Putins Verliererpatriotismus

Kommentar der anderen8. Mai 2015, 17:13
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Mit seiner großen Militärparade in Moskau verschleiert der russische Präsident, dass sein Land keine Supermacht mehr ist, sondern nur noch verzweifelt um Relevanz zu kämpfen versucht

Die Maiparade in Moskau 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges verspricht die größte derartige Feier seit Zusammenbruch der Sowjetunion zu werden. Rund 16.000 Soldaten, 200 Panzerfahrzeuge und 150 Flugzeuge und Hubschrauber sollen über den Roten Platz marschieren, rollen bzw. fliegen. Es wird eine Kulisse, die sowjetischen Staats- und Parteichefs wie Leonid Breschnew und Nikita Chruschtschow durchaus vertraut wäre.

Doch obwohl Russlands Verbündete im Zweiten Weltkrieg aus Europa und Nordamerika stammten, werden an den diesjährigen Feiern keine westlichen Staats- oder Regierungschefs teilnehmen - was die Ablehnung von Putins Invasion in der Ukraine und seiner Annexion der Krim widerspiegelt. Stattdessen werden zu Putins hochrangigen Gästen führende Politiker aus China, Indien und Nordkorea gehören, was zeigt, wie wenige Freunde Russland dieser Tage tatsächlich noch hat.

Der surreale Charakter dieses Zusammenkommens spiegelt die zunehmend bizarre Beschaffenheit des Putin-Regimes wider. Tatsächlich erinnert das heutige Russland den Betrachter an die letzte Fortsetzung der X-Men-Filmreihe, Zukunft ist Vergangenheit. Genau wie sich die X-Men in dem Film mit jüngeren Versionen ihrer selbst zusammentun, um der Menschheit eine Zukunft zu gewährleisten, orientiert sich der Kreml heute in dem, was er als Überlebenskampf des Landes betrachtet, an Russlands sowjetischer Vergangenheit.

Allenthalben Nazis

Damit diese Strategie funktioniert, wirft die russische Propaganda den heutigen Westen mit den Deutschen, die 1941 in Russland einmarschierten, in einen Topf und stellt zugleich die Vertreter der ukrainischen Regierung als "Faschisten" und "Neonazis" dar. Der Kreml stützt sich auf derartige Behauptungen sowie die vorgebliche Notwendigkeit, Russen im Ausland zu verteidigen, um seine Aggression gegenüber der Ukraine zu rechtfertigen. In seiner Rede nach der Annexion der Krim behauptete Putin, die Weigerung des Westens, "in einen Dialog einzutreten", habe Russland keine andere Wahl gelassen. "Wir schlagen kontinuierlich eine Zusammenarbeit in allen wichtigen Fragen vor", erklärte er. "Wir möchten unser Vertrauensverhältnis stärken und streben nach gleichberechtigten, offenen und fairen Beziehungen. Doch wir haben keine entsprechenden Schritte der anderen Seite gesehen."

Dasselbe Bild der Russen als moralisch überlegener Opfer eines grausamen, kompromisslosen Westens verstärkte Putin wenig später erneut. "Wir sind weniger pragmatisch als andere, weniger berechnend", behauptete er und fügte dann hinzu, dass Russlands "Großartigkeit" und "enorme Größe" bedeuteten, dass "wir ein großzügigeres Herz haben".

Parallelen zu Stalin

Es ist nicht schwer, die Parallelen zwischen Putins Strategie und der Josef Stalins zu erkennen, der zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erklärte, der "Feind" ziele darauf ab, Russlands "nationale Kultur" zu zerstören und seine Menschen zu "germanisieren" und zu "versklaven". Der Unterschied ist natürlich, dass die Wehrmacht tatsächlich in der Sowjetunion einmarschiert war, während die Ukraine lediglich ihre Zukunft selbst bestimmen wollte. Ohne Stalin verteidigen zu wollen, muss man den enormen sowjetischen Beitrag zum Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg anerkennen. Allein 26 Millionen Bürger ließen dabei ihr Leben.

Damals war die Militärparade auf dem Roten Platz mit nahezu 35.000 Soldaten, bis zu 1900 Stücken an Militärausrüstung und einem 1400 Mann umfassenden Orchester ein wohlverdientes Spektakel. Die Sowjetführung scheute bei der Ausrichtung militärischer Darstellungen keine Kosten, und in Ermangelung einer militärischen Bedrohung von außen wurden sie zu einem wichtigen Instrument zur Förderung der nationalen Einheit.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion allerdings legte Russland seine Militärspektakel auf Eis. Doch im Jahr 2005 hielt Putin anlässlich des 60. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges eine große Parade ab, an der die westlichen Führungen, die damals noch glaubten, dass Russland eine Zukunft innerhalb Europas haben könnte, teilnahmen. Der Ton der diesjährigen Feierlichkeiten zum Siegestag ist deutlich weniger zukunftsgerichtet. Wie kann man das Ende eines Krieges feiern, wenn zugleich die Nachfahren jener, die diesen Krieg (fraglos in der Hoffnung, dass künftige Generationen in Frieden würden leben können) bestritten, einander in einem brutalen Kleinkrieg in der Ostukraine gegenseitig umbringen? Was soll ein Feuerwerk inmitten von echtem Raketenbeschuss?

Der Historiker Robert Paxton war der Ansicht, man könne anhand der Paraden eines Landes viel über das Land selbst aussagen. In seinem 1966 erschienenen Buch Parades and Politics at Vichy beschreibt er, wie Philippe Pétain als Staatschef von Vichy-Frankreich Paraden, eine reaktionäre Politik und natürlich eine Partnerschaft mit Adolf Hitler nutzte, um bei seinem besiegten Land den falschen Glauben zu erwecken, es spiele weiter eine wichtige Rolle in der Welt.

Die vom Vichy-Regime vertretene Art von autoritärem Traditionalismus idealisierte Familie und Vaterland, wobei Pétain, ein ehemaliger Militärkommandeur, in herausragender Position auf der Tribüne als eine Art Militärkönig fungierte. Die Parallelen zu Putins Russland sind eindeutig. Putin sieht sich selbst als neuen Zaren. Sein KGB-Hintergrund diktiert seinen Führungsstil, der die Abschaffung freier Wahlen, die Verfolgung politischer Gegner und die Förderung konservativer Werte (die er wie Pétain dem Einfluss eines "dekadenten" Westens gegenüberstellt) einschließt.

Antidemokratisches Bündnis

Hiervon ausgehend hat Putin Bündnisse zu Leuten wie dem syrischen Präsidenten Bashar al-Assad geknüpft. China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist in dieser Sammlung befreundeter antidemokratischer Staaten eine nützliche Ergänzung, da es seine eigenen strategischen Probleme mit dem Westen hat. Anders als China jedoch ist Russland keine aufstrebende Supermacht. Putin mag versuchen, sein Handeln in der Ukraine als Kampf gegen den Faschismus darzustellen.

In Wahrheit jedoch ist es ein Kampf um Relevanz - den er nicht gewinnen kann. Egal, wie grandios die Parade ist, er kann die Wahrheit nicht verbergen: Russlands Tage als Supermacht sind perdu. Putins Patriotismus - wie der Pétains - ist einer der Verlierer.(Nina L. Chruschtschewa, Übersetzung: J. Doolan, © Project Syndicate, 8.5.2015)

Nina Chruschtschowa (Jg. 1964) ist Dekanin an der New School in New York und Senior Fellow am World Policy Institute.

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