Nepal: Mindestens 70 Tote und 1.200 Verletzte nach Erdbeben

13. Mai 2015, 07:00
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Bewohner Kathmandus flüchten aus Häusern - US-Hubschrauber vermisst

Kathmandu – Mehr als zwei Wochen nach dem verheerenden Beben in Nepal hat ein weiterer schwerer Erdstoß den Himalaya-Staat erschüttert. Rettungskräften zufolge wurden wieder Menschen getötet und verletzt. Nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS hatte das Beben am Dienstag eine Stärke von 7,3. Sein Zentrum lag demnach etwa 76 Kilometer östlich der Hauptstadt Kathmandu in 15 Kilometern Tiefe.

Die Zahl der Toten bei dem starken Himalaya-Nachbeben ist auf mindestens 83 gestiegen. Weitere Tote werden befürchtet, da an den Berghängen zahlreiche große Erdrutsche abgingen und Siedlungen verschütteten. Allein in Nepal seien mehr als 1.900 Menschen verletzt worden, sagte Polizeisprecher Kamal Singh Bam am Mittwoch in Kathmandu.

Polizeikommissar S.P. Magar sagte, am Neuen Markt in Nepals Hauptstadt Kathmandu sei ein fünfstöckiges Haus in sich zusammengestürzt. "Wir fürchten, dass es Tote gibt, denn vor dem Gebäude stand ein Taxi. Wir versuchen, es zu finden. Bisher hatten wir kein Glück."

Hubschrauber vermisst

Nach dem Erdbeben hat das US-Militär einen in Nepal eingesetzten Hubschrauber mit einer achtköpfigen Besatzung als vermisst gemeldet. Der Helikopter der Marineinfanteristen vom Typ UH-1Y Huey habe am Dienstag nahe dem Ort Charikot einen Rettungseinsatz geflogen. An Bord seien sechs US-Soldaten und zwei nepalesische Soldaten gewesen.

Der Hubschrauber habe gerade Hilfsgüter abgeworfen, als auf dem Weg zu einem anderen Einsatzort der Kontakt abbrach, teilte das Pentagon in Washington mit. Die Piloten hätten über Funk noch von Treibstoffproblemen gesprochen, sagte der Pentagon-Sprecher Steven Warren. Das US-Militär schickte ein Suchflugzeug los, das seinen Einsatz mit Beginn der Dunkelheit aber unterbrechen musste. Einheiten der nepalesischen Armee setzten die Suche den Angaben zufolge am Boden fort. Da aus der Luft keine Absturzstelle oder Rauch zu sehen gewesen sei, hoffte das US-Militär, dass dem Helikopter eine sichere Notlandung gelungen ist.

Die IOM hatte nach dem verheerenden Erdbeben vor zwei Wochen Einsatzkräfte in die Region entsandt. Behörden zufolge gab es in der Provinz rund um Chautara drei große Erdrutsche. Die Region war schon bei dem letzten Beben am stärksten betroffen. Die Online-Plattform "ekantipur" berichtete, die Schulen in den betroffenen Gebieten in Nepal würden nun nicht wie geplant am 14. Mai, sondern erst am 30. Mai öffnen.

Stärke lag bei 7,3

Die USGS gab die Stärke des Bebens zunächst mit 7,4 an, korrigierte den Wert später aber nach unten. In Kathmandu dauerten die Erdstöße fast eine Minute lang, viele Menschen rannten in Panik auf die Straßen. Überall heulten die Sirenen, der Flughafen von Kathmandu wurde geschlossen. Nur wenige Minuten nach dem ersten Erdstoß gab es nach Angaben der USGS noch ein Nachbeben der Stärke 5,6.

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Die Webcam im nepalesischen Parlament übertrug die Auswirkungen des Erdbebens

Das Epizentrum lag am Dienstag in der Nähe des Mount Everest. Das Deutsche Geoforschungszentrum in Potsdam gab die Stärke mit 7,4 an. Innerhalb der ersten Stunde folgten dem Beben drei Nachbeben, deren Stärke bewegte sich zwischen 5,0 und 6,3.

Nach dem schweren Erdbeben Ende April hatten zahlreiche Österreicher Nepal verlassen. "Von denen, die noch dort sind beziehungsweise neu eingereist sind, gibt es keine Hinweise, dass jemand zu Schaden gekommen ist", sagte Außenministeriumssprecher Martin Weiss. Auch habe es bisher keine Anrufe von Angehörigen gegeben.

