Paraguay: Vergewaltigte Zehnjährige darf nicht abtreiben

13. Mai 2015, 13:41
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Debatte über strikte Abtreibungsregelungen, NGOs sehen Gefahr für Mädchen

Das Mädchen ist zehn Jahre alt, 1,39 Meter groß, wiegt 34 Kilogramm und ist nach einer Vergewaltigung durch ihren Stiefvater fünften Monat schwanger. Ihr Fall hat in Paraguay eine hitzige Debatte vom Zaun gebrochen. Darf sie abtreiben oder nicht? Das Gesetz erlaubt dies nur, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist.

Den Ärzten zufolge geht es dem Mädchen aber gut, und auch die konservative katholische Kirche sieht keinen Anlass für eine Abtreibung. "Abtreibung ist Mord an einem unschuldigen, noch im Entstehen begriffenen Leben", sagte Bischof Claudio Gimenez bei seiner Messe am Sonntag. Das Gesundheitsministerium lehnte den Antrag auf Schwangerschaftsabbruch ab.

Mädchen in Gefahr

Die Mutter hingegen befürwortet die Abtreibung bei ihrer Tochter ebenso wie Frauen- und Menschenrechtsorganisationen. Sie berufen sich dabei auf Statistiken der Weltgesundheitsorganisation, wonach Schwangerschaften von Müttern unter 16 Jahren viermal riskanter sind als bei über 20-Jährigen, da ihr Körper noch nicht voll ausgebildet ist. Das sei bei dem paraguayischen Mädchen nicht der Fall, selbst für ihr Alter sei sie klein und dünn, so Amnesty International. Die Organisation startete deshalb eine Kampagne unter dem Hashtag #NiñaEnPeligro, zu Deutsch "Mädchen in Gefahr". Es sei Folter, das Mädchen zum Austragen des Kindes zu zwingen, erklärte Amnesty.

Die Zehnjährige lebte am Rande der Hauptstadt Asunción mit ihrer Mutter und dem Stiefvater. Wenn ihre Mutter unterwegs war, so die ersten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, nutzte der Stiefvater die Situation aus und verging sich an dem Mädchen. Weil die Mutter vor einem Jahr bereits einmal Anzeige erstattet hatte - die sie dann wieder zurückzog - wurde sie wegen Verletzung der Aufsichtspflicht verhaftet. Bekannt wurde der Fall erst, als sie mit ihrer Tochter Ende April wegen Magenschmerzen ein Krankenhaus der Hauptstadt aufsuchte. Dort entdeckten die Ärzte die Schwangerschaft und alarmierten sofort die Behörden.

Der Stiefvater ergriff daraufhin die Flucht. Die Polizei entdeckte den 43-Jährigen am Wochenende in einer Hütte in einem Wald 260 Kilometer außerhalb von Asunción. Ihm drohen 15 Jahre Gefängnis. Er stritt die Vorwürfe aber ab. Er sei medizinisch nicht in der Lage, jemand zu schwängern, erklärte er und verlangte einen Vaterschaftsnachweis. Das Mädchen ist derweil mit Gleichaltrigen interniert und wird von einer Psychologin betreut.

Strikte Gesetze

2014 registrierten die paraguayischen Behörden 684 Geburten, deren Mütter jünger als 15 Jahre waren. In den meisten Fällen handelt es sich dabei den Ärzten zufolge um Missbrauch. Wenig hilfreich für die Opfer sind die strikten Abtreibungsgesetze und eine machistische Justiz. Länder wie Paraguay, Nicaragua, Haiti, Honduras und El Salvador lassen nicht einmal bei Vergewaltigungen Ausnahmen zu.

In Nicaragua sind UN-Statistiken zufolge 4,4 Prozent der Mütter jünger als 15; in El Salvador wurden elf Prozent der unter 18-Jährigen bereits einmal schwanger. Derzeit verbüßen 16 Salvadorianerinnen Haftstrafen von bis zu 30 Jahren, weil sie abgetrieben oder eine Fehlgeburt erlitten haben, die von Richtern als Abtreibung gedeutet wurde. Komplett legal mit einer Fristenregelung ist Abtreibung nur in Uruguay, Kuba und Mexiko-Stadt.

Straffreiheit bei unter 14-Jährigen gefordert

Bei illegalen Abtreibungen sterben jedes Jahr in Lateinamerika hunderte Frauen und Mädchen. Um dies zu unterbinden, fordern Frauen- und Menschenrechtsorganisationen seit langem die Legalisierung. "Das Verbot der Abtreibung diskiminiert vor allem die Ärmsten, denn die reichen Frauen, die ungewollt schwanger werden, fahren ins Ausland", sagt Carmen Pompa vom Lateinamerikanischen Komitee zur Verteidigung der Frauenrechte. "Die Armen hingegen riskieren Gefängnisstrafen oder schwere, gesundheitliche Komplikationen bei Kurpfuschern."

Pompa fordert deshalb prinzipiell Straffreiheit für Abtreibungen bei unter 14-Jährigen. Sie kritisierte außerdem die Justiz, die wie jetzt in Paraguay die Mütter zuerst einsperre und den Mädchen damit die einzige, noch verbleibende Stütze nehme. (Sandra Weiss aus Puebla, 13.5.2015)

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