"Auseinandersetzung zwischen Gefühl und Verstand"

Interview12. Mai 2015, 14:52
20 Postings

Der Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Handelskammer ortet eine Kluft zwischen der politischen Positionierung und gesellschaftlichen Auffassungen

STANDARD: 1952 haben Demonstranten die Scheiben des Parlamentsgebäudes in Jerusalem eingeschlagen, weil drinnen debattiert wurde, ob Israel von Deutschland Entschädigungszahlungen annehmen sollte. Viele wollten kein Geld und keine Beziehungen. Hat Israel damals widerwillig die Beziehungen aufgenommen, gezwungenermaßen, weil der junge Staat militärisch und wirtschaftlich in Not war?

Alroi-Arloser: Es war sicher wider die eigene Überzeugung, wonach man mit Deutschland - allem Deutschen, sogar der deutschen Sprache - nichts zu tun haben wollte. Auf der anderen Seite gab es die klare realpolitische Einsicht, dass die Beziehungen und vor allem wirtschaftliche Unterstützungsleistungen wichtig waren. Es war eine Auseinandersetzung zwischen Gefühl und Verstand; und der Verstand hat obsiegt.

STANDARD: Brauchte umgekehrt Deutschland auch Israel zur Rehabilitierung?

Alroi-Arloser: Die Rückkehr Deutschlands in die Völkergemeinschaft hat sicher nur über eine Art der Versöhnung mit dem jüdischen Volk stattfinden können. Das ist auch Adenauer völlig klar gewesen, und das haben die USA sehr deutlich gemacht.

STANDARD: In den Jahren nach der Staatsgründung waren in Israel deutsche Produkte verpönt; viele Israelis wollten deutschen Boden nicht betreten. Wie hat sich das entwickelt?

Alroi-Arloser: Schon relativ früh, fünf Jahre nach der Staatsgründung, kamen Containerschiffe mit Maschinen und Investitionsgütern aus Deutschland, aber das war nicht unbedingt so sichtbar. Bei den Konsumgütern gab es einen eindeutigen Boykott. Viele deutsche Produkte sind in den ersten Jahren mit falschen Labels ins Land gekommen, waren als Schweizer Produkte identifiziert oder als österreichische - als wäre das so viel besser gewesen. Nordmende, eine deutsche Firma, hatte eine kleine Fabrik in Belgien, und deswegen wurden Nordmende-Produkte in Israel als belgische Produkte verkauft. Ende der 1950er-Jahre hatte einmal eine Radiosprecherin ein Blatt mit Werbung zu verlesen - plötzlich stockte sie und weigerte sich weiterzulesen, weil es Reklame für einen VW-Käfer gab. Das war ein großer Skandal, der bis ins Parlament gegangen ist, und das hat dann beschlossen, dass Sprecher nicht gezwungen werden können, Werbung für deutsche Produkte zu verlesen. Die beinahe totale Ablehnung am Anfang hat sich gewandelt, über eine Duldung in den 1970er- und 1980er-Jahren hin zur Akzeptanz seit den 1990ern. Mittlerweile sind wir so weit, dass "made in Germany" als wichtiges Verkaufsargument genützt wird. Kürzlich gab es eine Werbekampagne für Grundig-Fernseher mit dem Slogan "Deutsche Qualität in Ihrem Wohnzimmer" - dabei wir wissen alle, dass Grundig von Türken gekauft wurde und man die Bildschirme jetzt in Korea produzieren lässt.

STANDARD: Voriges Jahr gab es im israelischen Parlament einen Eklat um Martin Schulz, den Präsidenten des Europaparlaments. Schulz hatte Israel mit ungeprüften Angaben über den Wasserverbrauch der Palästinenser Vorwürfe gemacht. Israelische Politiker sagten, man brauche sich nicht ausgerechnet von einem Deutschen und in deutscher Sprache eine Moralpredigt anzuhören. Muss man als deutscher Politiker noch immer sehr behutsam sein im Umgang mit Israel?

Alroi-Arloser: Deutsche Politiker sind schon lange nicht mehr behutsam im Umgang mit Israel. Das deutsch-israelische Verhältnis ist ausgewogen und belastbar. Kritik an Israel gibt es in Deutschland zur Genüge. Die Israelis verstehen mit Handlungskritik von deutscher Seite umzugehen - aber Seinskritik will man sich von niemandem gefallen lassen, sicher nicht von Deutschen. Das Problem ist, dass die politische Elite immer gerne über besondere politische Verantwortung für Israel spricht und das Elektorat dieser Argumentation überhaupt nicht folgt. Es gibt eine immer größere Kluft zwischen verlautbarter Politik und gesellschaftlichen Unterströmungen.

STANDARD: Ist Deutschland heute für Israel eines der wichtigsten und freundlichsten Länder?

Alroi-Arloser: Ohne Zweifel. Deutschland ist nach den USA und China Israels drittgrößter Handelspartner. Und wenn es um Israels Sicherheit geht, hat Deutschland in den letzten 15 Jahren hervorragende Entscheidungen getroffen, auch im Hinblick auf die U-Boot-Lieferungen. Die Frage ist: Wenn wir hier einen Schritt Richtung Frieden machen sollen, wenn es um einen Rückzug auf die Linien von 1967 geht, sind da nur die Amerikaner dabei - oder auch andere? Wenn man sagt, Israels Sicherheit ist "Staatsräson" Deutschlands - was bedeutet das? Die Deutschen gehen nach Afghanistan - sind sie auch bereit, ins Westjordanland zu gehen? (Ben Segenreich, 12.5.2015)

foto: ahk
Grisha Alroi-Arloser, 1956 in Sibirien geboren, wuchs in Köln auf und lebt seit 1978 in Israel. Er ist Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer in Tel Aviv.
  • Israels Präsident Reuven Rivlin (links) und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz.
    foto: epa/wolfgang kumm

    Israels Präsident Reuven Rivlin (links) und der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz.

Share if you care.