Die positiven Seiten der Zentralmatura

Userkommentar12. Mai 2015, 15:17
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Die neue Reifeprüfung aus der Sicht eines kompetenzorientierten Zentralmaturanten

Wie 20.000 andere Schüler und Schülerinnen bin auch ich dieser Tage dabei, meine Matura abzulegen. Täglich kann ich in Kommentaren, Leserbriefen, aber auch Artikeln lesen, wie schrecklich doch dieses neue System sei. Und ich finde, es ist Zeit, auch die positiven Seiten zu erwähnen; auch wenn ich weiß, dass viele meiner Schulkollegen und -kolleginnen und auch einige Lehrer und Lehrerinnen meine Meinung nicht teilen werden.

Natürlich gab es Probleme ...

Vorweg: Natürlich gab es Probleme. Überlastete Server, fehlende Aufgabenhefte, die Liste ist (leider) lang. Im Nachhinein betrachtet kann man sagen, dass bei der Planung definitiv noch Verbesserungspotenzial besteht. Aber dass bei jeder dieser Pannen gleich auf das komplette System geschimpft, die Zentralmatura verdammt und das Bifie verflucht wird, halte ich für überzogen.

... doch die Grundidee ist sinnvoll

Denn der Hintergedanke ist gut: Gleiche Matura und Chancen für alle, Konzentration auf Verständnis ("Kompetenz") statt auf stupides Auswendiglernen. Dass es trotzdem nicht für alle gleich sein würde, war von Anfang an klar. Komplett gleich wird es nie sein, dafür spielen einfach zu viele Faktoren mit, die die Matura nicht berücksichtigen kann. Etwa das Elternhaus. Doch ist die Matura nun zentral und "kompetenzorientiert" oder nicht? Jein.

Den Weg, den man in Mathematik eingeschlagen hat, halte ich großteils für richtig. Man setzt hier auf Verständnis. Allerdings gibt es immer noch große Unterschiede: Die einen verwenden Laptops oder CAS-fähige Taschenrechner, die anderen rechnen noch immer mit dem einzeiligen Taschenrechner. Solange dies nicht vereinheitlicht wird, ist von "gleichen Chancen" kaum die Rede.

Bei Deutsch hat sich außer der Bewertung nicht viel geändert, und auch diesen Unterschied bemerken wohl hauptsächlich die betroffenen Lehrer und Lehrerinnen. Ansonsten ist außer den Themen nicht viel zentral. Die Beschwerden hinsichtlich der Textsorten verstehe ich nur teilweise, denn eigentlich halte ich die Auswahl für gut.

Das Gleiche gilt bei den lebenden Fremdsprachen, auch da finde ich, dass die verlangten Textformate durchaus brauchbar sind. Was hier gelegentlich nervt, ist die Qualität der Audiofiles wenn es um das Hörverstehen geht. Die Macher scheinen davon auszugehen, dass sich der Durchschnittsmensch am liebsten zur Rushhour in einer überfüllten U-Bahn-Station mit einem hyperaktiven Briten unterhält. Aber okay, es gibt auch viele brauchbare Übungen.

Ausrede Zentralmatura

Kaum jemand hat die alte und die neue Matura gemacht. Ich kann also nur aus der Sicht eines kompetenzorientierten Zentralmaturanten schreiben. Ich weiß, dass ich damit bei Weitem nicht für alle spreche, aber ich habe das Gefühl, dass man so wesentlich besser auf das Studium vorbereitet wird als früher. Und ich habe weder den Eindruck, dass bei uns in der Klasse sämtlicher Spaß verlorengegangen wäre, noch dass seit der Zentralmatura niemand mehr Zeit für Hobbys hat.

Was ich allerdings bemerkt habe, ist, dass viele die Zentralmatura als Ausrede verwenden. Einige Schüler und Schülerinnen (nicht alle!), die sich beschweren, hätten bei der alten Matura kaum bessere Chancen gehabt. Andere waren einfach zu stur, um zu akzeptieren, dass sie sich auf das neue System einstellen mussten. Und wenn man fest davon überzeugt ist, dass es komplett sinnlos ist, dann stört das erheblich beim Lernen. Wenn man sich darauf einstellt, dann ist es gleich viel einfacher.

Der richtige Weg

Das neue System ist besser. Von Auswendiglernen auf Verständnis umzusatteln ist der richtige Weg. Die Umsetzung war leider teilweise miserabel. Doch auch das wird sich hoffentlich in den kommenden Jahren bessern. Ich danke jedenfalls allen Lehrern und Lehrerinnen, die sich tatkräftig dafür eingesetzt haben, die Umstellung für uns Schüler und Schülerinnen so einfach wie möglich zu machen. (Auch nach Dienstagmittag.)

Nun bleibt mir nur noch eines zu sagen: Bitte, liebe Mitschüler und Mitschülerinnen, lyncht mich nicht. Ich weiß, ihr seht das teilweise anders; auch einige Lehrer und Lehrerinnen halten meine Ansicht wahrscheinlich für vollkommen falsch. Aber nachdem ich so oft gelesen habe, wie schrecklich die Zentralmatura sei, hielt ich es für an der Zeit, sie auch mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten. (Sebastian Hopfmüller, 12.5.2015)

  • Von Auswendiglernen auf Verständnis umzusatteln ist der richtige Weg.
    foto: apa/hans klaus techt

    Von Auswendiglernen auf Verständnis umzusatteln ist der richtige Weg.

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