Was Bildungsstandards mit Demokratie zu tun haben

Userkommentar18. Mai 2015, 09:19
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Inhalte werden zunehmend unwichtiger – das sagt natürlich niemand explizit. Doch in Beurteilungskriterien von Aufgabenstellungen in der Schule werden sie sukzessive von Formalkriterien verdrängt

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ging es fortschrittlichen Pädagogen um die Enttabuisierung vieler gesellschaftlicher Bereiche, und das sollte natürlich über die kritische Reflexion von Inhalten geschehen. Es ging um Aufklärung im besten Sinne. Machtmechanismen, Unrecht, falsche Autorität, euphemistische Verschleierung – darüber sollte auch in der Schule geredet und dadurch ein kritisches Bewusstsein gefördert werden.

Bewusst machen, was im Verborgenen die Autonomie des Einzelnen und die demokratische Ausrichtung politischer Systeme unterlief und unterläuft: Das, so denken sicher viele, ist auch heute noch ein wichtiges Erziehungsziel. Doch schauen wir uns an, was daraus zu werden droht.

Bildungsziel: Lukrative Verwertbarkeit

Der Turbokapitalismus, der sich seit den 70er-Jahren unter dem euphemistischen Fähnchen der Liberalisierung und Befreiung (wovon?) voll entfalten konnte, installierte eine Denkweise, die die lukrative Verwertbarkeit von allem und letztlich auch allen zum Ziel hat. Alle gesellschaftlichen Bereiche sind davon bis ins Mark durchdrungen – das reicht von so banal scheinenden Slogans wie "Mach das Beste aus deinem Typ" und "Geiz ist geil" bis eben auch "Was erwartet sich die Wirtschaft von unseren Schülern?".

Diktat der Vergleichbarkeit statt echter Freiheit

Den Verantwortlichen im Bildungswesen fällt scheinbar gar nicht auf, was da im Zuge dieser sogenannten Bildungsreform(en) tatsächlich Einzug hält. Unter dem Diktat der Vergleichbarkeit – die in ihrer Sinnhaftigkeit per se völlig unhinterfragt bleibt – halten technokratische Denkweisen Einzug in einen Bereich, der unter ihnen zur Belanglosigkeit zerbröselt. Bildung, Persönlichkeitsentwicklung, die Entwicklung von Kritikfähigkeit und Individualität brauchen echte Freiheit. Von der verfassungsrechtlich garantierten Lehrfreiheit ist interessanterweise überhaupt nicht mehr die Rede.

Dafür gibt es einen Wust an Sprachregelungen, hinter denen sich oft nicht viel Neues verbirgt, die jedoch einen enormen Aufwand an administrativer Emsigkeit nach sich ziehen, sodass der Blick auf das Wesentliche schwerfällt. Die Konzentration auf Formalismen wie Operatoren, spezielle Termini et cetera verstellt eben den Blick auf den Prozess, der hier abläuft.

Inhalte werden verknappt, an den Rand gedrängt, weil sie sich sperren gegen Standardisierung, die heilige Kuh der Vergleichbarkeit – sie sind ja naturgemäß individuell und nicht vorschreibbar. Die Lösung von Maturaaufgaben zum Beispiel wird bis ins Vokabular der gewünschten Antwort textsortenorientiert vorgegeben. Wir legen heute unseren Schülern mehr in den Mund, was sie bei Bedarf brav ausspucken sollen, als jemals zuvor seit 1945.

Verflachung als Erziehungsziel

Wir untergraben kreative Intelligenz, wenn wir unsere Kinder auf die brave Erfüllung von Standardaufgaben drillen. Es wird zwar so getan, als seien diese Standards etwas, was man als Niveau jetzt endlich einmal zu erreichen habe. Wir Lehrer aber wissen genau, dass sie eine unheimliche Verflachung dessen sind, was bisher das angestrebte Erziehungsziel war. Ich rede hier ganz bewusst nicht von Leistungsniveau, um einmal wieder klarzumachen, dass wir Lehrer eigentlich ein Erziehungsziel vor Augen haben sollten, zu dem wir mit unserem Fach einen Beitrag leisten. Nämlich den frei denkenden, kritischen, autonomen Menschen.

Die Misere im Bildungswesen

Natürlich kann jede Schule ihren Schülern auf dem Weg zu diesem Ziel nur so gut helfen, wie es ihre äußeren Bedingungen zulassen. Sparmaßnahmen im Bildungswesen – und viele der Neuerungen und Reformen der vergangenen 25 Jahre sind im Kern nichts anderes als Sparmaßnahmen – erschweren natürlich diese Arbeit. Gesellschaftliche Veränderungen wie Sozialabbau und Immigration – zwei Phänomene, die seit den 70er-Jahren vermehrt wirksam sind – erschweren diese Arbeit zusätzlich und wären nur durch erhöhte finanzielle Aufwände auszugleichen gewesen.

Das Bildungswesen krankt an denselben Ursachen wie globale Miseren. Das Geld ist nicht dort konzentriert, wo es der Mehrheit förderlich wäre.

Einfache Lösungen?

Wenn aber die tatsächlichen Ursachen nicht erkannt werden, sondern durch oft selbsternannte Spezialisten am Bildungssystem herumgedoktert wird, dann kommt es zu zweifelhaften Diagnosen und dem Ruf nach einfachen Lösungen, eben den Bildungsstandards, die schlussendlich wenig bringen und viel kosten.

Es steht zu befürchten, dass die Schule der Zukunft besondere Leistungen nicht erkennen und honorieren wird. Es könnte die Glanzzeit der Mittelmäßigen werden. Sie haben nichts zu befürchten, denn in den Kompetenzrastern werden auch rein formale Fertigkeiten und inhaltlich sehr einfache Leistungen, etwa das Zusammenfassen, mit Punkten belohnt, die bislang als minimales Basiswissen vorausgesetzt wurden. Eine Gesellschaft braucht aber die Guten, die Motivierten!

Brav erledigen statt kritisch hinterfragen

Das Schlimmste aber ist, dass wir unseren Kindern lernen, gestellte Aufgaben ohne kritisches Fragen brav zu erledigen und darüber hinaus keine unnötigen Anstrengungen zu unternehmen. Bisher hatten wir zunehmend das Problem, dass die Sogwirkung der modernen mediengesteuerten Konsumgesellschaft die Energie unserer Kinder absorbierte, sodass es oft ein harter Kampf war, sie für intellektuelle, gesellschaftskritische, künstlerische oder persönliche Inhalte zu interessieren. Jetzt ist dieser Kampf nicht mehr vonnöten, vielleicht sogar unerwünscht.

Lehrer, die sich diesen neuen Zielen im Unterricht unterordnen, erziehen die braven Konsumenten und pragmatischen Befehlsempfänger von morgen. Demokratie, gute Nacht! (Margit Neuböck, 18.5.2015)

  • "Sapere aude!" heißt das Werk des Künstlers Avelino Sala, das derzeit in der Joan Miro Foundation in Barcelona zu sehen ist. Das lateinische Sprichwort bedeutet "Wage es, weise zu sein!" oder, nach Aufklärer Immanuel Kant: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."
    foto: epa/marta perez

    "Sapere aude!" heißt das Werk des Künstlers Avelino Sala, das derzeit in der Joan Miro Foundation in Barcelona zu sehen ist. Das lateinische Sprichwort bedeutet "Wage es, weise zu sein!" oder, nach Aufklärer Immanuel Kant: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

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