Nachrichten aus dem Mitleidsmarkt

Kommentar der anderen8. Mai 2015, 17:05
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Medien und Hilfsorganisationen sind in der Berichterstattung aus Katastrophen- und Krisengebieten inzwischen eine Symbiose eingegangen, die keiner der beiden Seiten guttut. Im Gegenteil

Ich war in Zaatari, dem größten Lager für syrische Flüchtlinge in Jordanien, zwölf Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Dort leben 100.000 Menschen, die vor dem Krieg aus Syrien geflohen sind. Als Journalistin in einem Flüchtlingslager zu sein bedeutet, "embedded", also eingebunden zu sein in das System des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) und anderer UN-Organisationen und NGOs, die in Zaatari arbeiten.

Ich sah Medienvertreter, die das Flüchtlingslager einen oder zwei Tage besuchten und die ganze Zeit über von Unicef begleitet wurden, die ihnen Schulen und Kindergärten zeigten. Seitens der Hilfsorganisationen gibt es große Bedenken, welche Geschichten erzählt werden. Warum?

Hilfsarbeit findet in einem wettbewerbsintensiven Mitleidsmarkt statt. Hilfsorganisationen konkurrieren um Spenden und somit auch um Medienberichterstattung - positive Medienberichterstattung. Zur Sicherung ihres Platzes auf dem sich schnell drehenden Medienkarussell führen sie deutlich sichtbare Kampagnen durch, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen - besonders nach abrupten Katastrophen. So verschwand Sri Lanka nach dem Tsunami in einem Meer von Fahnen und Organisationslogos.

Dieser umkämpfte Mitleidsmarkt führt zu einem Mangel an Transparenz. Ein falsches Bild der Katastrophe wird vermittelt. Hilfsorganisationen neigen bei ihrer Kommunikation zu Übertreibungen, um Spender zu gewinnen: am Beginn über das Ausmaß der Katastrophe und danach darüber, wieweit die Organisation alles unter Kontrolle habe. Die Hauptbotschaft an Spender lautet, dass ihre Hilfe die betroffenen Menschen erreicht, verabsäumt es jedoch, die dafür notwendigen Anstrengungen zu erwähnen.

Jene, die im Hilfssektor tätig sind, sind sich dieser Spannungen bewusst, aber dennoch zögern viele, dies öffentlich zuzugeben. Es widerspricht dem karitativen Charakter einer Hilfsorganisation, sich in einem wettbewerbsintensiven Markt zu behaupten. Journalisten unterstützen oft dieses falsche Bild, zum einen, weil sie in der Eile einer Katastrophe leichten Zugang zu Geschichten benötigen, und zum anderen, weil das Embedding Zugang zu einfachen Geschichten ermöglicht.

Wir haben einen kritischen Punkt erreicht, was die Berichterstattung aus Katastrophen- und Krisengebieten anbelangt. Es ist bekannt, dass sich die Auslandsberichterstattung in finanziell schwierigen Zeiten befindet. Wer wird also in Zukunft über Katastrophen und Konflikte berichten?

Hilfsorganisationen sind selbst zu Reportern für Mainstream-Medien geworden, indem sie zum Beispiel Video- und Audioaufnahmen, Artikel und Tagebücher von Mitarbeitern zur Verfügung stellen. Sie agieren als Koproduzenten. Es wird kompliziert, wenn Hilfsorganisationen zu Inhaltsanbietern werden. Es wirft Fragen über Zuverlässigkeit und Genauigkeit auf. Können wir uns sicher sein, wer zu uns spricht?

Hinsichtlich der Beziehungen zwischen Katastrophenhelfern und Journalisten gibt es auf beiden Seiten ein hohes Ausmaß an Frustration, was die mediale Vermittlung von Katastrophen betrifft: "Vereinfachende und klischeehafte Berichterstattung", sagen die Hilfsorganisationen. "Zögerlich, einige der schwierigeren Probleme der Arbeit in Konfliktzonen anzusprechen", meinen die Journalisten laut Studie des International Broadcasting Trust.

Es gibt keine unmittelbare Lösung bei Konflikten oder Katastrophen. Dennoch verwenden Hilfsorganisationen eine einfache Sprache, um die Komplexität einer Situation zu kommunizieren. Journalisten greifen diese Sprache auf, indem sie aus der Sicht von weißen Katastrophenhelfern über deren Anstrengungen, weit entfernte Hilfebedürftige zu erreichen, berichten und dabei weder Zeit noch Raum finden, das Wie zu hinterfragen. Erst später konzentrieren sich die Medien darauf, was schiefgegangen ist, und konfrontieren die Öffentlichkeit mit heftiger und oft polemischer Kritik an der Hilfsindustrie. Keines dieser beiden Extreme hilft, um die facettenreiche Realität zu verstehen.

Weshalb sollen wir über Katastrophen und Konflikte berichten? Katastrophen und Konflikte haben Folgen in einer zunehmend vernetzten Welt. Das Internet hat die Welt kleiner gemacht. Mittels diverser Kommunikationstechnologien erhalten wir unverzüglich Bilder der Verzweiflung und hören unmittelbare Stimmen aus chaotischen Situationen. In aller Welt gibt es Menschenströme als Folge von Katastrophen und jene, die in früheren Wellen eintrafen, können ein Land hinsichtlich Berichterstattung und Hilfebeiträge für die Betroffenen beeinflussen.

Transparenz in der Kommunikation jener, die Hilfe leisten, würde es erlauben, ein Verhältnis von Vertrauen und Glaubwürdigkeit mit der Öffentlichkeit aufzubauen. Dies würde dazu führen, dass man Medienkonsumenten wie Erwachsene behandelt. Und ebenso wichtig: Es würde unrealistische Erwartungen an Hilfeleistung reduzieren. Es würde jeder Organisation ermöglichen, ein realistisches Bild der Höhen und Tiefen zu zeigen statt Hochglanzansichten. Und es vermeidet Medienporträts von Hilfsengeln und deren aufopfernden Bemühungen, den Betroffenen zu helfen. (Monika Kalcsics, 8.5.2015)

Monika Kalcsics (Jg. 1974) ist Ö1-Journalistin. Sie war Stipendiatin am Reuters-Institut in Oxford und neben ihrer journalistischen Tätigkeit auch Katastrophenhelferin bei der Caritas.

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