Utopie schlägt Realität: Möbel aus Flüchtlingsbooten

19. Mai 2015, 07:57
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Flüchtlinge aus Afrika bauen in Berlin Möbel, bei denen Holz von Booten aus Lampedusa zum Einsatz kommt. Entworfen hat die Stücke der große Designer Enzo Mari vor über 40 Jahren

Die Kreissäge kreischt durch das Kiefernholz. Immer und immer wieder. Das Kreischen geht durch Mark und Bein. Es ist so ohrenbetäubend, dass es für kurze Zeit das aus den Gehirnwindungen vertreibt, was Ali mit seiner furchtbaren Erzählung ein paar Minuten vorher dort eingepfropft hat.

Es ging um Krieg, um Tod, um Flucht, um Menschen, die im Mittelmeer ertranken. Jetzt hat die Kreissäge das Sagen. Ali, ein schmaler Mann in einer grünen Trainingsjacke, steht in einer Werkstatt mit hohen, kahlen weißen Wänden. Die Luft ist trocken. Durch das Fenster geht der Blick in den grauen Berliner Himmel. Es regnet. Ali nimmt die zurechtgesägten Bretter.

Dann nagelt er sie an zwei vierkantige Streben. Es folgt ein weiteres Brett, eine weitere Strebe, noch ein Brett, noch eine Strebe. Zwei längere Hölzer nagelt er an die Seitenbretter. Sie sollen die Lehne halten. Dann befestigt er ein größeres quadratisches Brett, die Sitzfläche. Mit seinen Fingern spürt Ali über das helle Holz. "Sieht schon gut aus", sagt er. "Darauf kann man sitzen."

Möbel zum Selberbauen

Darum soll es gehen: um das Sitzen; einen Platz zu haben, an dem man zur Ruhe kommen kann, an dem man ein Zuhause hat. Der einfache, aber formschöne und stabile Stuhl soll das Symbol dafür sein. Das raue Holz wirkt archaisch, der Stuhl: spartanisch. Er weist eine klare Linienführung und geometrische Maße auf. Dies verleiht ihm ein modernistisches Aussehen.

Als der große italienische Designer Enzo Mari in seinem Projekt "autoprogettazione" den Stuhl sowie 18 weitere Möbelstücke zum Selbstbauen erdachte, wollte er ein Zeichen setzen. Ein Zeichen gegen industriellen Massenkonsum, gegen die Wegwerfgesellschaft und für eine bessere Welt. Der flamboyante Grantler aus Mailand, der heute 82 Jahre alt ist, war der Ansicht, dass Menschen, die einen Stuhl bauen, dabei etwas lernen. Das Gelernte sollte zu einem Umdenken führen. Es ist eine kleine Utopie, die sich Mari 1974 ausgedacht hat. Design ist schließlich nicht nur das, was man sich in die Wohnung stellt, damit es Blicke und Staub fängt.

Maris Utopie hat über 40 Jahre nach ihrer Entstehung ein Zuhause gefunden, wo sie ihre Wirkungskraft neu entfalten kann: die Werkstatt von Cucula, der "Refugees Company for Crafts and Design". Die Werkstatt befindet sich an der Grenze zwischen den Berliner Bezirken Kreuzberg und Treptow, direkt an der Spree. Auch an der Grenze zwischen Utopie und Realität befindet sich dieses ungewöhnliche Projekt. "Cucula" stammt aus der Hausa-Sprache, die in West-Zentralafrika gesprochen wird. Cucula bedeutet "etwas gemeinsam machen" und "auf sich aufpassen". Das Wort umreißt, um was es in dieser Werkstatt geht. Neben Ali gehören vier weitere Flüchtlinge zu dem Projekt. Sie stammen entweder aus Mali oder Niger. Sie alle haben auf der Suche nach Arbeit und Zukunft Schreckliches erlebt.

