EU unterzieht Naturschutz einem Fitness-Check

12. Mai 2015, 17:26
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Zwei Richtlinien stehen auf dem Prüfstand, Naturschützer fürchten eine Aufweichung wegen wirtschaftlicher Interessen

Wien – Zwei zentrale EU-Richtlinien zum Naturschutz werden bis zum 24. Juli einem "Fitness-Check" unterzogen. Die EU-Kommission will dadurch überprüfen, wie zweckmäßig, effizient und modern die Vogelschutz- und Fauna-Flora-Habitat-Richtlinien sind. Umweltschutz-NGOs befürchten nun europaweit, dass wirtschaftliche Interessen jene des Umweltschutzes überschatten könnten. Bei einer Pressekonferenz in Wien warnten am Dienstag WWF, Umweltdachverband, Österreichischer Alpenverein, Birdlife und Naturschutzbund Österreich davor, dass hart erkämpfte Erfolge wieder rückgängig gemacht werden könnten.

Die Kommission unter Präsident Jean-Claude Juncker sei im November mit dem Programm "Wachstum und Jobs" angetreten, sagte Beate Striebel, stellvertretende WWF-Geschäftsführerin. "Naturschutz könnte ein Hindernis für diese Punkte sein. Die Überprüfung darf aber nicht als Vorwand dafür dienen, die Gesetze, die alle 28 EU-Staaten zum Schutz bedrohter Tier- und Pflanzenarten verpflichten, aufzuweichen", sagte Striebel. Sie befürchtet, dass es zum Beispiel einfacher werden könnte, Wasserkraftwerke zu bauen oder Skipisten in Schutzgebieten zu erschließen. Wirtschaftswachstum sei zwar wichtig, aber dafür dürfe die Natur nicht verkauft werden.

Die zwei Richtlinien ermöglichten die Errichtung von Natura-2000-Gebieten. Diese sind ein Netz an Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union. Dadurch soll die Artenvielfalt länderübergreifend gesichert werden. Das Natura-2000-Netzwerk erstreckt sich auf fast 20 Prozent der EU-Fläche. In Österreich gibt es laut WWF bis dato 239 Natura-2000-Gebiete, die 15 Prozent der Staatsfläche einnehmen. Die Umweltschutzorganisationen warnen davor, dass sich der Zustand der Lebensräume in vielen Gebieten verschlechtern könnte.

"Silberstreif am Horizont"

Christof Kuhn von Birdlife betonte die Wichtigkeit des Schutzprogramms: "Zugvögel kennen keine Staatsgrenzen." Obwohl die Umsetzung der Vogelschutz-Richtlinie in Österreich noch mangelhaft sei, gebe es bereits Erfolge. So habe sich laut Kuhn die Population der Brutvögel deutlich besser entwickelt. Dazu zählen etwa der Seeadler und der Kaiseradler, sagt der Vogelexperte: "Sie hätten ohne europäische Richtlinie nicht gerettet werden können." Zwar gehe es dem heimischen Bestand noch nicht gut, aber es sei "ein Silberstreif am Horizont zu erkennen".

Die Umweltschutzorganisationen befürchten nun, dass durch eine Aufweichung der Richtlinien schon beinahe ausgestorben Arten wie der Seeadler, aber auch der Biber und Wolf neuerlich gefährdet werden könnten. "Ihr Lebensraum könnte wirtschaftlichen Interessen weichen müssen", sagt Striebel.

EU-weite Online-Befragung

In den kommenden Wochen gibt es für EU-Bürger online die Möglichkeit, an einer Konsultation teilzunehmen. Die Naturschutzorganisationen kritisierten am Dienstag jedoch, dass die Fragen sehr technisch formuliert seien. Der WWF bietet aus diesem Grund auf seiner Homepage Hilfe für die Beantwortung an. (Julia Schilly, 13.5.2015)

  • Der Seeadler ist Österreichs Wappenvogel und wurde trotzdem fast ausgerottet. Seit 2001 wird er wieder beim Brüten gesichtet.
    foto: apa/dpa/patrick pleul

    Der Seeadler ist Österreichs Wappenvogel und wurde trotzdem fast ausgerottet. Seit 2001 wird er wieder beim Brüten gesichtet.

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