Plädoyer für den Furz

13. Mai 2015, 05:30
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Der Magen arbeitet wie eine Art Waschmaschine. Das kann mitunter sehr geräuschvoll sein, ist in den meisten Fällen aber völlig normal

Unser Magen knurrt, grummelt, gluckst, macht sich etwa bei großem Hunger, direkt nach dem Essen oder auch bei Verdauungsbeschwerden bemerkbar. Nach einer durchzechten Nacht ist mitunter ebenfalls eine hörbare Aktivität des Magens wahrzunehmen. Doch was genau passiert, wenn sich der Verdauungstrakt geräuschvoll meldet?

Absolut normal

"Geräusche im Bauchraum sind physiologisch absolut normal", sagt Christoph Gasche, Facharzt für Innere Medizin an der MedUni Wien. Meist handelt es sich dabei um den normalen Verdauungsbetrieb, "Housekeeping", wie es im Englischen heißt. Der Dünndarm bewegt sich wie ein Wurm, 24 Stunden am Tag, wenn auch in der Nacht etwas langsamer als am Tag, erklärt der Experte.

Anders als der Magen, der nur dann arbeitet, wenn er auch gefüllt ist. – "Wie eine Waschmaschine, in der die Nahrung vor und zurück geschoben wird". Hier erfolgt auch der größte Teil der mechanische Arbeit, während es im Darm vor allem um die chemische Zerlegung und Nährstoffaufnahme geht.

Woher das Magenknurren genau stammt, wisse wahrscheinlich kein Arzt der Welt genau: "Vermutlich entsteht es tatsächlich im Magen, der als Resonanzkörper der schwingenden Luft im geleerten Darm wirkt – analog zu einem Dudelsack", so der Experte. Eindeutiger ist es beim Gluckern, das beim Weitertransport von eher flüssiger Nahrung wie Joghurt entsteht und üblicherweise harmlos ist. Nach Alkoholkonsum wiederum kann es zu einem Grummeln kommen, da dieser anregend auf die Peristaltik wirkt und dem Körper außerdem Wasser entzieht.

Problematisches Gluckern

"Im klinischen Alltag spielen die Bauchgeräusche bei der Anamnese nach wie vor eine Rolle, wenn auch keine übermäßige. Manche Krankheiten machen sich tatsächlich akustisch bemerkbar", sagt Gasche.

Vor allem bei der chronisch-entzündlichen Darmerkranmkung Morbus Crohn sorgt "Bewegungsstörung", ausgelöst durch Engstellen, die den Weitertransport des Stuhls verzögern, für Geräusche. Denn durch den Luft-Flüssigkeitsspiegel im betroffenen Bereich kommt es zu einem lauten Gluckern.

Pathologisch können auch pfeifenden Geräusche sein: Sie entstehen, wenn der Nahrungsbrei durch Engstellen im Darm durchgedrückt wird, die es üblicherweise nicht geben sollte. Das führt mitunter auch zu heftigen Schmerzen. Spätestens dann sollten Betroffene zum Arzt.

Was raus muss, muss raus

"Grundsätzlich gesund sind Flatulenzen. Oft werden sie aber unterdrückt, was im schlimmsten Fall zu Verdauungsproblemen führen kann", sagt Gasche. "Das ist leider eine Geschlechterfrage. Wenn ein Bursch im Ferienlager furzt, klopfen ihm die Freunde auf die Schulter und applaudieren. Ein Mädchen würde sich wahrscheinlich in Grund und Boden schämen", ergänzt der Mediziner.

Im Erwachsenenalter sei das ähnlich, wenngleich dann auch Männer mehr zum Unterdrücken neigen. Mögliche Folge: Verstopfungen und Bauchschmerzen.

Ein weiteres Problem: Unsere moderne, oft einseitige Ernährung, bestehend aus viel Fleisch, Nudeln und Weißbrot. Sie führt zu "einer Verarmung unserer Darmflora", so Gasche, die uns anfälliger für manche Infekte und Krankheiten macht.

Zu feines Mehl

Eines der größten Probleme in diesem Zusammenhang ist das zu fein gemahlene Mehl, sagt der Facharzt: "Früher konnte man das Mehl mit den Zähnen noch feiner beißen, heute ist das obsolet geworden." Das sei deshalb problematisch, weil die Verdauung beim gröber gemahlenen Mehl zwar mehr arbeiten muss, aber auch mehr daraus gewinnt. Denn nach bakterieller Zweitverwertung im Dickdarm können deutlich mehr Nährstoffe aufgenommen werden.

Anders ist das bei minderwertigen Kohlenhydraten: Sie passieren unseren Darm zu schnell und brauchen kaum Verdauungsleistung. Das ist auch der Grund, warum wir rasch wieder hungrig werden. Ballaststoffreiches Essen wie Vollkornbrot oder Obst hingegen bleibt deutlich länger im Verdauungstrakt. Es sättigt auch viel besser – und macht sich öfter durch Geräusche bemerkbar. "Wenn man unseren Darm arbeiten hört, ist das ein gutes Zeichen und spricht für eine gesunde Ernährung", sagt Gasche.

Apropos satt: Richtiges Magenknurren hat der Mediziner schon lange nicht mehr gehört. "Durch das enorme Essensangebot ist der Magen bei den meisten Menschen nie richtig leer." Man dürfe nicht vergessen, dass wir heute zwar mindestens dreimal täglich essen, über viele hunderttausend Jahre hat es aber häufig tagelang nichts zum Beißen gegeben. (Florian Bayer, 12.5.2015)

  • Deutsche Bauern (Martin Luther, 1545) nutzen ihre Magenwinde, um ihren Unmut kundzutun. Auch unser Darm teilt uns manchmal etwas mit.
    foto: wikipedia/public domain/ras67

    Deutsche Bauern (Martin Luther, 1545) nutzen ihre Magenwinde, um ihren Unmut kundzutun. Auch unser Darm teilt uns manchmal etwas mit.

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