Wiener Brut: Das Theater ohne Langeweile

12. Mai 2015, 17:07
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Nach acht Saisonen ohne Scheu vor Komplexität und Risiko mit vielen Höhepunkten verabschiedet sich die erste Intendanz mit einem "Grande Grill Finale". Eine Bilanz zum Abschied

Wien - Verblichene Größen werden in Österreich gerne gefeiert, aber in jeweiligen Gegenwarten hat man's lieber übersichtlich. Nur keine Wellen. Am Künstlerhaustheater, das zwischen 1989 und 2007 dietheater Künstlerhaus und Konzerthaus war und seitdem Brut Theater heißt, geht wieder einmal - das klingt jetzt sehr Wienerisch - eine Ära zu Ende. "Die" oder gemeinhin "das" Brut in der Intendanz von Thomas Frank und Haiko Pfost (der sich bereits 2013 verabschiedete) ist ab Mittwoch nach einem "Grande Grill Finale" Geschichte.

Frank und Pfost waren aus Deutschland nach Wien gewechselt, und sie zeigten den Wienerinnen und Wienern von Anfang an, aus wie vielen Richtungen ein frischer Wind wehen kann. Kaum war das etwas abgewohnt gewesene Innenleben des Theaters mit klugen Eingriffen umgestaltet, wurde auch schon auf so einige Tuben gedrückt. Große Themenschwerpunkte, postdramatisches Theater, politische Performance, zeitgenössische Choreografie, Popkultur samt -musik und Festln mit Interventionen brachten viel Publikum in die Brut-Räume.

Internationales wie lokales Live-Programm

Da schoben zwei clevere Männer ohne Nerven, dafür mit wechselnden Geschäftsführungen, ein dichtes internationales wie lokales Live-Programm an, das den Geruch der Partymetropole Berlin verströmte, Genderdiskurs mit Sexyness verknüpfte und Gesellschaftskritik nie in den Hintergrund rücken ließ. Was da gezeigt wurde, durfte alles Mögliche sein, aber keinesfalls fad daherkommen oder stümperhaft gemacht sein.

Mit dabei war von Beginn an Bettina Kogler, die vor allem, aber nicht ausschließlich für das imagetanz-Festival verantwortlich zeichnete. Sie übernahm vor zwei Jahren die Verantwortung für den Performing-Art-Bereich des Wuk und übergab das Festival an Katalin Erdödi, die das Haus jetzt zeitgleich mit Frank verlässt. Ob imagetanz unter der Nachfolge-Intendanz von Kira Kirsch weitergeführt wird, steht noch in den Sternen. Die zweite Spielstätte im Konzerthaus ist schon einmal vorsorglich aufgegeben worden.

Streichung der Bundesförderung

Großen Schaden fügte dem Brut - und damit auch den österreichischen Künstlerinnen und Künstlern, die dort oft auftreten - die Streichung der Bundesförderung von rund 180.000 Euro zu. In Künstlerkreisen gab es zwischendurch allerdings auch Kritik an der Intendanz von Frank und Pfost, vor allem, was deren eher sparsame Gagen-Usancen betraf. Großzügiger stellen sich die Bilanzen dar: Die Vorsaison brachte dem Brut rund 35.000 Besucher und eine Durchschnittsauslastung von 92 Prozent. In dieser Rechnung sind die beliebten Konzertveranstaltungen mit enthalten. Schwach ist das trotzdem nicht.

In Erinnerung bleiben werden dem Publikum acht Jahre, in denen Queerness auch zu einem Kriterium für die Programmierung eines zeitgenössischen Theaterhauses geworden ist. Acht Saisonen ohne Scheu vor Komplexität und Risiko mit vielen Höhepunkten - darunter das tolle Extra-Festival "Up to Nature" im Juni 2012 - und der Selbstverständlichkeit einer spartenübergreifenden Auffassung von darstellender Kunst. Das hatte Größe. (Helmut Ploebst, 12.5.2015)

  • Tauchte wiederholt im Brut-Programm auf: Choreografenpaar Florentina Holzinger & Vincent Riebeek.
    foto: holzinger & riebeek

    Tauchte wiederholt im Brut-Programm auf: Choreografenpaar Florentina Holzinger & Vincent Riebeek.

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