"Der schottische Löwe hat gebrüllt"

8. Mai 2015, 17:49
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Schottlands Nationalisten werden in Westminster eine wichtige Rolle spielen

London/Edinburgh - Der Schottischen Nationalpartei (SNP) gelang am Wahltag die Überraschung schlechthin: Sie konnte die Zahl ihrer Abgeordneten im britischen Unterhaus von sechs auf 56 fast verzehnfachen. Das Verdienst - so sehen es viele Kommentatoren - ist vor allem jenes der 44-jährigen Nicola Sturgeon, die erst im vergangenen November die Parteiführung von Alex Salmond übernommen hatte. Damit wurde sie auch die erste Frau an der schottischen Regierungsspitze.

Nicht nur deswegen, sondern auch wegen ihrer sachlich-nüchternen Beharrlichkeit wird Sturgeon auf der Insel gelegentlich mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel verglichen. Doch sie kann auch bissig sein: Ihre Attacken auf die Sparpolitik des konservativen Londoner Premierministers David Cameron brachten ihr vor allem im linken Lager viel Beifall ein und sorgten über die Grenzen Schottlands hinaus für Aufsehen.

Durch ihren Erdrutschsieg am Donnerstag wird die SNP deutlichen Einfluss auf die künftige britische Regierung haben - nämlich auch dann, wenn es nicht zu der von der konservativen Presse als "Frankenstein"-Koalition geschmähten Koalition mit der Labour-Partei kommen wird. An den schottischen Nationalisten, nunmehr drittstärkste Kraft in Westminster, kommt niemand mehr so leicht vorbei.

Sturgeon könnte diesen Machtzuwachs für die Ansetzung eines neuen Referendums über die Unabhängigkeit Schottlands nutzen. Jenes im vergangenen September war ja gescheitert. Dennoch hatte die Kampagne damals der SNP enormen Auftrieb beschert: Die Zahl der Mitglieder hat sich seitdem vervierfacht.

Das Wahlergebnis vom Donnerstag warf umgehend die Frage nach einem weiteren Unabhängigkeitsreferendum auf. Doch Sturgeon betonte auch am Freitag, dass die Unabhängigkeit keine Priorität habe. Der Frage nach einem weiteren Referendum wich sie gleichwohl aus. Kaum jemand hat aber Zweifel daran, dass die SNP dieses Ziel weiter verfolgt.

Alex Salmond, der frühere Ministerpräsident von Schottland, wird künftig eine wichtige Rolle im Unterhaus spielen. Am Morgen nach der Wahl rief er bereits sehr selbstbewusst aus: "Der schottische Löwe hat gebrüllt." Soll heißen: Die Engländer können sich auf etwas gefasst machen. (ta, gian, 9.5.2015)

  • Abwarten und Tee trinken ist nicht die Sache von Nicola Sturgeon und Alex Salmond (re.). Sie konnten die SNP-Mandate verzehnfachen.
    foto: epa/joey kelly

    Abwarten und Tee trinken ist nicht die Sache von Nicola Sturgeon und Alex Salmond (re.). Sie konnten die SNP-Mandate verzehnfachen.

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