Die Stimme der Amazonasbewohner

17. Mai 2015, 12:00
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Claudia Fallmann analysiert Minderheitenrechte in brasilianischen Belo Monte

Das Kraftwerksprojekt Belo Monte in Brasilien ist ein Lackmustest für die Ernsthaftigkeit von Corporate Social Responsibility und die Umsetzung von Minderheitenrechten. In ihrer interdisziplinären Diplomarbeit analysierte Claudia Fallmann, ob nationale und internationale Rechtsgrundlagen die Durchsetzung schutzwürdiger Interessen gegen Politik und Big Business unterstützen. Dafür wurde sie letztes Jahr vom Land Niederösterreich mit dem "Wissenschaf(f)t Zukunft" -Preis im Gedenken an Bertha von Suttner ausgezeichnet.

Die 27-jährige Absolventin des Studiums Internationale Entwicklung und Studentin der Slawistik an der Universität Wien untersuchte Formen des Widerstands, die Rollen unterschiedlicher Akteure, etwa von NGOs, Industrie, betroffene Indigene, Regierung und Justiz, sowie die relevanten Rechtsgrundlagen. Die Arbeit beleuchtet die Buchstaben des Gesetzes, kultur- und sozialanthropologische Aspekte der indigenen Lebensweise und die brasilianische Wirtschaftspolitik.

Halbe Sachen liegen Fallmann nicht - sie kniete sich so tief ins Thema hinein, wie es ohne Lokalaugenschein möglich war. Das Sprachentalent aus Leopoldsdorf bei Wien - neben Deutsch beherrscht sie Englisch, Spanisch, Französisch, Russisch, Portugiesisch und Kroatisch auf unterschiedlichen Niveaus - verglich Informationen in Originalsprache aus unterschiedlichen Quellen mit geschärftem Blick für Details, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Da die Indigenen nicht einmal ein Prozent der brasilianischen Bevölkerung ausmachen, werden sie allein nie eine demokratische Mehrheit bilden. Um gehört zu werden, sind sie auch auf die Vertretung durch NGOs angewiesen. Fallmanns Fazit: Internationale Rechtsinstrumente können Druck und mediale Aufmerksamkeit erzeugen und Entschädigungen ermöglichen. Bis Recht gesprochen wird, werden jedoch Tatsachen geschaffen und irreversible Schäden angerichtet.

Für die Zaungäste des Konflikts in Österreich hat sie eine unangenehme Botschaft: "Belo Monte wird, auch wenn die brasilianische Regierung dementiert, vor allem Energie für die Aluminiumproduktion liefern. Dass ein Projekt im Amazonasraum mit Autos, Flugzeugen und unserem Konsumverhalten zu tun hat, ist hierzulande den wenigsten bewusst".

Fallmanns Entdeckergeist für ferne Länder und Kulturen wurde bereits während ihrer Schulzeit geweckt, als sie während der HAK ein Jahr auf Austausch in Argentinien war. Ihr Rezept fürs Sprachenlernen: "Hinfahren, privat wohnen und ins kalte Wasser springen, dann lernt man schnell die nötigen Worte." Das französische Wort für Krücke begleitet sie seit einer Sportverletzung während ihres Jahres an der Sorbonne. Das russische Wort "Ukrop" kennt sie, weil Russland ihrer Meinung nach Dill schmeckt.

Aktuell schließt sie ihr zweites Studium ab und bemüht sich um eine Stelle in einer großen Unternehmensberatung, mit der Möglichkeit, auch ein Doktorat nebenbei zu machen. Eine Weile in Russland zu arbeiten wäre für die wissbegierige Tangobegeisterte sprachlich, kulturell und fachlich interessant, sagt sie. Auch China wäre ein lohnendes Ziel. Davor würde sie allerdings erst Chinesisch lernen wollen. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 17.5.2015)

  • Claudia Fallmann macht sich in ihrer Forschung zunutze, dass sie sechs Fremdsprachen beherrscht.
    foto: rafaela proell

    Claudia Fallmann macht sich in ihrer Forschung zunutze, dass sie sechs Fremdsprachen beherrscht.

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