Schleppereiprozess: Vier Hochzeiten und eine Anklage

13. Mai 2015, 05:30
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Eine 29-Jährige ist angeklagt, mindestens vier Scheinehen organisiert und damit 12.000 Euro verdient zu haben. Allerdings gibt es einige Seltsamkeiten

Wien – Wie sehen eigentlich Mitglieder der "Schleppermafia" aus, von denen derzeit ständig die Rede ist? Zumindest Margit P., die wegen dieses Deliktes vor Richter Ulrich Nachtlberger sitzt, scheint keine illegale Großverdienerin zu sein. Ganz und gar nicht, wenn die Angaben der 29-Jährigen stimmen.

Die verwitwete Mutter zweier Kinder wurde von Deutschland nach Österreich überstellt, wo sie zuletzt als Prostituierte gearbeitet hat. In das Nachbarland sei sie gegangen, nachdem sie in Wien die Miete nicht mehr zahlen konnte, sagt die unbescholtene Rumänin. Ihre Kinder seien in der Heimat bei Verwandten, da sie kein Geld für den Unterhalt habe.

Gleichzeitig soll sie laut Staatsanwaltschaft 2014 innerhalb eines halben Jahres mindestens 12.000 Euro durch die Vermittlung von vier Scheinehen zwischen osteuropäischen EU-Bürgerinnen und Pakistanern und Indern verdient haben.

Immer wieder Trauzeugin

Ein Vorwurf, den sie kategorisch bestreitet: "Ich habe damit nichts zu tun, ich war nur Trauzeugin", begründet sie, warum sie sich nicht schuldig bekennt. "Und warum gleich vier Mal?", fragt Nachtlberger. Drei der Frauen seien aus ihrem Heimatort in Rumänien gekommen, die vierte eine Bekannte gewesen.

Alle Ehen wurden in einer niederösterreichischen Stadt geschlossen. "Wieso immer dort?", interessiert den Richter. Die Dolmetscher haben eine Theorie: "Weil man in Wien so lange warten muss." Die Angeklagte selbst sagt, sie habe keine Ahnung, warum immer dieser Trauungsort gewählt worden sei, sie sei nur mitgefahren.

Warum sie von mehreren der Betroffenen belastet wird, führt sie auf einen Racheakt zurück. Sie vermutet, dass der Täter in Wahrheit ein Pakistani sei, dem sie Geld schuldet. Eine weitere Zeugin sei von diesem unter Druck gesetzt worden, da er von einem von ihr begangenen Diebstahl wusste.

Standesbeamter spricht von Bestechung

Allerdings ist auch der Standesbeamte ein Belastungszeuge: Der sagt sogar, er kenne die Frau von mindestens acht bis zehn Eheschließungen, sie habe auch immer die Gespräche darüber geführt. Und: Einmal habe sie ihm Geld geboten, damit er trotz eines fehlenden Dokumentes seines Amtes walte.

Seltsam daran ist allerdings, dass der Beamte den Bestechungsversuch weder in einem Amtsvermerk festgehalten, geschweige denn angezeigt hat. Erst Wochen später erwähnte er ihn bei der Polizei.

Ein weiterer Punkt stimmt Nachtlberger misstrauisch: Dass sich stets Männer vom indischen Subkontinent in Osteuropäerinnen verliebt haben sollen. "Lustig, dass die interkulturelle Begegnung so gut funktioniert", sagt er daher. "Wie reden die eigentlich miteinander? Wo lernt man sich da so kennen?"

Die Sprachbarrieren würden die Paare mittels Internet-Übersetzungsprogrammen via Smartphones überwinden, sagt die Angeklagte. Wo Amors Pfeile die Beteiligten durchlöchert haben, wisse sie nicht.

Der Auftritt des ersten Belastungszeugen sorgt dann für eine Überraschung: Er widerruft seine Aussage vor der Polizei in Schwechat. "Ich wurde unter Druck gesetzt. Die Polizisten haben gesagt, ich muss sagen, dass ich der Frau Geld gegeben habe, sonst komme ich ins Gefängnis."

Vorwürfe gegen Polizisten

Selbst die Dolmetscherin habe ihm gedroht, aus dem Zimmer zu gehen, und dann würde er von den Beamten verprügelt. Anschuldigungen, die ihm eine Anklage wegen Verleumdung einbringen könnten. Gleichzeitig könnte ihm die Bestätigung, eine Scheinehe eingegangen zu sein, allerdings den Aufenthaltstitel kosten.

Auch seine Gattin will nichts von Scheinehen wissen, man habe sich zufällig im Prater kennengelernt und auch vor der Trauung schon zusammengelebt. Nach der Vernehmung durch die Polizei, die laut ihr mehrere Stunden gedauert haben soll, habe ihr der Gatte erzählt, er sei dort angeschrien und bedroht worden.

Nachtlberger vertagt auf Ende Mai, da mehrere Zeugen nicht erschienen sind, außerdem will er auch den Polizisten und die Dolmetscherin hören. (Michael Möseneder, 12.5.2015)

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