Gregorits: "Das Weibliche kann entschärfen"

Interview9. Mai 2015, 13:12
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Petra Gregorits ist als erste Frau ins Präsidium von Rapid Wien eingezogen. Sie sieht sich als Vorhut und möchte Taten setzen

STANDARD: Was fasziniert Sie am Fußball allgemein und speziell an Rapid?

Gregorits: Fußball verbindet alle Bevölkerungs-, Alters- und Berufsgruppen. Man kann Emotionen ausleben, ein Gemeinschaftsgefühl im positiven Sinn entwickeln. Grünweiß zu sein, ist noch einmal eine Steigerung. Ich bin im elterlichen Gasthaus im Burgenland früh mit dem Thema Fußball und Rapid konfrontiert, das hat mich geprägt.

STANDARD: Rapid musste 116 Jahre alt werden, um eine Frau im Präsidium zu haben. Natürlich ist das bei anderen Vereinen auch nicht anders, da verstreichen möglicherweise noch einmal 116 Jahre. Sind Sie Vorreiterin oder doch nur die Ausnahme der Regel?

Gregorits: Das hoffe ich nicht. Ich fühle mich als Vorhut, beschäftige mich beruflich mit den Themen Gleichbehandlung und Chancengerechtigkeit. Es ist Zeit, diese Bereiche nicht nur ernsthaft zu diskutieren, sondern Taten zu setzen. In der Gesellschaft verändert sich etwas, auch im Fußball.

STANDARD: Wird es irgendwann Trainerinnen oder Sportdirektorinnen im Männerfußball geben?

Gregorits: Die Frage ist, wie wir irgendwann definieren. Es liegt nicht daran, ob Frauen etwas können oder gleichgut können, es liegt an den Strukturen. Solange Frauenfußball in der Breite fast inexistent ist, ändert sich wenig.

STANDARD: Als Marktforscherin betreiben Sie Zielgruppenmarketing. Wer ist Rapids Zielgruppe, worin besteht Handlungsbedarf?

Gregorits: Rapid hat viele Zielgruppen, man muss stärker in die Breite und in die Tiefe gehen. Ich bin total überrascht vom Zuspruch, den ich bekommen habe. Man muss alles attraktivieren, das neue Stadion ist ein Anfang.

STANDARD: Thema Angst und Gewalt. Eltern haben kein Problem damit, ihr Kind zu einem Tennis- oder Basketballmatch zu schicken. Beim Fußball ist das, berechtigt oder nicht, kaum der Fall. Wie kann man das ändern?

Gregorits: Sind Frauen in Führungsgremien, schneiden Unternehmen besser ab, das ist Fakt. Es geht um die Vielfalt, je breiter Teams aufgestellt sind, desto breiter sind auch die Lösungsansätze. Das Eindimensionale bringt wenig, das Weibliche kann entschärfen, die Kultur verändern. Gewalttätige Auseinandersetzungen sind bei Rapid in der jüngsten Vergangenheit glücklicherweise kaum bis nicht existent. Ich glaube an die vernünftige Auslegung von Emotionen und an die Möglichkeit, Aggressionen zu lindern.

STANDARD: Ein Fußballklub unterscheidet sich von anderen Unternehmen durch Emotionen. Mit Vor- und Nachteilen. Kann Rapid wie eine Möbelfirma funktionieren?

Gregorits: Emotion ist nicht das Problem, sondern das Alleinstellungsmerkmal. Es geht nicht darum, aus Fußballvereinen Konzerne zu machen, die Kommerzialisierung kann zu Schwierigkeiten führen. Aber man muss Managementstandards setzen, um das Gemeinschaftsgefühl leben zu können oder zu ermöglichen.

STANDARD: In der Gesellschaft gibt es eine Neid- oder Gerechtigkeitsdiskussion, Politiker und vor allem Manager gelten als überbezahlt. Kein Barcelona-Fan regt sich über Messis Gehalt auf. Bei Rapid-Kapitän Hofmann heißt es auch nicht, der verdient zu viel.