Leidensweg

Wenn das Leben doch manchmal so geradlinig und so leicht konstruierbar wäre wie ein Stuhl oder eine Bank. Für Ali, wie für die anderen, war es das wohl nie. Als Ali zwölf Jahre alt ist, lässt er seine Familie zurück und seine kriegsgeschüttelte Heimat. "Da gab es keine Arbeit", sagt er. Er schlägt sich als Tagelöhner durch. Zunächst geht er nach Algerien, dann nach Libyen, wo er Lkws für einen Saftproduzenten belädt und für die Arbeiter kocht. 2011 beginnt in Libyen die Revolution. Die Nato attackiert das Gaddafi-Regime.

Zusammen mit 300 Arbeitern wird Ali von Soldaten auf ein Boot gesetzt, das über das Mittelmeer nach Europa aufbricht. Die leidvollen Geschichten der afrikanischen Flüchtlinge, die auf maroden Booten über die See in ein neues Leben reisen wollen, sind bekannt. Tausende sind bereits im Mittelmeer ertrunken. Die Überlebenden landen auf der kleinen italienischen Insel Lampedusa, die längst zum Symbol für die Tragik der europäischen Flüchtlingspolitik geworden ist. Über Umwege kommt Ali 2013 in die deutsche Hauptstadt, wo er eigentlich gar nicht sein dürfte.

Laut des sogenannten Dublin-II-Abkommens müssen Flüchtlinge den Asylantrag dort stellen, wo sie die EU betreten haben. Im Falle von Ali wäre das eben Italien. "Aber in Italien gibt es keine Arbeit, keine Wohnungen für uns", sagt Ali. "Die haben eigene Probleme."

Kreuzberger Flüchtlingscamp

Wie die meisten Flüchtlinge wusste Ali nicht, dass es so etwas wie ein Asylrecht in der EU überhaupt gibt - und dass man nicht arbeiten darf, wenn man keine Aufenthaltserlaubnis hat. "In Afrika kann ich überall arbeiten", sagt Ali. "Ich dachte, die EU sei eine Gemeinschaft." Ohnehin gehören Ali, Malik, Maiga, Saidou und Moussa nicht zu den Flüchtlingen, für die das EU-Recht als gut ausgebildetes "Humankapital" eine Perspektive vorsieht. Nur einer von ihnen hat eine Schule besucht. Eine Berufsausbildung haben sie alle nicht.

Dann kam Cucula. Im Oktober 2013 lebten Ali und die anderen in dem Flüchtlingscamp auf dem Kreuzberger Oranienplatz. Barbara Meyer, Geschäftsführerin der Einrichtung "Schlesische27", bot ihnen eine Notunterkunft in den Räumen des Jugend- und Kulturhauses an. Dort trafen sie auf den Designer Sebastian Däschle. Ihm kamen die Mari-Möbel in den Sinn. "Die waren halt relativ leicht zu bauen", erzählt er beim Mittagessen in der Werkstatt. "Und anfangs ging es vor allem darum, eine Beschäftigung zu schaffen. Ali und die anderen sollten sich ihre eigenen Möbel bauen.

Das ist ja das Hauptproblem vieler Flüchtlinge: Sie haben nichts, und sie haben nichts zu tun." Aber warum sollen sich Flüchtlinge ihre eigenen Möbel bauen, wenn sie nicht wissen, ob sie morgen vielleicht abgeschoben werden? So entwickelte sich Schritt für Schritt die Idee, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das es den Flüchtlingen ermöglichen könnte, über eine selbstgeschaffene Arbeit die Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhöhen. Das Konzept: die Realität mit der Macht der Utopie zu schlagen.

Ausbildung finanzieren

Über Crowdfunding sammelte Cucula über 120.000 Euro, mit denen fünf Ausbildungsstipendien finanziert werden sollen. "Wir möchten mit dem Ausbildungsstipendium als Lebensdeckungskostengarantie gegenüber der Ausländerbehörde einen Aufenthaltsstatus erwirken", erklärt Corinna Sy, eine Designerin, die ebenfalls bei Cucula tätig ist. Für die Unterstützer des Projekts gibt es Mari-Stühle. In einer klassischen Version und in einer speziell konzipierten Version, bei der Holzstücke von Flüchtlingsbooten verbaut sind, die auf Lampedusa langsam verrotten.

