Lee Miller: Das Bad nach dem Terrorregime

10. Mai 2015, 11:59
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Sie war Modell und Muse von Man Ray und wusch sich später in der Badewanne Adolf Hitlers: Die Albertina zeigt Arbeiten der US-amerikanischen Fotografin Lee Miller (1907–1977)

Wien – Die Fotografin Lee Miller wurde berühmt mit einem Bad, das sie nahm. Als Miller Ende April 1945 als Pressefotografin des amerikanischen Life-Magazins zusammen mit einer Gruppe von Befreiern die Münchner Wohnung Adolf Hitlers betrat, setzte sie sich in dessen Badewanne. Sie habe die Gelegenheit genutzt, sich den Schmutz des Konzentrationslagers Dachau abzuwaschen, erklärte sie später.

Millers jüdischer Kollege David E. Scherman, der sich auch selbst in der Wanne ablichten ließ, hielt die kühne Geste der Aneignung fest. Es entstand ein vieldeutiges Bild, das zunächst hinter die Fassade des Diktators blicken lässt, Hitler als Mensch entlarvt, sich darin allerdings nicht erschöpft. Ein anderes Faszinosum ist der lasziv-verschleierte Blick der Dargestellten: Er ist so nackt wie ihre Schultern, die im Kontrast zu ihren klobigen, neben der Wanne abgestreiften Armeestiefeln stehen. Es ist ein Blick, mag man denken, der soeben den geschützten, gewohnten Bereich hinter dem alles distanzierenden Kameraobjektiv verlassen hat.

foto: lee miller archives england 2015
Lee Miller in Hitlers Badewanne, fotografiert von David E. Scherman in München 1945.

Kühne Geste der Aneignung

Jedenfalls ging Millers Geste, getan just am 30. April 1945, dem Tag von Hitlers Selbstmord, in die Geschichte ein. Und tatsächlich ist dieses Foto wohl, woran man beim Namen Lee Miller als Erstes denkt. Möglicherweise assoziiert man noch ihre Rolle als Muse und Modell von Man Ray. Welche Lebenslinien indes von Millers Zeit unter Surrealisten in Paris zu jenem Bad führten, zeigt derzeit die Albertina in der nun unter dem Namen "Galleries for Photography" der Fotografie gewidmeten Pfeilerhalle.

Die Ausstellung zeichnet dabei auch einen Absturz aus den Höhen der Kunsthimmel auf den Boden der bitteren Realität von Kriegsfotografie nach, Millers Entwicklung von der Surrealistin zur Dokumentaristin. "Explodierende Hand" heißt ein Foto, das Miller in den Einkaufsstraßen von Paris schoss; sie wählte diesen Titel, weil die abgebildete Hand aufgrund von Lichtreflexen im Bildhintergrund auszufransen scheint. In der Albertina wirkt dieser Titel wie eine schaurige Vorahnung. In den Konzentrationslagern wird Miller hunderte Versehrte und Tote ablichten.

foto: lee miller archives england 2015; man ray trust / adagp, paris / bildrecht wien 2015
"Hals (Lee Miller)", fotografiert von Man Ray um 1930.

Von der Surrealistin zur Dokumentaristin

Zunächst begegnet man jedoch poetischen Blicken der Flaneurin oder Akten, weltentrückten Studioinszenierungen: Man Ray fotografierte die aus allen Richtungen und auch in den Details wunderschöne Miller, diese schoss zurück oder porträtierte sich selbst. Weg von den politischen Eskalationen der 1930er-Jahre führten aber auch Reisen, die Miller ab 1934 nach Ägypten, Athen oder Bukarest unternahm.

Hart ist dann der Kontrast zwischen den ruralen Atmosphären, die sie dort einfing, und Millers Blicken auf die Folgen des "London Blitz" 1940. Und doch: Noch angesichts der Verwüstungen durch die deutsche Wehrmacht zeigte die Künstlerin Verspieltheit: "1 Kapelle + 1 Bombe = Griechischer Tempel" heißt das Foto einer zerstörten Londoner Kapelle, von der fast nur noch die Fassade mit ihren Säulen übrig ist.

Als Modefotografin der Londoner Vogue dienten Lee Miller bisweilen Bombenschäden als Kulisse; hier wirken Brandschutzmasken wie modische Accessoires, dort inszeniert sich Miller im Tarnnetz. Erst als sie 1942 – übrigens als eine von fünf Frauen – Life-Kriegsreporterin wird, nimmt die Sachlichkeit überhand. Sie dokumentiert die Kriegsfolgen in Europa, auch in den Straßen Wiens, fotografiert etwa die zerbombte Albertina.

foto: lee miller archives england 2015
"Irmgard Seefried, Opernsängerin, singt eine Arie aus Madame Butterfly": Lee Miller dokumentiert 1945 die Zerstörungen am Wiener Opernhaus.

Am Ende der Poesie

Vorläufig vollends verebbt das Poetische ihrer Bilder dann angesichts der Kriegsverheerungen, die sie als Begleiterin amerikanischer Truppen in den KZs vorfindet. Leichenberge, ein Knochenhaufen im Krematorium, ein Ertrunkener. Verstörend sind auch Aufnahmen aus dem Büro des Leipziger Bürgermeisters, der sich zu Kriegsende gemeinsam mit Frau und Tochter das Leben nahm. Und dennoch trifft man immer wieder auf Bilder, in denen trotz aller gebotenen Nüchternheit der Blick der Kunstfotografin zur Wirkung kommt. Sie irritieren auf reizvolle Art.

Als ein Schlüssel zur Ausstellung stellt sich schließlich eine Fotoserie heraus, die am Set von Le sangue d'un poète (1930) entstand: Miller spielt in Jean Cocteaus Film eine klassische Statue – ein Motiv, das sich als roter Faden durch die Schau zieht. Immer wieder spielt die Künstlerin auf Statuen der Antike an; immer wieder setzt sie dieses Motiv, das wie der Ankerpunkt einer Hoffnung wirkt, auch dokumentarisch ins Bild, bisweilen in zerstörter Form. Dass schließlich auch im berühmten Badewannenbild eine antikisierende Statuette – aus der Hand des NS-Künstlers Rudolf Kaesbach – ihren Platz hat, verleiht dem Bild weitere bestrickende Ambivalenzen. (Roman Gerold, 10.5.2015)

Bis 16.8. in der Albertina.

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