Song Contest 2015: Mehr Melange als Udo Jürgens

11. Mai 2015, 15:12
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Der österreichische Botschafter in Berlin schickt die deutsche Teilnehmerin Ann Sophie mit Sekt und Mannerschnitten auf die Reise nach Wien

"Es war unglaublich." Die präsente Stimme von Ann Sophie stockt ein wenig, dann erst fährt sie fort und gesteht: "Als ich die Bühne in der Wiener Stadthalle gesehen habe, habe ich weinen müssen." Nicht, weil der Veranstaltungsort für den ESC so scheußlich wäre, sondern weil er eine so "fantastische Aura" habe. Dankbar und fast demütig sei sie bei der Vorbesichtigung gewesen, dass sie da singen dürfe und dass das auch noch 200 Millionen Menschen live verfolgen werden.

Fantastisch läuft es auch in der österreichischen Botschaft in Berlin an diesem Montag – und zwar für die unzähligen Fotografen. Botschafter Nikolaus Marschik hat Ann Sophie eingeladen, um die junge Frau gen Wien zu verabschieden. Das Kaminzimmer, ansonsten Raum für politische Gespräche, ist zur Garderobe für die Künstlerin geworden. Ann Sophie, passend zu ihrem Song "Black Smoke", tritt ganz in Schwarz auf und kriegt zunächst einmal eine Stärkung. Der Botschafter serviert Apfelstrudel. "Super", sagt Ann Sophie, in Wien freue sie sich eh schon so auf die Cafés, weil dieser herrliche Kaffee in Wien, diese Melange, und sie sei doch eh so eine "Kaffeetante".

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Von links nach rechts: Botschafter Nikolaus Marschik, Ann Sophie und der Strudelkoch.

Posing

Dann posiert sie vor dem großen Porträt irgendeines österreichischen Erzherzogs, "Franz" nennen sie ihn alle in der Botschaft. Die Frau weiß, was gefragt ist, dreht sich, lächelt, immer wieder, immer wieder. "Ann Sophie, reiß mal die Augen auf!", fordern die Fotografen. "Jetzt den Mund!" Noch erstaunlicher als die Kommandos: Ann Sophie macht alles und lacht auch noch freundlich. "Ich liebe das, was ich tue. Dieser Rummel könnte ewig weitergehen", freut sie sich.

Wäre es nach den Votern und Voterinnen des deutschen Vorentscheids gegangen, hätte es diesen Rummel nie gegeben. Denn eigentlich wurde der Musiker Andreas Kümmert für die ESC-Teilnahme gewählt, Ann Sophie war deutlich Zweitplatzierte. Doch Kümmert wollte genau diesen Stress nicht, trat überraschend zurück und Ann Sophie ergriff die Chance ihres Lebens.

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Kameras drängeln sich rund um Ann Sophie.

"Sie kann gewinnen, weil ihr Song heraussticht", ist Cornelius Ballin von Universial Music überzeugt. Und Ann Sophie will natürlich siegen. So nett die Österreicher auch sind, so toll sie selbst schon auf fast-wienerisch "urleiwand" sagen kann, der Sieg soll 2015 wieder nach Deutschland gehen. So wie 1982, als Nicole "Ein bisschen Frieden" sang, und 2010, als Lena "Satellite" zum Besten gab.

"Mit Herz singen"

Zwei junge Frauen wie Ann Sophie, da drängt sich natürlich die Frage nach den großen Fußstapfen auf. Ann Sophie sieht sich natürlich als ganz eigenständige Künstlerin und denkt nicht an die beiden Siegerinnen. "Ich werde mit Herz singen, und ich hoffe, dass ich die Herzen der Menschen erreiche", sagt sie ganz ernsthaft.

Dass sie ihren Song bis zum eigentlichen Ereignis noch gefühlte einhundert Mal singen wird, stört sie überhaupt nicht. All das gehört zum Business. Aber "ihr Bestes" wird sie natürlich dann in Wien geben. Mit Conchita Wurst hat sie sich schon in London bei einer Veranstaltung ausgetauscht. Die findet sie ganz toll und sehr natürlich. "Und", sagt Ann Sophie, "sie hat sich wirklich für das, was ich tue, interessiert." Mit den österreichischen Makemakes hat Ann Sophie auch schon gesungen. "Super Jungs" seien das, "so gechillt". Mit denen könne man sicher gut Wein trinken. Nach Udo Jürgens wird Ann Sophie dann auch noch gefragt, der hat schließlich 1966 für Österreich gewonnen und danach eine kometenhafte Karriere hingelegt. Da verzieht sich das alleweil freundliche Gesicht ein wenig abfällig. "Nööö," sagt sie, "mit dem hab ich es nicht so."

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Rucksack aus Österreich

Damit Ann Sophie Wien auch sicher erreicht, bekommt sie von der Österreich Werbung (ÖW) noch einen Österreich-Rucksack überreicht. Darin befinden sich Sekt, Mannerschnitten (hat sie noch nie gegessen, freut sich aber natürlich drauf), eine Klassik-CD und – sicher ist sicher – ein Packerl Seife.

Auch eine rot-weiß-rote Fahne kramt Ann Sophie aus dem Rucksack. Sehr schön. Ob sie mal mit der posieren kann. Sowieso, macht sie gern. Aber in Wien singt sie dann doch für Deutschland. (Birgit Baumann aus Berlin, 11.5.2015)

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