Hilfsorganisationen im Einsatz

Zahlreiche Hilfsorganisationen sind seit dem schweren Beben vor 17 Tagen in Nepal im Einsatz. Darunter auch ein Team des Samariterbundes Steiermark. Alle Mitglieder sind wohlauf, hieß es in einer Aussendung. Auch Care-Mitarbeiter leisteten seit dem schweren Erdbeben vom 25. April in mehreren Regionen des Landes Nothilfe. Alle Mitarbeiter – vielen von ihnen waren gerade unterwegs, um Hilfsgüter zu verteilen – sind unbeschadet, informierte die Organisation.

Wohlauf war am Dienstag auch Andrea Reisinger, Katastrophenhelferin des Österreichischen Roten Kreuzes. Sie ist seit drei Wochen in Kathmandu. "Wir sind alle im Freien", sagte sie. Die österreichische Caritas-Helferin Judith Stemerdink-Herret erlebte das schwere Erdbeben im Stadtzentrum von Kathmandu. "Wir haben alle gezittert, viele haben geweint. Es war wirklich heftig und beängstigend", schilderte sie. Gemeinsam mit Kollegen flüchtete Stemerdink-Herret auf die Straße.

Auch nach dem Beben befanden sich die Caritas-Mitarbeiter weiterhin im Freien. "Es hat schon mehrere Nachbeben gegeben." Riskant sei es auch, im Schatten Schutz zu suchen, weil solche Flächen im Normalfall nahe bei Mauern und Wänden seien. Man müsse überlegen, "gehe ich rein auf die Toilette oder Wasser holen und riskiere mein Leben?", sagte Stemerdink-Herret.

Am 25. April war Nepal von einem Beben der Stärke 7,8 erschüttert worden. Nach jüngsten Angaben kamen mehr als 8.000 Menschen ums Leben, etwa 16.000 weitere wurden verletzt. Schätzungen der Behörden zufolge wurden beinahe 300.000 Häuser vollständig zerstört und rund 250.000 weitere stark beschädigt. In vielen schwer zugänglichen Tälern wurde das Ausmaß der Schäden allerdings immer noch nicht vollständig erfasst.

Teil einer Kettenreaktion

Das erneute Beben ist Experten zufolge Teil einer Kettenreaktion in einem für die Reibung von Kontinentalplatten bekannten Erdteil. "Auf große Erdbeben folgen oft weitere Beben, die manchmal so heftig sind wie das erste", schrieb Carmen Solana von der Universität im britischen Portsmouth auf der Wissenschaftsseite "Science Media Center". "Denn die durch das erste Beben verursachte Bewegung führt zu einer zusätzlichen Belastung an anderen Bruchstellen (zwischen den Kontinentalplatten) und destabilisiert sie. Das ist eine Kettenreaktion."

An den Linien, an denen die Kontinentalplatten aufeinanderstoßen, kommt es zu ständigen Reibungen und Spannungen. Wird der Druck zu groß, verrutschen die Platten ruckartig, was die Beben auslöst. Der Druck ist dann aber häufig nicht vollständig abgebaut, und es kann neue Spannungen an anderer Stelle geben.

Beben wandern nach Südosten

"Seit dem ersten Erdbeben vom April sind die Nachbeben mehr und mehr nach Südosten gewandert", erklärte der Tektonik-Professor Nigel Harris von der britischen Open University auf "Science Media Centre". Vorstellen kann man sich das wie die einzeln nachgebenden Knöpfe eines Hemdes, das aufgerissen wird. Und David Rothery von der Open University warnt: "Es könnte in den kommenden Wochen weitere bedeutende Nachbeben noch weiter östlich geben. Aber normalerweise müssten diese schwächer werden." (APA/Reuters/red, 12.5.2015)

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    grafik: apa
  • Die Straßen von Bhaktapur in Nepal nach einem erneuten Erdbeben am Dienstag.
    foto: ap/tashi sherpa

    Die Straßen von Bhaktapur in Nepal nach einem erneuten Erdbeben am Dienstag.

  • Menschen auf der Straße nach dem erneuten Erdbeben am Dienstag in Kathmandu, Nepal.
    foto: ap /bikram rai

    Menschen auf der Straße nach dem erneuten Erdbeben am Dienstag in Kathmandu, Nepal.

  • Ein Polizist mit Megafon versucht die Menschen in Kathmandu an einen sicheren Ort zu lotsen.
    foto: ap /bikram rai

    Ein Polizist mit Megafon versucht die Menschen in Kathmandu an einen sicheren Ort zu lotsen.

  • Die Polizei sucht Überlebende nach dem Einsturz eines Hauses.
    foto: apa/epa/narendra shrestha

    Die Polizei sucht Überlebende nach dem Einsturz eines Hauses.

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