurückzuführen. Wenn weniger an Stunden gearbeitet wird, ist der Output pro Kopf gering. Wenn man den Output in Relation zu den Arbeitsstunden setzt, ist die Produktivität auch nicht berühmt, aber zumindest günstiger.

STANDARD: Also doch ein Problem bei der Produktivität.

Marterbauer: Das hängt auch mit der schwachen Wirtschaftsentwicklung zusammen. Ich würde vermuten, dass sich die Daten bei einer Erholung verbessern. Aber man muss das durchaus beobachten und in der Lohnpolitik auch darauf Rücksicht nehmen.

STANDARD: Aber gerade die Industrie warnt, dass der Standort wegen ungünstiger Rahmenbedingungen gefährdet sei. Sollte man das Problem nicht offensiver angehen?

Marterbauer: Jammern ist des Kaufmanns Gruß. Man muss sich das natürlich genau anschauen, aber die Industrieproduktion entwickelt sich ganz gut, auch in den letzten Monaten. Es gibt also keinen Anlass zu ganz großer Besorgnis. Dass die Produktivitätsentwicklung berücksichtigt wird, erkannt man an den jüngsten Lohnabschlüssen. Die Metaller haben in Deutschland mit 3,4 Prozent abgeschlossen, in Österreich mit 2,1 Prozent.

STANDARD: Inwieweit hat die Wachstumsschwäche mit Osteuropa zu tun?

Marterbauer: Wir haben diesen positiven Faktor aus Osteuropa, der das Wachstum in den letzten 15 Jahren beflügelt hat, im Moment nicht mehr. Dazu kommt, dass die Osteuropäer in der Industrie jetzt schon so stark sind, dass sie zum Teil die österreichische Rolle übernehmen können. Also wenn die bisher Zulieferer waren für uns, wo wir dann weiter auf die Weltmärkte und nach Deutschland geliefert haben, bestellen die deutschen Firmen jetzt zunehmend direkt in der Slowakei und den anderen Ländern. Das hängt zum Teil mit der Industriestruktur zusammen. Zum Beispiel hat Polen eine starke Konsumgüterindustrie. Die profitieren natürlich stärker von der deutschen Expansion der Konsumnachfrage.

STANDARD: Wie sehen Sie Österreichs Industrie strukturell aufgestellt? Früher hieß es, wir exportieren billiges Holz und importieren hochwertige Möbel.

Marterbauer: Wir sind stark bei Investitionsgütern, was an sich eine gute Position ist. Aber halt nicht an der Spitze der Investitionsgüter, das ist das Problem. Ich sehe eigentlich zwei Herausforderungen: Wir müssen auch deshalb in Forschung und Entwicklung investieren, damit wir an die Spitze dieser Investitionsgüterindustrie kommen. Aber wir müssen uns bei F&E nicht schlechter machen, als wir sind, wir sind zwar bei der F&E-Quote nicht bei den Spitzenreitern, aber bei der staatlichen Forschungsquote sind wir das Land mit den höchsten Ausgaben in der gesamten EU.

STANDARD: Tut Österreich genug für die Ausbildung von Facharbeitern?

Marterbauer: Wir haben uns lange Zeit für das Know-how der Facharbeitskräfte starkgemacht. Das war eigentlich der österreichische Wettbewerbsvorteil, dass wir eine sehr gute Ausbildung der Lehrlinge hatten, die Facharbeitskräfte dann weitergeführt wurden. Meine große Sorge ist, dass wir die Schichten, die Facharbeitskräfte bilden, nicht ausreichend dorthin bringen. Damit meine ich: Wer sind die Lehrlinge der Vergangenheit? Das sind die Kinder der Arbeiterschichten. Wer sind die Lehrlinge der Zukunft? Die Kinder aus den Arbeiterschichten von heute sind die Migranten, und wir tun viel zu wenig, um diese Kinder, die eigentlich unser Potenzial wären, in das Schulsystem und in die Gesellschaft zu integrieren. Da wird irrsinnig viel versäumt. Das ist nicht nur aus sozialen Gründen problematisch, sondern auch für die Wettbewerbsfähigkeit.

STANDARD: Die Zuwanderung ist trotz der steigenden Arbeitslosigkeit ungebrochen. Drückt das auf die Löhne?

Marterbauer: Wir haben tatsächlich einen enormen Zustrom an Arbeitskräften aus dem Ausland. Die größte Dynamik gibt es bei Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Das führt zu Verdrängungsprozessen zwischen den Alteingesessenen, die zum Teil auch schlecht integriert sind, und den Neuen. Das AMS klagt über Bauarbeiter aus Exjugoslawien, die seit 20 oder 25 Jahren da sind, aber noch immer gebrochen Deutsch sprechen. Die finden nie wieder einen Job. Was tut man mit denen? Die Jungen sind halt billiger und flexibler, und für die bedeuten die österreichischen Löhne - wenn man aus Rumänien oder Bulgarien kommt - das Paradies. Das drückt auf die Löhne. Die negative Lohndrift merkt man in den offiziellen Daten. Das zweite Problem ist, dass viele Ausländer am Arbeitsmarkt Pendler sind und Teile des Einkommens im Ausland ausgegeben werden. Das ist auch ein Teil unserer Konsumschwäche. Dort wo wir wirklich zusätzliche Beschäftigung haben, wird ein größerer Teil im Ausland ausgegeben. (Andreas Schnauder, 13.5.2015)

Markus Marterbauer (50) leitet seit 2011 die Abteilung Wirtschaftswissenschaft in der Arbeiterkammer. Der Ökonm war früher beim Wifo und kandidierte einst für die SPÖ.

  • Marterbauer macht sich  echte Sorgen um die Integration von Migranten: "Da wird irrsinnig viel versäumt." Das schade auch der Wirtschaft.
    foto: standard/cremer

    Marterbauer macht sich echte Sorgen um die Integration von Migranten: "Da wird irrsinnig viel versäumt." Das schade auch der Wirtschaft.

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