Das Hotel des Verdrängten

10. Mai 2015, 19:39
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In Milhauds "La mère coupable" am Theater an der Wien will der Teufel in das Reich des Grafen Almaviva einheiraten

Wien - Weder hat er Hörner, noch riecht er nach Schwefel. Auch gibt dieser Begearss (solide Stephan Loges) nicht mit dem Daumen Zigarettenfeuer. Dennoch ist er klar ein zielstrebig-moralfreier Teufelskerl. Nur eben glatt. Hinter Angepasstheit verbirgt er aber Intrigenpläne zur Geldbeschaffung. Einheiraten will der Teufel in das Reich des Grafen Almaviva.

Hätte sie nicht diesen Begearss als unerkannte Plage, die Almaviva-Family wäre dennoch ein Fall für Kollektivtherapien. In Darius Milhauds La mère coupable (Kern ist der dritte Teil der Figaro-Trilogie von Beaumarchais) rumort es in den Figuren, Schuld und Geheimnisse drohen die Verhältnisse zu sprengen. Des Grafen Ehe (filigran Markus Butter) ist gefroren, vieles gilt es zu verstecken: Sohn Leon (klangschön Andrew Owens) ist einer Liebschaft der Gräfin (etwas schrill Mireille Delunsch) entsprungen. Auch ist die "Waise" Florestine (delikate Höhen Frederikke Kampmann), die bei der Familie weilt, eine schöne Affairenfolge des Grafen. Und Florestine liebt "Bruder" León.

Im diesem "Problemparadies" warten also viele Karastrophen auf ihr Erblühen; da bräuchte es keinen Begearss, den Figaro (respektabel Aris Argiris) zur Strecke bringt. Wobei auch Figaro mit Suzanne (intensiv Angelika Kirchschlager) Eheprobleme hat.

Herbert Föttinger erzählt die Geschichte der vielen Geheimnisse elegant, entwickelt in einem Hotel mit Aufzügen (Bühnenbild Walter Vogelweider) aber auch eine zweite Ebene, die sich in vier Zimmerchen surreal entfaltet. Dort leiden die Alter Egos der Figuren, dort werden selbstquälerisch Rituale durchgeführt. Zwischen Selbstbestrafung und Wunscherfüllung: Man beschmiert sich mit Blut oder hängt zwanghaft Bilder des verstorbenen Erstgeborenen an Wände; man betreibt zweideutige Spiele mit dem Kreuz.

Was Wunder, dass die Geschichte ihren Ausgang bei einem Begräbnis nimmt, während das RSO Wien unter Leo Hussain mit Mozarts Maurerischer Trauermusik punktuell um Intonation ringt. Es wurde besser: Diese gerne doppeldeutige Harmoniewelt, auf der sich rhythmisch Anspruchsvolles ereignet, wird passabel umgesetzt, ohne jedoch, dass die Sache wirklich abhebt. Nicht nur, aber auch Buhs für die Regie. (Ljubisa Tosic, 10.5.2015)

Theater an der Wien, 12., 15., 17. 5.

  • León (Andrew Owens, li.) und Begearss (Stephan Loges).
    foto: apa

    León (Andrew Owens, li.) und Begearss (Stephan Loges).

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