Gregorits: Gott sei Dank. Fußballer sind Vorreiter. Sie entwickeln Disziplin, zeigen Konsequenz, unterhalten und motivieren andere.

STANDARD: Ist Fußball Unterhaltung, vergleichbar mit Konzerten?

Gregorits: Im Fußball geht es darum, mit anderen etwas zu erleben. Ich kenne niemanden, der alleine ins Stadion oder auf ein Popkonzert geht. Ich war vor ein paar Wochen mit Freundinnen gegen Salzburg im Happel-Stadion. Wir saßen im VIP-Bereich. Meine Freundinnen haben gesagt, sie wollen beim nächsten Mal in der Kurve stehen. Fußball ist eine Auszeit vom Alltag. Speziell in Männerrunden wird im Endeffekt über Fußball gesprochen. Auch immer mehr Frauen landen bei diesem Thema. Ein wenig anders, nicht so im Detail.

STANDARD: Ein Mann, der im Präsidium eines Fußballklubs sitzt, würde nie gefragt werden, ob er die Abseitsregel kennt.

Gregorits: Man würde einen Mann auch nie fragen, wie er seine Kinder versorgt, wenn er gerade einen Karrieresprung macht. Das sind einfach die Klischeefragen, mit denen wir Frauen gelernt haben umzugehen. Da ich seit 20 Jahren selbstständig bin, werde ich solchen Unsinn nicht gefragt. Man glaubt halt, dass dies ein Lebensmodell ist, bei dem man alles vereinbaren kann.

STANDARD: Sie sind für die Bereiche Frauen und Familie zuständig. Klingt auch klischeehaft.

Gregorits: Ich soll in erster Linie Zugänge zu Netzwerken und Businessklubs öffnen. Netzwerke werden als männlich angesehen. Aber es geht darum, einen Wohlfühlfaktor zu schaffen, damit Familien gerne kommen.

STANDARD: Warum hat Rapid keine eigene Frauenmannschaft?

Gregorits: Wenn man etwas macht, sollte man es gescheit machen. Das hat eher mit der Infrastruktur zu tun. Frauen sagen nicht, wir gehen nicht ins Stadion, weil es keine Frauenmannschaft gibt. Aber bei Rapid ist das Thema am Radar, kurzfristig ist es nicht umsetzbar.

STANDARD: Sie werden mitunter als kantig beschrieben.

Gregorits: Was mich bei all meinen Engagements prägt, ist das Prinzip: Mach was draus. Und zwar gemeinsam. Ich bin kantig, aber nicht um jeden Preis.

STANDARD: Mit Verlaub. Auch mit Ihnen im Präsidium wird Rapid nie die Champions League gewinnen. Sind Sie Träumerin oder Realistin?

Gregorits: Das sagen Sie. Man muss Visionen vom Ende her andenken, es kann dann immer noch weniger werden. Insofern träume ich gerne. Vor zwei Jahren hat niemand an ein neues Stadion geglaubt. Vom Gewinn der Champions League rede ich sicher nicht. Drei nationale Titel in den nächsten zehn Jahren wären okay. (Christian Hackl, 9.5.2015)

Petra Gregorits (49) besitzt die PGM Marketing Research Consulting in Wien, ein Unternehmen für Marktforschung, Zielgruppenmarketing und Business-Developement. Sie stammt aus dem Burgenland und hat einen erwachsenen Sohn. Seit ein paar Tagen gehört sie dem Rapid-Präsidium an.

  • Gregorits: "Fußballer sind Vorreiter. Sie entwickeln Disziplin, zeigen Konsequenz,  unterhalten und motivieren andere."
    foto: privat

    Gregorits: "Fußballer sind Vorreiter. Sie entwickeln Disziplin, zeigen Konsequenz, unterhalten und motivieren andere."

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