Microsofts riskanter Flirt mit Android und iOS

11. Mai 2015, 10:27
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Unterstützung anderer Plattformen zur Windows-Entwicklung birgt auch Gefahren für das eigene System

Eine echte Überraschung hatte Microsoft vor wenigen Tagen auf seiner Build-Konferenz parat. Windows soll künftig auch Android und iOS-Apps unterstützen beziehungsweise den jeweiligen Entwicklern die Anpassung ihrer Programme so einfach wie nur möglich machen. Eine Strategie, die zunächst viel Applaus erntete, mittlerweile mehren sich aber auch die kritischen Stimmen. Gerade durch den Android-Support riskiere Microsoft, dass die native Entwicklung für die mobile Windows-Variante weiter zurückgehe, warnt etwa Arstechnica.

Kehrseite

Eine solche Strategie wirft nämlich gleich mehrere, durchaus problematische Fragen auf. Zunächst: Warum sollte noch irgendjemand native Windows-Apps entwickeln, wenn er doch sein Android-Programm mit minimalem Aufwand unter Windows laufen lassen kann? Ist doch die Unterstützung einer zusätzlichen Plattform mit substantiellem Aufwand verbunden, da bietet sich eine solche Abkürzung geradezu an. Und dies ist kein theoretisches Problem, wie andere Hersteller wie Blackberry erleben mussten.

Plattform zweiter Klasse

Dies führt direkt zu einem weiteren Problem: Egal wie gut die Android-Unterstützung unter Windows auch sein mag, die Apps wurden ursprünglich für ein anderes System entwickelt. Die User-Interface-Interaktion wurde also auf eine andere Plattform abgestimmt, und wird im Detail immer zu Unstimmigkeiten führen.

Android-Begrenzungen

Zudem gibt es beim Android-Support unweigerlich Abstriche: Apps, die nur die Schnittstellen aus dem Android Open Source Project (AOSP) verwenden sollen zwar direkt laufen. Genau genommen können sie sogar unmodifiziert in den Windows Store hochgeladen werden, wo sie nur mehr neu verpackt werden. Alle Programme, die aber irgendwelche Google-Schnittstellen einsetzen - etwa für Standortinformationen; Karteneinbindung oder auch Bezahldienste - müssen manuell angepasst werden. In einigen Fällen wird das wohl auch heißen, einfach einzelne Features zu streichen. Umgekehrt können Android-Apps für Windows zwar auch mit dem darunterliegenden Betriebssystem integriert werden, im Vergleich zu "richtigen" Windows-Apps sind die Möglichkeiten dabei aber eher begrenzt.

Beschränkungen

Microsoft versucht die Gefahr, die Idee der "universellen" Windows-Plattform durch den Android-Support zu schwächen, dadurch zu reduzieren, dass dieser lediglich auf die mobile Variante des Betriebssystems beschränkt ist. Wer eine App entwickeln will, die sowohl am Desktop als auch am Smartphone läuft, muss also zur nativen Entwicklung greifen. Ob das lange so bleibt, ist allerdings eine andere Frage. Arbeitet Google doch gerade daran, Android-Apps über den Browser Chrome lauffähig zu machen - und zwar ohne Einschränkungen. Womit sich Android auch hier mittelfristig als "universelle" Plattform anbieten könnte.

iOS

Die iOS-Unterstützung birgt ebenfalls so manche Fallstricke, auch wenn hier betont werden muss, dass sie ganz anders strukturiert ist als der Android-Support. Während für Android ein zusätzliches Windows-Subsystem zur Ausführung von bestehenden Apps eingeführt wird, handelt es sich beim Projekt Islandwood "nur" um eine weitere Möglichkeit mit der Windows-Apps erstellt werden können, im konkreten Fall mithilfe von Objective-C. Das neuere Swift wird bislang hingegen nicht unterstützt. Zudem sind die nötigen Anpassungen am User Interface und der grundlegenden Interaktion umfangreicher, da bei iOS in dieser Hinsicht vieles anders ist als unter Windows / Android, so gibt es beim Apple-System etwa keinen Zurück-Knopf.

Microsoft-Power

All das zuvor Gesagte bedeutet natürlich nicht, dass Microsofts Strategie zum Scheitern verdammt ist. Immerhin ist der Windows-Hersteller in einer deutlich besseren Situation als es beispielsweise Blackberry je war. Nicht zuletzt hat man jahrelang die Entwickler an Windows und die eigenen Tools gewöhnt. Insofern stehen die Chancen auf einen Erfolg wesentlich besser als bei anderen, die sich bisher an einer ähnlichen Strategie verfolgt haben.

Motivationslage

Angesichts der erwähnten Risiken drängt sich die Frage auf: Warum unternimmt Microsoft überhaupt diesen Schritt? Die Antwort ist einfach: Will man mit dem mobilen Windows auch nur den Anflug einer Chance haben, braucht das System dringend mehr Apps. Und sollte diese Strategie schief gehen, hätte man zumindest schon einmal Erfahrungen für den Betrieb einer eigenen Android-Plattform gesammelt. (apo, 11.5.2015)

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    foto: jim young / reuters
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