Song Contest 1967: Spiegelkabinett in der Wiener Hofburg

17. Mai 2015, 16:15
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Der Große Festsaal der Wiener Hofburg wurde am 8. April zur spiegelnden Bühne - Sandie Shaw gewann mit "Puppet on a String"

Wien - Schon einmal wurde der Song-Contest in Wien ausgetragen: Nach dem Sieg von Udo Jürgens im Jahr 1966 - damals hieß der Song Contest noch Grand Prix de la Chanson - fand die 12. Ausgabe des Wettbewerbs in der Wiener Hofburg statt. Das Bühnenbild bestand aus rotierenden Spiegeln - weniger glücklich war die Moderatorin Erica Vaal, die bei der Punktevergabe für Verwirrung sorgte.

Schon die Begrüßung gestaltete sich zum Kraftakt, die einleitenden Worte sprach Vaal nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Französisch und Englisch, Italienisch, Spanisch und Serbokroatisch. Um fehlerfrei durch diesen minutenlangen Vortrag zu kommen, klammerte sie sich an ihre Vorlagenmappe, womit die Begrüßung mehr einer Vorlesung glich. Doch damit nicht genug: Vaal entschuldigte sich auch bei den anderen Teilnehmern - darunter etwa Schweden, Portugal oder die Niederlande -, sie nicht ebenfalls in der Landessprache willkommen heißen zu können. Die Zeit habe einfach nicht gereicht, alle Sprachen zu lernen. Auch bei den weiteren Moderationen blieb das Sprachenbüchlein Vaals treuer Begleiter.

Einfacher hatte es da Udo Jürgens, den man zur Begrüßung ebenfalls auf die Bühne holte: Er musste nicht reden, sondern durfte das Orchester zu einer Drei-Viertel-Takt-Version seines Siegerhits "Merci Cherie" dirigieren. Das entlockte ORF-Urgestein Emil Kollpacher, der den ESC von 1957 bis 1969 kommentierte, die lakonische Bemerkung: "Merci Udo, für die Arbeit, die du uns verschafft hast." Erst im zweiten Teil des Satzes fiel dem Chefsprecher auch noch die Ehre ein, welche die Austragung des Grand Prix für das Land natürlich bedeute.

17 Teilnehmerländer

Teilnehmer aus 17 Ländern hatten es am 8. April 1967 nach Wien geschafft. Eigentlich hatte man mit 18 gerechnet, doch Dänemark verzichtete auf ein Antreten. Das Lied der dänischen Teilnehmerin Ulla Pia 1966, die "Stop - mens legen er go' - Hör auf, wenn's am schönsten ist" schmetterte, erwies sich als prophetisch: Die selbstverordnete Song-Contest-Pause sollte noch bis 1977 dauern.

Auf Hochglanz poliert war aber nicht nur das Vokabular der Moderatorin, sondern auch die Location selbst: Die Bühne hatte man mit rotierenden Spiegeln ausgestattet, die selbst im Schwarz-Weiß-Bild einiges hermachten. Erstmals gab es mit einer Kamera im Aufenthaltsraum auch Blicke hinter die glanzvolle Kulisse. Für die Pausenunterhaltung hatte man die Wiener Sängerknaben verpflichtet, die streng nach Klischee "An der schönen blauen Donau" zum Besten gaben.

Junge Jury

Nachdem es in den vergangenen Jahren für den Geschmack der Europäischen Rundfunkunion zu viele Null-Punkte-Wertungen gegeben hatte, besann man sich auf ein älteres Jurysystem. Jedes Land stellte zehn Jurymitglieder, die jeweils einen Punkt an ihren Lieblingssong vergaben - was im Verlauf des Abends noch für jede Menge Irritationen sorgen sollte. Modern wollte man außerdem sein: Also verordnete die Union, dass die Hälfte der Jurybesetzung unter 30 Jahre alt sein musste.

Mit den Niederlanden und "Ringe-dinge-ding" von Therese Steinmetz - ORF-Kommentar: "kastanienbraun an Aug' und Haar" - startete der Grand Prix. Da in den Landessprachen gesungen werden musste, fasste Kollpacher für die österreichischen Zuseher vor jedem Beitrag den Liedinhalt knapp zusammen: Bei "Ringe-dinge-ding" handle es sich um das "Lied eines übermütigen jungen Mädchens, das gerne einen Minister anrufen würde, um ihm den Witz des Tages zu erzählen". Der Witz kam jedoch nicht an: Steinmetz wurde bloß 14.

Dirigent und Landessprache

Damals brachte zudem jeder Kandidat noch seinen eigenen Dirigenten mit auf die Bühne - etwa die siebzehnjährige Vicky Leandros, die damals mit "L'amour est bleu" für Luxemburg startete. Österreich ging als dritte Nation mit Peter Horten und "Warum es hunderttausend Sterne gibt" ins Rennen. Doch obwohl der ORF den geschmackvollen Komponisten lobte und konstatierte: "Wir bekennen uns einfach zur Melodie als unsere ureigenste Domäne. Das sollte ein Anlass zur Zustimmung sein", landete Horten abgeschlagen punktegleich mit Norwegen und den Niederlanden nur auf Platz 14.

Verwirrung bei Punktevergabe

Dafür sorgte Startnummer 11 für Furore: Sandie Shaw präsentierte ihren modernen Hit "Puppet on a String" barfuß und begeisterte damit die Juroren für Großbritannien. Bei der einige Male von Verständnisschwierigkeiten und massiven technischen Problemen mit dem Ergebnisbord erschwerten Punktevergabe über Telefon zeichnete sich rasch ein Trend ab. Zu schnell für Vaal: Bevor Irland seine Stimmen abgeben konnte, versuchte die Schauspielerin unter Protesten des Saalpublikums Großbritannien zum Sieger zu erklären.

Unterschied hätte es jedoch keinen gemacht: Das Vereinigte Königreich führte zu diesem Zeitpunkt bereits uneinholbar. Shaw konnte sich daher auch trotz der vielen Unterbrechungen des offiziellen Punktestandhüters "May I interrupt again?" freuen: Sie gewann mit mehr als doppelt so vielen Stimmen wie das zweitplatzierte Irland und damit mit einem der größten Vorsprünge der Song-Contest-Geschichte. "Puppet on a String" wurde ein Verkaufserfolg, hielt sich drei Wochen auf Platz 1 in Großbritannien und ist auch in Deutschland und Österreich bis heute einer der erfolgreichsten ESC-Titel. (APA, red, 12.5.2015)

  • Die Siegerin beim Song Contest 1967 Sandy Shaw mit dem Siegers des Vorjahrs Udo Jürgens.
    foto: imagno / picturedesk.com

    Die Siegerin beim Song Contest 1967 Sandy Shaw mit dem Siegers des Vorjahrs Udo Jürgens.

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