Wenn Kinder in der Schule nicht stillsitzen

14. Mai 2015, 12:00
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Spezielle sonderpädagogische Zentren helfen mit mobilen Lehrern und Kleinklassen bei der Integration

Wien – Kleine schwarze Boxhandschuhe hängen über dem etwa ein Meter hohen Punchingball; Stofftiere, Kinderbücher und andere Spielsachen stapeln sich in den Regalen. Neben der grauen Zimmertüre im ersten Stock des Gebäudes in der Wiener Jägerstraße hängt ein Schild: "Betreuungsraum" steht darauf geschrieben.

Hier finden die Einzelbetreuungen der Kinder im Rudolf-Ekstein-Zentrum statt, einem Sonderpädagogischen Zentrum für integrative Betreuungsformen. "Wir richten uns an Kinder, die sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht in die Klassengemeinschaft einfügen können", sagt Madeleine Castka, Leiterin des Zentrums. In den acht Sonderpädagogischen Zentren für integrative Betreuung in Wien werden psychosoziale Maßnahmen für sozial und emotional benachteiligte Kinder angeboten.

Die Gründe, weshalb Schüler sich nicht in die Schulgemeinschaft einfügen können, sind breit gefächert. "Manchmal wurde die Trennung der Eltern noch nicht verkraftet, oder es stehen Fluchtgeschichten im Hintergrund. Aber auch Gewalt in der Familie ist leider Thema", sagt Castka.

Das "Mosaikmodell" des Zentrums ist dreistufig. Hat ein Kind in der Schuleingangsphase - also von der Vorschule bis zur zweiten Klasse Volksschule - etwa Probleme "still zu sitzen" oder "mit dem Lehrer zu kommunizieren", kann ein mobiles Mosaikteam von der Schuldirektion angefordert werden; nur mit Erlaubnis der Eltern.

Mobile Lehrer und Klassen

"In den Schulen beobachten wir, woran es liegt, dass ein Kind Schwierigkeiten hat", sagt Waltraud Perkonig. Sie ist eine der Lehrerinnen des Ekstein-Zentrums. Die zusätzlichen Pädagogen begleiten den Unterricht, führen Einzelgespräche mit den Lehrern und Eltern des Kindes. Während des Unterrichts sind die Pädagogen für alle Schüler Ansprechpartner, damit die Einzelbehandlung nicht auffällt. "Wenn sich zeigt, dass ein Kind noch nicht bereit für die Schule ist und das nicht an kognitiven Fähigkeiten liegt, suchen wir weitere Lösungen."

Stellt sich in der Beobachtungsphase heraus, dass ein Kind nur etwas Unterstützung im Schulalltag braucht, wird ihm eine Mosaiklehrerin bereitgestellt, die über eine Zeitlang den Unterricht begleitet. "Es ist unterschiedlich, wie lange wir in den Schulen bleiben, das hängt an den Bedürfnissen des Kindes", sagt Perkonig.

Merkt das Team, bestehend aus drei Pädagogen, allerdings, dass ein Kind in einer Klasse untergeht, kann es in eine Gruppe am Ekstein-Zentrum wechseln. Das Kind bleibt formal Schüler an der Stammschule, wird aber in einer der beiden Mosaikklassen unterrichtet. In jede Klasse gehen nur sechs Schüler. Sie stehen unter der Aufsicht zweier Lehrer. Zusätzlich gibt es Einzelbetreuung.

"Wir haben etwa Kinder, die scheinbar grundlos um sich schlagen, die nicht wissen, wie sie mit ihren Emotionen umgehen sollen", sagt Castka. Dafür gibt es den Punchingball: "Oft lernen Kinder nicht, sich anders auszudrücken."

Struktur im Alltag

Im Erdgeschoß finden sich die Klassenräume und ein Aufenthaltsraum. Jeden Morgen besprechen dort Lehrer und Kinder das Tagesprogramm. Das gemeinsame Frühstück soll den Kindern eine Struktur geben. "Viele haben noch nicht gegessen oder sind wieder hungrig", sagt Castka. Danach beginnt der Unterricht. Wenn ein Kind bereit ist, sich der großen Klasse zu stellen, wird es in die Stammschule zurückgeschickt. Nach der Schuleingangsphase ist jedenfalls Schluss. "Wenn kognitive Einschränkungen vorhanden sind, kann es sein, dass ein Kind in ein Sonderpädagogisches Zentrum kommt", sagt Castka; eine Sonderschule also. (Oona Kroisleitner, 12.5.2015)

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