Frau Frey baut die schönsten Hütten

Porträt11. Mai 2015, 12:24
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Shirley Frey, Tochter einer Chinesin und eines Wieners, der vor den Nazis floh, verhalf Österreichs Damenvolleyball Ende der 1980er, Anfang der 1990er als Spielerin und Trainerin zu Höhenflügen. Sie lebt noch heute ihren Sport, hätte aber viel mehr zu geben

Wien - Martin (32) ist nicht nur des Volleyballs wegen in dieser Halle in Wien, Rudolfsheim-Fünfhaus. Der Assistent an der TU ist auch hier, um zu lernen, "wie man Leute so coacht, dass sie eine Grenzerfahrung herauskitzeln". Das geht über den Sport hinaus, dem er und 16 andere Damen und Herren in einem Kurs des Universitätssportinstituts (Usi) Wien zweimal die Woche frönen. Das ist mehr, als man sich von der Instruktorin erwarten darf.

Aber bei Shirley Frey, die also kitzelt, mit zuweilen harsch wirkenden Anweisungen und manchmal ungeduldig anmutenden Demonstrationen, gibt es zwar viel gratis, wie etwa Trainingsorganisation und -leitung in der unifreien Zeit, aber nichts billig. Denn die 58-Jährige hat das Gefühl, nicht mehr viel Zeit zu haben, um das weiterzugeben, was sie kann. "Mir tut es nicht weh, wenn Volleyball in Österreich zugrunde geht", sagt die ehemalige Weltklassespielerin. "Aber mir tut es weh, wenn die Kinder nichts lernen."

Usi-Kurse gebe sie gerne mehr, aber noch lieber gebe sie jenen Unterricht, die dann ihrerseits den Kindern den Sport näherbringen sollen, den einschlägigen Studenten. "Aber da müsste ich Titel haben, die ich nicht habe" - akademische natürlich. An sportlichen Titeln mangelte es Shirley Frey, der vielfachen Meisterin ihres Sports, nämlich nicht.

Erfolge in China

Die ersten Erfolge errang sie unter dem Namen Li Xueli, ihre Mutter hieß Li Binzhu und brachte sie in Chongqing, China, zur Welt. Der Vater war ein Wiener, Richard Stein, der 1938 vor den Nazis nach Schanghai floh. Dort absolvierte der Kommunist eine medizinische Ausbildung, eher er sich der Guerilla unter Mao Tse-tung anschloss, die die Japaner bekämpfte. Richard Stein nannte sich fortan Richard Frey und wirkte erfolgreich in der medizinischen Versorgung, so erfolgreich, dass er auch die Kulturrevolution unbeschadet überstand und danach in Peking seine Arbeit hochangesehen fortsetzen konnte.

Li Binzhu, Richard Freys erste Frau, blieb zurück. Ihre Tochter wurde mit 14 Jahren "für den Sport ausgesucht", genoss oder durchlitt eine militärisch anmutende Ausbildung, wurde Volleyballprofi im Verein der Provinz Sichuan, mit dem sie dreimal die chinesische Meisterschaft gewann. Aufnahme ins Nationalteam, das 1982 WM-Gold holte, fand sie nicht. "Ich wurde schon in der Schule als Ausländerin verspottet, wegen meines Aussehens, aber auch wegen meines Wesens. Ich war zu überschwänglich."

Fadesse und eine Sensation

Gegen eine Ausbildung zur Trainerin sprach nichts, aber die Sportlerin verspürte "eine gewisse Fadesse". Ihre Mutter riet zum Wechsel nach Europa. Richard Frey ließ seine Kontakte spielen. "Ich bekam innerhalb von sieben Tagen einen Reisepass" - eine Sensation. Aus Xueli wurde Shirley. Shirley Frey, die eines Tages im Jahr 1984 nach einer achttägigen Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn in Wien ankam. Des Deutschen nicht mächtig, aber überqualifiziert für Österreichs Volleyball, war sie auf Einladung des einzigen Vereins gekommen, der sie finanzieren konnte - des Post SV, geführt von Gerald Bek-Areschew.