Das Team von Cucula war vor Ort, hat die bunten Bruchstücke gesichert und sie nach Berlin schicken lassen. So sind es nicht einfach nur gute Möbelobjekte, die Cucula baut, sondern Stühle, die Geschichten erzählen. Die bunten Planken in den Stühlen haben viele Bedeutungen: Sie erinnern an das Leid der Flüchtlinge und der Ertrunkenen, aber sie symbolisieren auch eine gewisse Zuversicht und die Stärke des Andersseins.

350 Stühle müssen in den nächsten Wochen aus märkischer Kiefer gebaut werden. An den Werkbänken wird gesägt, geschliffen, genagelt. Von einem Foto beobachtet der Designer Mari das geschäftige Treiben. Sein Blick ist skeptisch. Aber mittlerweile hat das Projekt auch einige prominente Unterstützer gefunden.

Hoffnung

Leute wie der Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der Künstler Olafur Eliasson oder die Choreografin Sascha Waltz werfen sich als Botschafter für Cucula in die Bresche. Die Arbeit in der Werkstatt an der Spree lenkt ab von der quälenden Ungewissheit, die die fünf jeden Tag wie ein Schatten begleitet. Bleiberecht oder Abschiebung? Cucula ist keine Garantie dafür, dass die Ausländerbehörde den Flüchtlingen das Bleiberecht einräumt.

Die Anträge jedenfalls sind raus. Jetzt heißt es: abwarten und hoffen. Auch Arbeit macht Hoffnung. "Es geht ja nicht nur darum, irgendwelche Designstühle zu bauen", sagt Däschle, als er ein Brett hält, das von Malik vernagelt wird. "Wir organisieren Deutschkurse. Wir helfen mit vielen Ehrenamtlichen, damit sie verstehen, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Da geht es um ganz praktische Dinge. Auch das braucht man, damit man sich in Zukunft entscheiden kann, was man mit seinem Leben machen will, wie man sich seinen Platz in dieser Gesellschaft schaffen kann."

Ali montiert bereits den nächsten Stuhl. Natürlich würde er gern bleiben, sagt er auf Deutsch. Und etwas missmutig fügt er an: "Ja ja. Alle sagen, dass Cucula gut ist." Natürlich sei das alles eine gute Idee, sagt er schnell. Aber er wolle doch nur arbeiten. Sonst nichts. "Wie alle Menschen." Alis Blick wirkt verstörend, fragend, suchend, bohrend. Dann setzt er sich auf den Stuhl und wieder heult die Kreissäge auf. (Ingo Petz, Rondo, 19.5.2015)

  • Die Möbelbauer von Cucula heißen Saidou Moussa, Malik Agachi, Moussa Usuman,  Ali Maiga Nouhou, Maiga Chamseddine (von links). Das Wort Cucula bedeutet "etwas gemeinsam machen", aber auch "auf sich aufpassen".
    foto: verena brüning

    Die Möbelbauer von Cucula heißen Saidou Moussa, Malik Agachi, Moussa Usuman, Ali Maiga Nouhou, Maiga Chamseddine (von links). Das Wort Cucula bedeutet "etwas gemeinsam machen", aber auch "auf sich aufpassen".

  • Das Berliner Werkstatt-Büro  von Cucula samt selbstgezimmertem Logo über der Türe.
    foto: verena brüning

    Das Berliner Werkstatt-Büro von Cucula samt selbstgezimmertem Logo über der Türe.

  • Ganz links ist der Stuhl "Sedia Duo": Alle Möbel bestehen zum Teil aus Resten von Schiffsplanken. Gebaut wurden sie nach Plänen des italienischen Designers Enzo Mari, der die Entwürfe schon 1974 als Statement gegen die Wegwerfgesellschaft verstand.
    foto: fred moseley

    Ganz links ist der Stuhl "Sedia Duo": Alle Möbel bestehen zum Teil aus Resten von Schiffsplanken. Gebaut wurden sie nach Plänen des italienischen Designers Enzo Mari, der die Entwürfe schon 1974 als Statement gegen die Wegwerfgesellschaft verstand.

  • Ein Modell des "Sedia Uno".
    foto: fred moseley

    Ein Modell des "Sedia Uno".

  • Ein weiteres Modell des "Sedia Uno".
    foto: fred moseley

    Ein weiteres Modell des "Sedia Uno".

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