In den Armen des Vorhangs

10. Mai 2015, 19:23
posten

Das Wiener Staatsballett macht bei "Van Manen / Ekman / Kylián" "bella figura"

Wien - Distanziertheit gilt als "E", und Coolness gehört zu "U". Kühl und lässig sind aber durchaus miteinander verwandt. Lässig ist, wer gelassen bleibt wie die Paare in Hans van Manens Ballett Adagio Hammerklavier (1973). Das Stück ist Teil des Abends Van Manen / Ekman / Kylián, den das Wiener Staatsballett gerade im Haus am Ring vorgestellt hat.

Van Manens drei Männer und drei Frauen lassen sich weder auf demonstrative Ungerührtheit noch auf frostige Selbsteinklammerung ein. Mit jeder ihrer genau kalkulierten Bewegungen weisen sie darauf hin, dass das Emotionale bloß Machwerk und das Authentische lediglich Illusion sein könnten. Sie bilden Modelle von menschlichen Beziehungen, die eher mathematischen Gleichungen ähneln als emotionalen Handlungen. Trotzdem wirken Olga Esina, Ketevan Papava, Nina Poláková mit Vladimir Shishov, Roman Lazik und Eno Peci nicht steif. Immer noch sind ihre Persönlichkeiten erkennbar, die den Grenzstreifen zwischen Kühlheit und Coolness, Körperlichkeit und Künstlichkeit ausloten, den Van Manen gezeichnet hat.

Wahre Coolness kommt dann bei Alexander Ekmans Cacti (2010) auf. Dafür fegt Ironie über den Tanzboden, knallt eine Katze auf denselben, wird das Schweigen der Tänzer aufgebrochen (Text: Spenser Theberge). Aber aufgepasst! Bei allem Temperament im inszenierten Chaos ist da genauso viel Disziplin im Spiel wie zuvor bei Van Manen und nachher bei Jirí Kyliáns Bella Figura. Das Staatsballett versteht Ekmans rasanten, flüssigen Stil offenbar gut. Spielend setzt es seinen Diskurs-Tanz mit Beethoven, Schubert, Haydn, vier Livemusikern, zahlreichen Kakteen und choreografiertem Scheinwerfer-Grid um. Das humorvolle Hauptduett ist mit Rebecca Horner und Andrey Kaydanovskiy ideal besetzt. Dem Applaus nach war das der Publikums-Hit. Ekman wurde sogar mit einigen Buhs geadelt. Mehr konnte sich der 1984 geborene Schwede von seiner Wiener Premiere nicht wünschen.

Die liebe Postmoderne

Der Unterschied zwischen Cacti und Bella Figura (1995) zeigt, wie viele Möglichkeiten sich das Ballett bereits erobert hat. Die popkulturelle Postmoderne ist Ekmans Lebenselixier. Kylián dagegen vertritt die gute alte Schule der Emanzipation vom Erbe George Balanchines, aus dem Van Manen seine Stärken bezieht.

Bella Figura hat schon angesetzt, wie das Publikum noch aus der Pause kommt. Zum "richtigen" Beginn wird dann eine Tänzerin von einem schwarzen Vorhang umarmt. Kylián nutzt die Vorhänge zur Fokussierung, meidet Kühlheit wie Coolness und konzentriert sich ganz auf schöne Bilder. Auch hier geben die Tänzer gute Figuren her - so wie bis zum letzten Moment der Abend insgesamt.

Und der hätte sich einen kräftigeren Schlussapplaus als den ihm vom Premierenpublikum gegönnten durchaus verdient. (Helmut Ploebst, 10.5.2015)

Wiener Staatsoper

Weiterlesen:

  • Wahre Coolness - nun auch an der Wiener Staatsoper: Sie kommt aus Alexander Ekmans Stück mit dem Titel "Cacti".
    foto: michael pöhn

    Wahre Coolness - nun auch an der Wiener Staatsoper: Sie kommt aus Alexander Ekmans Stück mit dem Titel "Cacti".

Share if you care.