Widerstand gegen das absolut Böse

Kolumne8. Mai 2015, 17:09
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Gelohnt wurde es den Widerständlern kaum

Stellen wir uns vor: Wir leben unter einem Regime von zugleich unerhörter Brutalität und Effizienz. Wir werden verfolgt, eingesperrt, gefoltert, zu Tode gequält, nur weil wir anders sind. Die Spitzel des Regimes sind überall, auch in der eigenen Familie und unter den Freunden. Mehr noch, die Mehrheit des eigenen Volkes ist entweder begeistert für das Regime oder läuft ängstlich-gleichgültig mit. Die Aussicht, das Regime zu stürzen, ist gleich null, die Aussicht, den Tod zu erleiden, oft nach schrecklicher Qual, fast hundert.

Dennoch leisten manche Widerstand. Es waren etwa 17.000 Österreicher, die sich im Dritten Reich der nationalsozialistischen Herrschaft widersetzten. Etwa 8000 bezahlten es mit dem Leben. Es ist schwer, diesen Heroismus heute nachzuvollziehen. Wer von uns hätte diesen Mut? Manche waren von jugendlicher Naivität, wie mein ehemaliger Deutsch- und Geschichtslehrer am Amerling-Gymnasium, Herrmann Lein, Teilnehmer der Rosenkranzfeier am 7. Oktober 1938 im und vor dem Stephans- dom, mit 10.000 Teilnehmern die einzige Massendemonstration gegen die Nazis in Österreich. Er verlor in Dachau und Mauthausen fast sein Leben.

Andere, wie der spätere Verleger Fritz Molden aus bildungsbürgerlichem Haus, waren von humanistischen Freiheitsideen zu Taten größter Gefährlichkeit (Kontakte mit Widerstand und Alliierten im Ausland) motiviert. Viele, die meisten, waren durch eiserne Parteidisziplin und Glauben an die Zukunft der Arbeiterklasse zu hartnäckigstem Widerstand fähig. Wieder andere, wie die Ordensschwester Maria Restituta, inzwischen seliggesprochen, verabscheuten aus tiefer christlicher Überzeugung die Bestialität des Regimes.

Der "Widerstand" war oft symbolisch, individuell, nicht organisiert. Widerstand war, einen Witz zu erzählen, sich sorgenvoll über den Ausgang des Krieges zu äußern. Oder, schon bewusster, Flugblätter zu verteilen, Deserteure und/oder Juden zu verstecken, Sabotage in der Rüstungsindustrie bis hin zum bewaffneten Widerstand, der im Rahmen slowenischer Partisanenverbände vor allem in Kärnten stattfand.

Rund 50 Prozent des Widerstandes war kommunistisch (davon rund 75 Prozent frühere Sozialisten). "Das zweite große Widerstandslager bildeten die zahlreichen katholisch-konservativen und legitimistischen Widerstandsgruppen", schreibt Wolfgang Neugebauer, langjähriger Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW). Etwa sieben Prozent der Widerständler waren Frauen.

Was hat der Widerstand bewirkt? Wofür diese fürchterlichen Opfer? Wolfgang Neugebauer sagt klar: "Gemessen an der nicht geringen Zahl der Opfer waren die praktischen Ergebnisse des Widerstandskampfes - etwa in Richtung einer Gefährdung des NS-Regimes, einer ernstlichen Schädigung der NS-Kriegsmaschinerie oder der Erringung der Hegemonie in der Bevölkerung - eher bescheiden."

Dennoch hatte der Widerstand einen politischen und moralischen Wert. Politisch, weil er "der eigene Beitrag" Österreichs war, der für die Unabhängigkeit des Landes in der Moskauer Deklaration von 1943 gefordert wurde. Moralisch, weil irgendjemand beweisen muss, dass das absolut Böse nicht die absolute Herrschaft errungen hat.

Gelohnt wurde es den Widerständlern kaum. Von den Berufspolitikern wurden sie nach 1945 beiseitegeschoben. Sie mussten zusehen, wie ÖVP und SPÖ die alten Nazis umwarben. Sie mussten akzeptieren, dass ihnen oft persönlich bekannte Denunzianten, Folterer und Mörder unbehelligt weiterlebten, SS-Männer Pensionen zogen. Dass bis tief in die Achtzigerjahre hinein Verharmlosung, Vertuschung und sogar offene Verklärung der NS-Verbrechen gang und gäbe waren. Erst dann ist eine Diskussion losgebrochen, die heute dazu geführt hat, dass die Mehrheit der Jüngeren der NS-Ideologie kritisch gegenübersteht - wenn sich auch die rechtsextremen Vorfälle und Straftaten beunruhigend häufen. (Hans Rauscher, 8.5.2015)

Wolfgang Neugebauer, "Der österreichische Widerstand 1938- 1945". Wien, Edition Steinbauer, 2015

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