Kunst ist die neue Weltwährung

Kommentar12. Mai 2015, 16:37
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Museen, deren Sammlungen bisher Qualität und künstlerischen Wert der Werke widerspiegelten, können bei den explodierenden Auktionspreisen nicht mitsteigern

Hammer. Um insgesamt mehr als 280 Millionen Euro wurden nun quasi auf einen Schlag zwei Werke der klassischen Moderne in New York versteigert. Pablo Picassos "Die Frauen von Algier" (160,27 Mio Euro) löste Francis Bacons "Drei Studien von Lucien Freud" als teuerstes Gemälde ab, Alberto Giacomettis Skulptur "Der zeigende Mann" (126,24 Millionen Euro) ist seit Montag nacht die teuerste Skulptur. Bis auf Weiteres. Kunst ist zur krisensicheren Weltwährung für diskrete Multimillionäre geworden. Während Menschen verhungern, Flüchtlinge ertrinken, Zinsen fallen, Immobilienblasen platzen, die große Mehrzahl der Kunstschaffenden die Gürtel immer enger schnallt, steigen die Preise für die Werke einiger weniger Stars in absurde Höhen. Mit Kunst, mit Kenntnis, gar Wertschätzung der Werke hat dies nur in den allerwenigsten Fällen zu tun. Doch weil der Mensch mitunter zu intellektuellen Abkürzungen neigt, setzt er Erfolg gern mit Qualität gleich.

Lust am Neuen? Interesse? Entdeckerfreude? War einmal. Jetzt ist Prestige. Wer genug Geld hat, shoppt nicht mehr – oder nicht nur – Luxusyachten und Privatinseln, sondern die Ware Kunst.

Experten von Artnet Anlytics haben im Auftrag der FAZ einen Preisindex für Kunstwerke entwickelt – und manchen Künstlern, darunter Andy Warhol oder Francis Bacon, Preissteigerungen von bis zu 500 Prozent innerhalb der letzten zehn Jahre attestiert. Auch ein paar Zeitgenossen wie Gerhard Richter und Jeff Koons befinden sich auf der schnurgeraden Straße in den Preisolymp. Kunst definiert sich längst nicht mehr über gesellschaftlichen, sondern ausschließlich über den Marktwert. Und der schraubt sich ins geradezu Obszöne.

Die ersteigerten Werke verschwinden nach den Auktionen häufig in der Versenkung. Offiziell werden Identität und Bonität der Bieter zwar überprüft. Dennoch hält sich hartnäckig der Verdacht, bei internationalen Auktionen werde schwarzes Geld weißgewaschen. Das Prozedere klingt vielleicht ein bisschen verschwörungstheoretisch, aber nicht unplausibel: Käufer und Verkäufer machen gemeinsame Sache, der Verkäufer steckt dem Käufer vor der Auktion Schwarzgeld zu, das später als Auktionserlös deklariert werden kann.

Das große Geld regiert die Kunstwelt. Museen, deren Sammlungen bisher mehr oder minder verlässlich Qualität und künstlerischen Wert der Werke widerspiegelten, können bei diesen explodierenden Auktionspreisen nicht mitsteigern. Ihre Sammlungen bekommen Lücken. Darin liegt allerdings auch eine große Chance – für Zeitgenössisches abseits des überteuerten Mainstreams. Die Galerien wären voll davon: Wahre statt Ware Kunst. (Andrea Schurian, 12.5.2014)

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