Der Klub des äußerst rührigen, ehrgeizigen Funktionärs war national schon fast unschlagbar, aber noch nicht lange. Erst seit von einem jungen Manager der ÖMV namens Viktor Klima beschlossen worden war, fürderhin in dem vom Mineralölkonzern alimentierten damaligen Rekordmeister nur noch auf Betriebsangehörige zu setzen. Ein Diktum, das auch den Trainer Raimund Zimmer zwang, sich ein neues Betätigungsfeld zu suchen. Er fand es im Nachwuchs des Post SV, der sich mit der überragenden Shirley Frey anschickte, seinerseits Titel in Serie zu holen.

Schon auch Rassismus

Für Frey, die aus einer anderen Sportkultur kam, war es eine harte Zeit, "auch, weil ich mir mit Sprachen immer schwergetan habe". Der Rassismus kam dagegen milder daher als daheim, etwa über das Wort "exotisch", das in kaum einem Bericht über die durch Frey aufgepeppten "Mädels von der Post" fehlen durfte.

Vom sportlichen Niveau her stand die 1,72 Meter große Aufspielerin derart hoch über ihren Kolleginnen, dass der Gedanke nahelag, sie auch als Spielertrainerin zu installieren. "Aber ich durfte nicht, weil meine Ausbildung nicht anerkannt wurde." Also trainierte sie zusammen mit Zimmer das Team, als Duo, das sich auch privat finden sollte. Schon damals galt, was für Frey auch heute gilt. "Ich bin eine Baumeisterin. Aber mit dem Material für eine Hütte kann ich nicht den Stephansdom bauen." Frey und Zimmer bauten jedoch "eine wunderbare Hütte". Mit Spielerinnen wie Andrea Veselka und Martina Pöltl, der Mutter des Basketballausnahmetalents Jakob Pöltl, gewannen sie zweimal den Donaupokal, einmal die Interliga.

Frey wurde Österreicherin und schmückte auch das Nationalteam. 1989 misslang unter Coach Zimmer in Wien die Qualifikation für die EM 1990 in Deutschland nur ganz knapp. Eine Art Zeitenwende: "Ab da dominierten in Österreichs Volleyball die Männervereine", sagt Zimmer.

Sportliche Intelligenz

Mit der völligen Umstellung auf Profibetrieb verlor der Post SV das Duo Zimmer/Frey und den Titel an Salzburg. Die beiden betreuten nach einem Jahr Pause noch Schwechat, wo zunächst alle Spielerinnen vor Freys angeblich zu harten Trainingsmethoden flohen. Ex-Postlerinnen sprangen erfolgreich ein. Heute heißt der Klub Sportvereinigung Schwechat Post. In der Vorwoche gelang der 22. Meistertitel en suite.

Mit Shirley Frey, seit 2000 die Ehefrau von Raimund Zimmer, hat das alles nichts mehr zu tun. Zwölf Jahre lang pflegte sie bis zu deren Tod ihre Mutter, die ebenfalls nach Wien gekommen war. Ihr Vater starb hochgeehrt 2004 in Peking. Seit 25 Jahren arbeitet Shirley Frey bei der Post bzw. der Bawag PSK. "Ich habe keine Ausbildung, aber ich habe es mit sportlicher Intelligenz geschafft."

Ihr Können als Trainerin liegt bei aller Liebe zur Usi ein wenig brach. Shirley Frey will noch viel geben, denn "Vergangenes, auch wenn es schön war, ist vorbei. Die Gegenwart und die Zukunft sind wichtig, auch wenn es noch so hart ist." (Sigi Lützow, 11.5.2015)

  • Shirley Frey zeigt 1984, nach der Ankunft in Wien, ihre Technik.
    foto: r. blaha

    Shirley Frey zeigt 1984, nach der Ankunft in Wien, ihre Technik.

  • Shirley Frey sitzt ihren Usi-Schützlingen ausnahmsweise vor. Sonst ist sie nämlich ständig in Bewegung.
    foto: der standard

    Shirley Frey sitzt ihren Usi-Schützlingen ausnahmsweise vor. Sonst ist sie nämlich ständig in Bewegung.

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