Die Sache mit der Erinnerung

Kolumne10. Mai 2015, 17:00
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Nehmen wir den nicht zu Unrecht fragwürdigen Muttertag als Anlass für einen fraglos wichtigen Gedanken: Wer sind unsere Mütter eigentlich?

Die Sache mit der Erinnerung ist eine paradoxe Sache. Im höheren Alter, ausgerechnet dann also, wenn das Gedächtnis – immer mehr – nachlässt, kommen (angeblich ist das so) die Erinnerungen an die frühesten Lebensjahre zurück. Das Leben ein Kreis? Es scheint auch ein bisschen so, als würde über diese frühen Lebenszeiten eine Art Nachrichtensperre verhängt werden, die dann plötzlich aufgehoben wird. Wer weiß wofür das gut ist? Vielleicht dürfen wir uns das so vorstellen, wie bei den Akten zum Attentat auf den US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, die bis 2039 (jetzt vielleicht nur bis 2017) unter Verschluss gehalten werden.

Apropos JFK-Attentat: Hier funktioniert für ältere Semester die Erinnerung bestens, denn zusammen mit der Mondlandung der Amerikaner, Prinzessin Dianas Tod und 9/11, zählt es zu den am besten erinnerten Ereignissen unseres kollektiven Gedächtnis. Vielleicht aber hat das alles nur mit dem Phänomen Fernsehen zu tun. Egal.

Kein autobiografisches Gedächtnis

Was ich eigentlich sagen wollte: An die eigene, noch junge Mutter erinnert man sich vielleicht erst dann wieder, wenn man selbst steinalt geworden ist. Obwohl wiederum wissenschaftlich als ziemlich fix erwiesen gilt, dass wir uns an die ersten beiden Lebensjahre überhaupt gar nicht erinnern. Ohne Wissen um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gibt es nämlich noch kein autobiografisches Gedächtnis, sondern nur, wie Freud das genannt hat, "kindliches Vergessen". Schade eigentlich. Denn das wäre unbestritten jene Phase unseres Lebens, in der Mütter sich (in den allermeisten Fällen eben noch immer die Mütter) für die Brutpflege am allermeisten ins Zeug legen.

Und im Sinne aller späteren, mit kleinen Schwitzhänden, gehäkelten Topflappen und mit kindlichen Augen gemalten Porträts sind diese Erinnerungslücken der ersten Jahre vielleicht dem schöpferischen Ergebnis nicht zuträglich. Oder doch, wer weiß? Und Sie haben ganz Recht: Kinder sind nicht auf der Welt, um ihren Eltern dankbar zu sein.

Das Mädchen, die Frau, der Mensch

Umgekehrt aber auch nicht. Vergessen wir heute kurz einmal die Topflappen, Wachsmalkreidebilder und Scherenschnittherzen und nehmen den nicht zu Unrecht fragwürdigen "Muttertag" als Anlass für einen nicht unwichtigen Gedanken. Die Erinnerung an die eigene Mutter setzt immer nur ein mit dem Zeitpunkt ihrer Mutterschaft. Das Mädchen, die Frau, der Mensch, der sie vor, während und nach dem Muttersein war und ist, den kennen wir vielleicht gar nicht - und wollen ihn in der uns eigenen kindlichen Egozentrik auch gar nicht kennen lernen. Schade eigentlich. (Mia Eidlhuber, 10.5.2015)

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    apa
    Wer sind diese Mütter eigentlich?
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