David Foster Wallace: Eine Übelkeit, die jedes Atom befällt

8. Mai 2015, 17:26
5 Postings

Über das Weiterleben des US-Autors: Eine frühe Erzählung über seine Depression und ein Spielfilm zeugen vom Interesse an seiner Person

Mit seinem Bandana, dem College-Boy-Outfit samt Schlabberpulli und Timberland-Boots erfüllte David Foster Wallace schon zu Lebzeiten das Erscheinungsbild eines Grunge-Popstars. Seine Bücher, allen voran Unendlicher Spaß, waren zwar zu vielstimmig, um dem US-Autor den zweifelhaften Ruhm zu erweisen, als Stimme einer Generation zu gelten, doch die Kombination aus öffentlichem Bild und einer Literatur, die der postindustriellen Lebensart eine Form zu verleihen versuchte, erklärt ziemlich gut, warum Wallace auch sieben Jahre nach seinem Tod die Nachwelt beschäftigt.

Auf dem Sundance-Filmfestival dieses Jahres erlebte The End of the Tour seine Weltpremiere, ein Film, der die Begegnung des Rolling Stone -Journalisten David Lipsky mit dem scheuen Schriftsteller im Jahr 1996 als Spielfilm rekonstruiert. Lipsky veröffentlichte die Vorlage, Although of Course You End Up Becoming Yourself, welche die fünftägige gemeinsamen Tour, bei der sich die jungen Autoren in Interviews aneinander maßen, rekapituliert - eines der aufschlussreichsten Bücher über Wallace -, selbst erst im Jahr 2010. Der Clou von James Ponsoldts Film (in Österreich noch ohne Verleih): Wallace wurde ausgerechnet mit Jason Segel besetzt - bekannt durch Bromance-Komödien wie I Love You, Man oder Forgetting Sarah Marshall. Seine Annäherung an Wallace bezeichnete dieser als Performance.

Fokus auf Persönlichem

Der David Foster Wallace Estate ging eilig auf Distanz zum Film, doch gerade deshalb fügt er sich trefflich ins Bild des popkulturellen Weiterlebens des Autors, das sich nur begrenzt kontrollieren lässt. Die Kritiker, etwa Jordan Hoffmann vom Guardian, waren vom Ergebnis (und nicht zuletzt von Segel) überraschend angetan: "Was The End of the Tour zu verkaufen versucht, und dies tut er gut, ist, dass Wallaces großes Herz für diese Zeiten einfach nicht gemacht war."

Dennoch kann man sich fragen, warum gerade bei einem mit seinem Ruhm hadernden Autor wie Wallace der Fokus so stark auf dem Nimbus der Person liegt. Symptomatisch ist dafür auch die Biografie von D. T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte, die sich dem Autor zwar mit eindrucksvoll detaillierter Recherche widmet, dann aber auch sein Schreiben, ja konkrete Texte, immer wieder auf biografische Erlebnisse, ja Wallace' labilen Zustand zurückbezieht.

Freilich sind Spuren der Depression, die ihn schließlich auch in den Freitod trieb, in seinem Werk, an vielen Stellen zu entdecken, etwa in Kurze Interviews mit fiesen Männern. Dennoch erscheint es zu naheliegend, so stark auf eine Art Abbildungslogik zu beharren. Einer von Wallace' ersten, noch auf dem Amherst College 1984 erschienenen Texte - er war damals 22 Jahre alt -, der nun auch in einer zweisprachigen Fassung vorliegt, zeigt dies anschaulich: In Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache befasst sich Wallace direkt mit seiner Krankheit, die zu einem Selbstmordversuch in der Badewanne führt und darüber schließlich zu seinem Erstkontakt mit Antidepressiva.

Als Planet Trillaphon bezeichnet Wallace jene schallgedämpfte Welt, in die er durch die Medikamente eintritt - ein Ort, in dem das Leben selbst ausgeblendet ist.

Der knapp über 50 Seiten lange Text ist in einem eher saloppen, ins Komische gedrechselten Tonfall verfasst, der zum eigenen Leiden auf Distanz geht. Der Erzähler sucht kein Mitgefühl, er will die Depression mit den Mitteln der Sprache bannen. Selten hat man eine bezwingendere Beschreibung des depressiven Gesamtgefühls gelesen, eines Zustands, in dem "jeder einzelnen Stelle deines Körpers so übel wie bei einer Magenverstimmung" ist. Der Selbstmord sei in der Logik dieses Elends "nur eine reine Formsache, einen Sachverhalt herzustellen, dessen Substanz schon lange in dir existiert."

In dem klinischen Bild schimmert dennoch auch das durch, was Wallace in seinem Werk in verschiedenen Abstufungen auch in der Gesellschaft bemerkt und darzustellen versucht hat: eine Abkapselung des Menschen von der Welt, von anderen Menschen, von sich selbst. Die Depression ist auch eine Metapher für die Differenz, die uns vom Leben trennt - Wallace hat den Abgrund wie den Krater eines Vulkans beschritten. (Dominik Kamalzadeh, 8.5.2015)

David Foster Wallace, "Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache". Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach, € 6,20 / 112 Seiten. Kiwi, Köln 2015

  • US-Autor David Foster Wallace beschäftigt die Welt auch sieben Jahre nach seinem Tod.
    foto: archiv

    US-Autor David Foster Wallace beschäftigt die Welt auch sieben Jahre nach seinem Tod.


  • US-Comedian Jason Segel (re.) als Wallace in dem Spielfilm "The End of the Tour".
    foto: ap

    US-Comedian Jason Segel (re.) als Wallace in dem Spielfilm "The End of the Tour".


Share if you care.