Die Entmystifizierung der "interkulturellen Stadt"

11. Mai 2015, 17:34
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Holm Sundhaussen hat recht: Sarajevo ist im Zentrum heute eine vorwiegend muslimische Stadt. Die Erinnerung an die Multikulturalität ist zwar wach, wurde aber seit dem Krieg nicht wachgeküsst

Heute fehlen die Serben. So endet sinngemäß die Stadt-Biografie über Sarajevo des kürzlich verstorbenen großen Südosteuropa-Historikers Holm Sundhaussen. Und Sundhaussen hat recht: Sarajevo ist im Zentrum heute eine vorwiegend muslimische Stadt. Die Erinnerung an die Multikulturalität ist zwar wach, wurde aber seit dem Krieg nicht wachgeküsst. Sundhaussen geht weit zurück. Er erzählt von Bosnien im Mittelalter, als es unter König Tvrtko (1377 bis 1391) zum mächtigsten Königreich auf dem Balkan wurde. Den zentralen Teil des Stadtporträts widmet er den Osmanen. Doch Sundhaussen räumt damit auf, dass die Stadt damals ein "Schmelztiegel" war, vielmehr spricht er von einer "polykulturellen Gesellschaft". "Segregation, nicht Integration war das Hauptgestaltungsprinzip der osmanischen Stadt."

Sarajevo, das oft das "Jerusalem des Balkans" genannt wird, sei erst im kommunistischen Jugoslawien "interkulturell" geworden, weil erst damals der Glaube zur Privatsache wurde. Diese Analyse des Historikers passt nicht zum gern gepflegten Mythos, doch angenehmerweise meidet Sundhaussen jeglichen Pathos. Er bringt auch einige Beispiele, die das Misstrauen zwischen den Religionsgruppen dokumentieren. Kurz bevor Österreich-Ungarn das Land okkupierte (1878), hatte sich im Jahr 1872 etwa Widerstand unter fanatischen Muslimen gegen das Läuten einer kleinen Glocke in der alten orthodoxen Kirche formiert.

Sundhaussen geht auch mit dem jugoslawischen Narrativ vom Widerstandsgeist der Bergstadt in der Nazi-Zeit ins Gericht, das sich in der Figur des Partisanen Vladimir "Valter" Peric bis heute manifestiert. Sarajevo sei niemals eine Hochburg des kommunistischen Widerstands gewesen, doch die Muslime der Stadt hätten sich für Serben eingesetzt. Die Erfahrung der Isolation und Segregation in den 1425 Tagen Belagerung zwischen 1992 und 1995 bleibt jedoch bis heute prägend. (Adelheid Wölfl, 11.5.2015)

Holm Sundhaussen, "Sarajevo, Die Geschichte einer Stadt". € 34,90 / 403 Seiten. Böhlau 2014

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