Stärke stark bei Industrieanwendungen

13. Mai 2015, 09:00
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Die Anwendungsmöglichkeiten beschränken sich längst nicht mehr auf die Lebensmittelindustrie. Als Baustein soll Stärke Kunststoffen eine Imagepolitur verpassen

Wien - Industriell hergestellte Stärke steckt mittlerweile in mehr Produkten, als man glauben möchte. Sie wird in der Papierindustrie verwendet. Steckt in Verpackungen und im Kopierpapier. Findet Verwendung als essbares Geschirr oder als Ölbindemittel. Die Pharma- und Chemieindustrie benötigen Stärke als Füllstoff bei der Tablettenherstellung. Stärke ist in Lacken zu finden, in Fasern, Stoffen und in Kunststoffverbundstoffen, sie steckt in Wellpappe und in Kosmetikartikeln wie Gesichtspuder.

Bei der Lebensmittelindustrie ist Stärke mittlerweile in praktisch jedem verarbeiteten Produkt - von Gummibärli über Pürees bis hin zu Puddings zu finden. Auch für die Herstellung von Zitronensäure ist Stärke essenziell.

Stärke, hierzulande vor allem aus Erdäpfeln, Mais und Weizen, gehört aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten in der chemisch-technischen Industrie zu den wichtigsten nachwachsenden Grundstoffen.

In der EU werden jährlich rund 22 Millionen Tonnen Kartoffeln, Mais und Weizen zu Stärke verarbeitet. Weltweit spielen auch Tapioka und Reisstärke eine wichtige Rolle. Laut einer kürzlich vom Ökosozialen Forum herausgegebenen Studie über Maisanbau wurden 2012/13 in Österreich 1,1 Millionen Tonnen Körnermais in der Industrie verwendet, etwa gleich viel wie für die Tierfütterung. Zum Vergleich: Die weltweit wichtigste Stärkebasis, Mais, steht für 44 Prozent der globalen Stärkeproduktion von rund 75 Millionen Tonnen.

Viel Forschung und Entwicklung

Die große industrielle Anwendungspalette geht mit viel Forschung und Entwicklung einher. Vor allem die Substitutseigenschaft hinsichtlich vieler eingeführter chemischer Produkte wird immer mehr nach gefragt. Besonders für die Nahrungsmittelverpackungsindustrie wird es zunehmend wichtig, mit Stärke zu arbeiten, etwa bei den Farben, mit denen Klebeetiketten auf Nahrungsmittelverpackungen beschrieben sind. Damit erspart sich der Lebensmittelhersteller dann nämlich weitere Deklarationen bezüglich der verwendeten Chemie. "Die Branche redet nicht über ihre Entwicklungen", erläutert der Chef des Stärkekonzerns Agrana, Johann Marihart dazu. Der Konzern arbeitet jedoch Kunststoff- und Farbherstellern sowie deren Laboren ebenso zu wie den Herstellern von Verpackungen.

Ein weiterer Anwendungszweig, dem eine große Zukunft zugestanden wird, sind stärkebasierte Kunststoffe oder sogenannte Stärkederivate, bei dem petrolbasierter und stärkebasierter Kunststoff gemischt werden, mit dem Ziel, ähnliche Eigenschaften wie beim ursprünglichen, petrochemisch erzeugten Produkt zu erreichen. Da wird etwa bei Verpackungen eine schnellere Verrottbarkeit angestrebt.

Bei vielen dieser Anwendungen ist es ein gutes Verkaufsargument, wenn mit Stärke gearbeitet wird, die aus nicht gentechnisch veränderten Grundstoffen besteht, sagt Marihart. Dies sei zwar nur eine Nische, aber eine wachsende. Gentechnikfreie Maisstärke oder Biostärken für ganz spezielle, oft Nischenanwendungen würden selbst in den USA nachgefragt - "weil es so etwas dort nicht mehr gibt." Auch in den USA gibt es für Biokindernahrung, die aus nicht gentechnisch veränderten Grundstoffen hergestellt ist, gute Verkaufsargumente. Doch sind in den USA solche "Spezialstärken" aufgrund des fast flächendeckenden Einsatzes gentechnisch veränderten Saatgutes kaum mehr herstellbar, weshalb auf europäische, insbesondere österreichische Ware zurückgegriffen wird.

Doch ist der Stärkemarkt zwischen USA und EU nicht friktionsfrei, und auch das in Europa wenig geliebte Freihandelsabkommen TTIP ist stark im Spiel.

Starke Überseekonkurrenz

Der US-Markt für Stärke ist wesentlich mächtiger - und dies trotz einer geringeren Bevölkerungsanzahl. 27 Millionen Tonnen Stärke werden in den USA im Jahr hergestellt - in gerade einmal 27 Fabriken. Dagegen in der EU: Da sind es laut der Interessenvereinigung Starch Europe zehn Millionen Tonnen, die in 78 Werken mit 15.600 Mitarbeitern produziert werden. Indirekt hängen an der Branche geschätzte 100.000 Arbeitsplätze. Logisch, dass Stärkefabrikant Marihart von einer Konsolidierung in Europa ausgeht, sollte TTIP ungeschützt kommen, und eine Spezialitätenstrategie fährt.

Derzeit wird darum gefeilscht, ob Stärke im Rahmen von TTIP als sensibles Produkt behandelt werden soll. Die Europäer sind dafür, die Amerikaner dagegen; ein typischer Interessenkonflikt.

Die Gründe, die für die US-Stärke sprechen, hängen mit Isoglukose zusammen, einem Stärkesirup, der aus Maisstärke hergestellt wird. In Europa spielt sie kaum eine Rolle, nicht so in den USA, wo sie als Ersatz für Zucker dient. Acht Millionen Tonnen Isoglukose werden in den USA hergestellt. Die US-Stärkefabriken erzeugen neben Isoglucose auch Bioethanol, der zu zehn Prozent konventionellem Sprit beigemischt wird. Zu dieser breiten Produktstrategie kommt, dass der Maispreis um rund 20 Prozent niedriger ist als in der EU.

Isoglukose ist in der EU quotiert. Im Rahmen der Zuckermarktordnung ist sie auf fünf Prozent des Zuckerverbrauchs beschränkt. Wenn diese Regelung 2017 endet, wird mit einem Zuwachs für Isoglukose gerechnet, da der Sirup von der Lebensmittelindustrie nachgefragt werden könnte: Eis, Bäckereien, Getränke können so gesüßt werden. Größter EU-Produzent ist die ungarische Hungrana, eine 50-Prozent-Beteiligung der Agrana. Wenn die Quote fällt, könnte die Produktion auf bis zu drei Mio. Tonnen steigen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 13.5.2015)

  • Mais ist der weltweit am häufigsten verwendete Stärkelieferant. Gentechnisch veränderte Sorten sind dabei stark im Vormarsch.
    foto: ap / charlie neibergall

    Mais ist der weltweit am häufigsten verwendete Stärkelieferant. Gentechnisch veränderte Sorten sind dabei stark im Vormarsch.

  • grafik: evelyn klaiber


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