Türkisch mit Papa, Deutsch mit Mama, Englisch hier

Reportage13. Mai 2015, 07:00
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Schreiben und Lesen lernen in mehreren Sprachen: Das lebt die Volksschule Josefstadt in Wiener Neustadt vor

Wien – Ja, es habe auch öfter anonyme Anrufe gegeben, sagt Hermine Römer. "Muss mein Kind bei Ihnen Türkisch sprechen?", hätten Wiener Neustädter Eltern die Schulleiterin gefragt. Als wäre Türkisch zu lernen das Schlimmste, was ihrem Kind in der Schule widerfahren könnte.

Niemand muss, aber alle dürfen Türkisch lernen in der Volksschule in der Josefstadt in Wiener Neustadt. Und alle Schüler lernen Englisch und Deutsch, und zwar ganz nebenbei. Native Speaker sind auch in Rechnen oder Werken da, man lernt die Sprache im Tun. Das liegt auch daran, dass mehr als die Hälfte der Schüler nicht Deutsch als Muttersprache hat: Englisch sei "Brückensprache", sagt Römer. Also jener Code, der allen gleichermaßen fremd ist.

Türkisch ist Sprache Nummer eins

Die meisten Kinder der Schule stammen aus türkischstämmigen Familien, 80 von 190 Kindern sprechen zu Hause Türkisch, 79 Kinder haben Deutsch als Muttersprache. Bosnisch und Albanisch teilen sich Platz drei mit je fünf Sprechern. So weit die Statistik. Die Kinder selbst sehen dies differenzierter: "Mit Papa sprech ich Bosnisch, mit Mama Deutsch, ein bisschen Kroatisch mit allen", sagt Sara. "Türkisch sprech ich mit Papa, Deutsch mit Mama und mit meinem Bruder", erzählt Adanur.

foto: standard/fischer
Magische Worte.

In der Schule gilt eine Grundregel: Alle müssen so sprechen, dass alle folgen können – also auf Deutsch oder Englisch. Hingegen sind Türkisch oder Spanisch nur dann erlaubt, wenn ausschließlich Kinder aus der jeweiligen Sprachgruppe zusammen sind. Stößt ein anderssprachiges Kind dazu, heißt es Sprache wechseln. Diese Regel wird laufend eingeprägt. "Wie geht es dir, wenn andere sich unterhalten und du verstehst sie nicht?", fragt Lehrerin Giefing-Zenz die achtjährige Adanur. "Ein bisschen, nein, ganz schlecht", sagt das Mädchen.

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Sprachen im Körper.

Hermine Römers Schule geht gegen den Mainstream – gegen die Meinung, die deutsche Sprache habe Vorrang vor allen anderen, und gegen die unausgesprochene Botschaft, dass sie irgendwie auch mehr wert sei als andere Sprachen. Sprachpädagogen wissen, dass diese Ansicht auch das Selbstbewusstsein der Kinder prägt, weil Sprache ein wichtiger Teil der Identität ist. In der Volksschule in der Josefstadt lernen die Schüler, dass jede Sprachfamilie gleich viel wert ist – und damit auch jedes Familienmitglied.

Die Bildungspolitik geht derzeit einen anderen Weg. Wer in Deutsch nicht sattelfest ist, soll separiert werden, bis ein Mindeststandard erreicht ist – so weit der Plan der Bundesregierung. Römer hält davon nichts. "Ich bin absolut gegen ein Separieren." Sprachenlernen funktioniere nur miteinander, nicht getrennt. Außerdem: "Sprachenlernen dauert mehrere Jahre. In der Vorschule ist das nicht zu bewältigen."

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"Ich bin absolut gegen ein Separieren", sagt Direktorin Hermine Römer.

Die Direktorin würde gern mehrere Muttersprachen fördern, doch das Gesetz setzt Schranken: Förderlehrer kommen nur dann an die Schule, wenn es zumindest zwölf Kinder aus einer Sprachgruppe gibt – und hier ist das nur bei Türkisch der Fall. Lehrer Ilhan Aktas sitzt mit vier Kindern an einem Tisch. Auch der Türkischlehrer unterrichtet nicht separat, sondern in den Regelunterricht integriert. Die Gruppe ist in einen türkischen Text vertieft. Hasan geht in die erste Klasse, trotzdem schafft er es locker, die Sätze vorzulesen. In den Text sind fünf Worte auf Deutsch eingestreut: Brot, erinnert, ganz allein, Teebutter. Hasan liest auch diese ohne Probleme.

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Türkisch-Förderlehrer Ilhan Aktas mit seinen Schülern.

Aktas weiß, dass zweisprachige Kinder oft zwischen den Sprachen switchen. Ziel dieser Übung ist, sie auseinanderzuhalten. Zugleich wird die Erstsprache gestärkt, und das hilft laut Sprachwissenschaftern auch beim Deutschlernen. Ja, Deutsch zu unterrichten sei hier anders, "analytischer", erzählt Lehrerin Petra Giefing-Zenz: "Wenn ich das Wort 'traurig' erkläre, dann sage ich, dass das von der 'Trauer' kommt, die durch das -ig zum Wiewort wird. In anderen Schulen lernen die Kinder das erst viel später." Hier sei es normal, sich auch der Struktur der Sprachen anzunähern.

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Türkischer Text mit deutschen Einsprengseln.

Zurück zum kleinen Türkisch-Tisch. Aktas betreut eine von mehreren Stationen, die den Buchstaben "B" zum Thema haben. Aktas deutet auf das Bild eines Minibusses mit vollbepacktem Dach. "Was ist das?", fragt er auf Türkisch. "Bagaj", sagt Hasan – Türkisch für "Gepäck". Auch Kinder mit deutscher Erstsprache sitzen gern beim Türkischlehrer. Und sie teilen ihr Wissen auch zu Hause.Letztens, beim Elternabend, habe sie Gesprächsfetzen aufgeschnappt, so Römer. Es waren deutschsprachige Eltern. Sie sprachen ein paar Worte Türkisch. (Maria Sterkl, 13.5.2015)

Wissen: Sprachen österreichischer Schüler

Mehr als ein Viertel der österreichischen Volksschüler hat eine andere Umgangssprache als Deutsch: Im Schuljahr 2013/2014 sprachen laut Statistik Austria 87.127 Volksschüler im Alltag nicht oder nur teilweise Deutsch. Die Erhebung zeigt gut, wie stark das österreichische System die Schüler ab 14 Jahren ausdifferenziert: Gehen in die Neue Mittelschule 28,2 Prozent Schüler mit nichtdeutscher Umgangssprache, liegt der Anteil in der AHS-Unterstufe bei nur 17 Prozent. Besonders hoch ist er mit 31,2 Prozent an Sonderschulen. Die Erhebung lässt keine Mehrfachnennungen zu. Viele Schüler haben aber mehr als nur eine Umgangssprache, die Statistik bildet das nicht ab. Zudem sagt sie nichts darüber aus, wie gut sich die Schüler auf Deutsch verständigen können und ob sie in der Lage sind, dem Unterricht zu folgen. Die Bundesregierung plant, separate Vorbereitungsklassen für Schüler mit Deutschschwächen einzuführen, Konkretes soll im November präsentiert werden. Einige Linguisten kritisieren diese Pläne.

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